Basel Epidemiologe rechnet mit vierter Welle

 Foto: Die Oberbadische

Basel -  Bei einem Streifzug durch die Basler Innenstadt gibt es kaum noch Anzeichen von einer Pandemie: Public Viewing ohne Maske, keine Abstände an den Tischen und eine allgemein lockere Stimmung. Gefühlt wähnt sich Basel in Sicherheit, doch wie sorglos können die Basler wirklich sein mit Blick auf den Herbst? Unsere Zeitung hat bei Epidemiologe Richard Neher nachgefragt.

Ähnlich wie im vergangenen Jahr sinken die Inzidenzwerte im Sommer. Auch damals glaubte der eine oder andere, die Corona-Pandemie endlich hinter sich lassen zu können. Doch bereits in den vergangenen Tagen sind die Corona-Neuinfektionen in der Schweiz wieder leicht angestiegen.

Frage: Herr Neher, glauben Sie, dass wir im Herbst auch wieder auf eine nächste Welle zusteuern werden?

Ja, wir müssen davon ausgehen, dass die Fallzahlen wieder steigen werden – zum Teil hat das ja schon begonnen. Ich erwarte, dass es im Herbst oder schon im Spätsommer wieder zu einer Welle kommt.

Frage: Könnte die Delta-Variante eine mögliche vierte Welle in naher Zukunft auslösen? Oder kann mit einer steigenden Impfquote gegengesteuert werden?

Die Delta-Variante ist deutlich übertragbarer und scheint auch häufiger zu Reinfektionen oder Infektionen von Geimpften zu führen als andere Varianten. Trotzdem kann eine hohe Durchimpfungsrate eine solche Welle verlangsamen und noch wichtiger die Zahl der schweren Fälle in Grenzen halten.

Frage: Wie stufen Sie die Delta-Variante im Vergleich zu den anderen Sars-CoV-2-Varianten ein?

Die Delta-Variante vereint in gewisser Weise Eigenschaften anderer Varianten. Zum einen ist sie übertragbarer – mehr noch als Alpha – zum anderen kann sie zumindest teilweise den Immunschutz unterlaufen – wie zum Beispiel Beta.

Impfdurchbrüche oder Reinfektionen sind hoffentlich meist mild, aber unter den bisher bekannten Varianten ist Delta sicherlich die gefährlichste, und sie breitet sich weltweit aus – in Ländern, denen bisher wenig Impfstoff zur Verfügung stand, oft mit katastrophalen Folgen. Davon bekommen wir aber meist nur wenig mit.

Frage: Was sollte die Politik mit Blick auf den Herbst unternehmen?

Aktuell ist das Wichtigste, die Impfquote zu erhöhen. Wenn statt 85, 90 oder gar 95 Prozent der Risikogruppen geimpft sind, wie zum Beispiel in Großbritannien, reduziert das die Zahl der schweren Fälle deutlich. Darüber hinaus sollte man jetzt zum Beispiel in Lüftungs- und Filtersysteme investieren und CO 2-Sensoren etablieren.

Dies hilft nicht nur, Coronavirusübertragungen zu verlangsamen, sondern auch die Verbreitung anderer Krankheitserreger einzudämmen – und das, ohne uns einzuschränken.

Frage: Studien gehen davon aus, dass durch die mRNA-Impfstoffe ein langfristiger Schutz gewährleistet werden kann. Wie schätzen Sie die Forschungsergebnisse ein?

Ja, ich gehe davon aus, dass die Impfung dauerhaft vor gravierenden Erkrankungen schützt. Es ist für das Virus deutlich schwerer, die T-Zell Immunität zu umgehen, als Erkennung durch Antikörper zu vermeiden. Vereinfacht gesagt, schützen Letztere vor Infektion, Erstere beeinflussen den Krankheitsverlauf. Daher sind Wiederinfektionen durchaus zu erwarten, aber eben meist mit mildem Verlauf.

Der Wissenschaftler Richard Neher ist Epidemiologe und außerordentlicher Professor am Biozentrum der Universität Basel. Er leitet unter anderem eine Forschungsgruppe, die die Entwicklung von Viren und Bakterien untersucht. Seit Mitte Januar 2020 beschäftigt sich der Epidemiologe mit der Evolution des Sars-CoV-2-Virus.

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