Basel Sanierung bremst Brauchtum aus

Adrian Steineck
Der Dreizack-Brunnen, Ort der „Neijoors-Aadringgede“, ist derzeit abgebaut. Foto: Juri Weiss

Der Jahreswechsel wird sich wohl auch diesmal wieder für viele ungewohnt anfühlen. Wie bereits im vergangenen Jahr ist er geprägt von der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Regeln wie etwa dem Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper. Auch in Basel kann mit der „Neijoors-Aadringgede“ eine von vielen geschätzte Tradtion bereits zum zweiten Mal nicht stattfinden – allerdings liegt dies nur teilweise an der nach wie vor grassierenden Pandemie.

Von Adrian Steineck

Basel. Bis zum Neujahrstag 2020 war die „Neijoors-Aadringgede“ ein Besuchermagnet, sagt Raoul Furlano im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Mediziner ist Zunftmeister der Basler Handwerkerzunft „Zum Goldenen Stern“, die im 13. Jahrhundert – das genaue Gründungsjahr ist ungewiss – als Vereinigung der Scherer, Bader, Wundärzte und Chirurgen gegründet wurde. Heute aber steht sie allen Berufsständen offen, ebenso wie das traditionelle Antrinken des neuen Jahres allen Menschen offensteht. „Einmal hatten wir sogar eine Touristengruppe aus Rom dabei, da habe ich in meiner Neujahrsrede auch etwas auf Italienisch gesagt“, erinnert sich Furlano.

Brunnen spendet statt Wasser Wein

Aber der Reihe nach. Was geschieht bei der „Neijoors-Aadringgede“ überhaupt? Im Mittelpunkt steht der Dreizackbrunnen an der Ecke Münsterberg/Freie Straße. Dieser wird zum Neujahrstag mittels einer künstlerisch gestalteten Leitung zur Hypokras-Fontäne umfunktioniert und spendet statt Wasser den in Basel beliebten traditionellen Gewürzwein. Zum Hypokras werden üblicherweise Basler Läckerli gereicht, und Zunftmeister Raoul Furlano hält eine Rede vor den Anwesenden. Am Neujahrstag 2019 etwa rief er die Besucher zu mehr Gelassenheit auf, was durch die später folgende Corona-Pandemie nichts an Aktualität verloren hat.

Am Neujahrstag 2022 aber fällt diese Veranstaltung aus. Auch wegen Corona, wie Furlano sagt. „Wir hätten den Platz um den Brunnen herum absperren müssen“, schildert er die Umstände. Hauptgrund aber ist die derzeitige Sanierung der Freien Straße, in deren Zuge auch der Dreizackbrunnen abgebaut wurde. Erst im Sommer soll er – etwas versetzt – wiedereröffnet werden. Zu diesem Anlass werde auch die Zunft zum Goldenen Stern mit den Tambouren ihres Zunftspiels auftreten und für den musikalischen Rahmen sorgen. Aber bis dahin gibt es den Dreizackbrunnen als Schauplatz des Geschehens am Neujahrstag nicht.

Alte Basler Tradition wurde 1995 wiederbelebt

Die „Neijoors-Aadringgede“ ist eine alte Basler Tradition, welche die Zunft „Zum Goldenen Stern“ Mitte der 1990er-Jahre wiederbelebt hat. Der damalige Zunftmeister Ernst Mollet setzte sich dafür ein, die „Aadringgede“ neu zu gestalten. Bis dahin wurde zum Neujahrsapéro jahrzehntelang abgeschieden von der Öffentlichkeit in den Zunft-Stuben angestoßen. Mollet sorgte mit seiner Idee des sprudelnden Brunnens dafür, dass auch andere Menschen am Neujahrsumtrunk teilnehmen konnten. Der heutige Zunftmeister Raoul Furlano führte dann die Ansprache zum neuen Jahr ein. „Wichtig ist uns vor allem, dass die Veranstaltung für alle offen ist“, schildert er die Idee dahinter. Auch im Jahr 2023 soll das dann wieder so sein. Der Ort kommt nicht von ungefähr, denn das Haus zum goldenen Stern befand sich an der heutigen Freien Straße 71. Das zuletzt im Jahr 1832 umgebaute Zunfthaus wurde 1889 abgerissen. Heute steht an seiner Stelle ein Geschäftsgebäude.

Basel ist reich an Brauchtum zum Neujahr

Aufschluss über weitere Bräuche zum Jahreswechsel gibt das Buch „Basler Sitten“ von Johanna von der Mühll. Die Autorin beschreibt darin unter anderem die Verpflichtungen, die es im 19. Jahrhundert am letzten Tag eines Jahres wahrzunehmen galt. Etwa die Finanziellen: „Der Hausarzt, welcher oft ein Freund des Hauses, wenn nicht gar ein näherer oder fernerer Verwandter war, pflegt keine Rechnung zu schicken. Dafür wurde jeder seiner Besuche getreulich aufgeschrieben. Am Silvesterabend rechnete man die Zahl der Hausbesuche nach, tat das entsprechende Honorar in Gold in einen Briefumschlag und übersandte es auf den Neujahrstag ins Haus des Arztes.“

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