Basel Schweizer Buchpreis für Anna Stern

Foto: Flavia Schaub Foto: Die Oberbadische

Von Andrea Fiedler

Basel. Überraschung – das ist der Schweizer Buchpreis 2020 in jeglicher Hinsicht. Als am Sonntag im Foyer des Theaters Basel der Preis verkündet wurde, hatte wohl niemand die junge Autorin Anna Stern mit ihrem Trauerroman „das alles hier, jetzt.“ auf dem Schirm.

Am wenigsten die Autorin selber. Die 30-jährige schmale Frau mit den kurzen Haaren und der markanten runden Brille zeigte kaum eine Regung, kein Lächeln, als sie frisch gekürt mit einem Blumenstrauß auf den Stufen des Theaterfoyers stand. Sie schien völlig überrumpelt von der Tatsache, dass sie mit ihrem vierten Roman ausgezeichnet wurde.

Sprachlich ungewöhnlich

Neben diesen hat Stern bereits einen Band mit Erzählungen publiziert. Sie wurde 2018 mit dem 3sat-Preis der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ausgezeichnet. Derzeit schreibt sie zudem an der ETH Zürich zum Thema Antibiotikaresistenzen an ihrer Doktorarbeit.

Ihr Roman „das alles hier, jetzt.“ ist eine intime Trauergeschichte, erzählt aus der Perspektive einer Person im Alter von Mitte Zwanzig. Das Werk ist gleichermaßen das Protokoll einer Trauer und ein Erinnerungsbuch. Zudem ist es sprachlich ungewöhnlich, denn es lässt offen, ob es sich bei den Figuren um Mann oder Frau handelt.

Die Geschlechtszuordnung sei „der Leserschaft überlassen“, sagte Stern in einem Gespräch im Vorfeld der Preisverleihung. „Für das Verständnis des Buches ist es nicht wichtig zu wissen, ob es sich bei den Figuren um Männer oder Frauen handelt. Es handelt sich um Menschen.“

Auf die Frage, wieso sie bereits in ihren jungen Jahren über ein Trauererlebnis schreibt, antwortete sie am Sonntag: „Jung zu sein, bewahrt einen nicht davor, Verluste zu erleben und trauern zu müssen.“

Auch das Buch an sich, erschienen beim Zürcher Verlag Elster & Salis, ist bemerkenswert gestaltet; es ist über weite Strecken zweigeteilt: Auf der linken Seite in schwarzer Schrift beschreibt Anna Stern episodenhaft die Trauer, die klaffende Lücke. Auf der rechten Seite in Grau erinnert sich die Erzählerin an früher, als die Freundin oder der Freund noch da war.

Mit Überraschung wurde am Sonntag die Entscheidung der Jury für Anna Stern auch in Fachkreisen aufgenommen. Es war spekuliert worden, dass der 74-jährige Charles Lewinsky mit seiner Mittelaltergeschichte „Der Halbbart“ in die Kränze kommen würde oder die 35-jährige Dorothee Elmiger mit ihrem „Recherchebericht“, wie sie ihren Text „Aus der Zuckerfabrik“ selbst nannte. Beide, Lewinsky wie Elmiger, waren bereits zum dritten Mal für den Schweizer Buchpreis nominiert. Elmiger schaffte es zudem auf die Shortlist, Lewinsky auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020.

Nominiert für den Schweizer Buchpreis war außerdem Tom Kummer mit „Von schlechten Eltern“; auch dieser Roman ist eine Trauergeschichte aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, der wie sein Autor heißt. Auf nächtlichen Fahrten, er fährt dubiose Geschäftsleute in einer Limousine kreuz und quer durch die Schweiz, versucht er mit dem Verlust seiner Frau fertig zu werden. Der Journalist Kummer hatte einst mit erfundenen Promi-Interviews für Schlagzeilen gesorgt; als Autor fiktionaler Literatur wird er zu Recht für seine Werke gelobt.

Zudem in der engen Auswahl für den Schweizer Buchpreis war Karl Rühmann, ein bis dahin wenig bekannter Autor, der im damaligen Jugoslawien geboren wurde. Mit seinem nominierten Roman „Der Held“ schöpft er aus seinen Erfahrungen in den Balkankriegen der 1990er Jahre. In dem Briefroman, einer raffinierten Dreiecksgeschichte, beleuchtet er die großen Fragen nach Schuld und Verantwortung im Krieg.

Mit dieser Shortlist hatte die fünfköpfige Jury große Themen auf dem Schirm: das Verhältnis von realen Begebenheiten zu den jeweiligen Geschichten, die darüber erzählt werden; Schuld und Verantwortung; Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen.

Völlig neue Form und unerhörte Töne

Zu ihrem Entscheid für Anna Sterns „das alles hier, jetzt.“ hieß es in der Mitteilung des Schweizer Buchpreises von Sonntag, die Autorin habe einem der ältesten Themen der Literatur „eine völlig neue Form und unerhörte Töne abgewonnen“.

Die Jury hatte im September aus insgesamt 83 eingereichten Büchern die Wahl für die fünf Nominierten. Teilnahmeberechtigt für den Schweizer Buchpreis 2020 waren deutschsprachige literarische und essayistische Werke von in der Schweiz lebenden oder Schweizer Autorinnen und Autoren, die zwischen Oktober 2019 und September 2020 erschienen sind. Der Schweizer Buchpreis wurde dieses Jahr zum dreizehnten Mal vergeben.

Allerdings war am Sonntag im Foyer des Theaters Basel vieles anders als sonst. Wegen der Coronavirus-Pandemie war bereits das Literaturfestival BuchBasel abgesagt worden, in dessen Rahmen der Preis bis dahin verliehen wurde. Auch auf eine öffentliche Preisverleihung mussten die Veranstalter, der Verein Literatur Basel und der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV), in diesem Jahr verzichten.

Hans Georg Signer, Präsident von Literatur Basel, bedauerte in seiner Begrüßung vor kleinem Publikum diese Einschränkungen, ohne sie kritisieren zu wollen. Aber: „Die Begegnung fehlt“, sagte er.

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