Basel Orgiastischer Klangrausch

Von Willi Vogl

Basel. „More than Minimal“, das Minifestival und die damit verbundene Tournee nach England kann als Lebensresümee von Dennis Russell Davies wahrgenommen werden. Der Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel feiert dieser Tage seinen 70. Geburtstag und hat bei einer Reihe von zeitgenössischen Komponisten Werke in Auftrag gegeben, die inzwischen auf dem besten Weg zu Repertoirestücken sind.

Im Eröffnungskonzert präsentierte Davies dem Publikum mit Werken von Michael Nyman, Philip Glass und John Adams jüngere Musikgeschichte der respektlos fröhlich anderen Art. Gemeinsam ist den drei Komponisten, dass sie sich alle mit der schweren Kost europäischer Musiktraditionen befasst haben. Letztlich reiben sie sich jedoch in der Verwendung von repetitiven Spielfiguren und oft unverstellten Dreiklängen an der Naivität aktueller popmusikalischer Stile. Dies mag ein Grund mehr gewesen sein für den gut gefüllten Konzertsaal des Stadtcasinos mit einem Publikum durch alle Altersschichten.

Fern verständnishemmender Komplexität, gleichsam im Nirwana des reinen Wohlklangs bewegte sich Michael Nymans „Suite aus Prospero’s Books“. Scheinbare Begleitfiguren der Streicher wurden als Vordergrund wahrgenommen, bis sich mit den Kantilenen der Bläser zunehmend ernsthaftere Objekte im Ohr festsetzten. Diese Musik kam mit ihren unvermittelten Anfängen und Abbrüchen sowie in ihrer etwas schematischen Motorik allzu vorhersehbar daher. Dennoch entwickelte sie fern von Kategorien wie Modulation, Dissonanz oder Dramatik einen gewissen Sog, der nicht zuletzt durch den ausgezeichneten Klangsinn des Orchesters mitbefördert wurde.

Die von Philip Glass zum Cellokonzert umgeformte Filmmusik Naqoyqatsi wurde 2012 von Davies uraufgeführt. Matt Haimovitz, der Premierensolist mit dem Cincinnati Symphony Orchestra spielte auch die Europäische Erstaufführung in Basel. Die einzelnen Sätze zeigten sich tendenziell in einheitlichen Klangbildern und großflächiger Musterbildung. Kontraste entstanden hauptsächlich im plakativen und abrupten Wechsel von Farben und Mustern. Dabei verstand es Haimovitz vortrefflich, dem notierten Singsang seines Soloparts die eine oder andere expressive Note einzuverleiben. Vor allem in mehrgriffigen Passagen und im souveränen Flageolettspiel wusste er sowohl mit souveräner Technik als auch enormer Fantasie für reduzierte Melodiepartikel zu begeistern.

Bei Nyman und Glass traten Figur und Klang als vereinzeltes Ereignis auf. In John Adams Harmonielehre gehen diese Elemente eine raffinierte Mischung ein, bilden gleichsam ein klangliches Amalgam. Bei Nyman und Glass musste das Orchester klanglichen Puderzucker über die Noten streuen, um die Musik zum Leben zu erwecken. Bei Adams ging es darum, den Strom vielfältig ineinander verzahnter Figuren immer wieder neu auszubalancieren.

Beinahe schien es so, als ob die Werkzusammenstellung des Dirigenten einer pädagogischen Absicht folgte. Vom Einzelnen zum Ganzen, von abgezählter Wiederholung zum orgiastischen Klangrausch.

Das Streicherheer ist mit 15 Holzbläsern, 13 Blechbläsern und sechs Schlagzeugern gehörig aufgerüsteten. Davies entwickelte mit untrüglichem Gespür und stupendem Ordnungssinn im dichten Gewebe der pulsierenden, wabernden und lustvoll quäkenden Klangmassen jede melodische Linien zu einem expressiven Ereignis. Das Orchester spielte exzellent. Da wurde man etwa im 2. Satz mit extremen Kontrasten zwischen brachialem Bassgrollen und dem verwundeten Sirren der Geigen konfrontiert, war von blitzsauberen Unisoni aller vier Trompeten in höchster Lage getroffen, konnte knackig artikulierende Holzbläser bewundern oder sich vom intensiven Spiel der Streicher bis ans letzte Pult begeistern lassen.

Ein denkwürdiger Abend. Mit Dennis Russel Davies und diesem Orchester lässt sich in Basel auch zukünftig Musikgeschichte schreiben.

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