Basel Spaziergänge zu den Toten

Von Jürgen Scharf
Ein Ort der Stille ist der parkähnliche Friedhof am Hörnli in Riehen mit seinen alten, teils verwitterten Grabmalen. Foto: Fotos: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Regio. Seien wir ehrlich: Der Friedhof am Hörnli gehört nicht wirklich zu den ganz berühmten Ruhestätten. Da gibt es weit bekanntere Prominentenfriedhöfe mit extravaganteren Grabbauten.

Mit dem Wiener Zentralfriedhof, wo Beethoven begraben liegt, oder dem Friedhof Père Lachaise in Paris, wo Berühmtheiten wie die Schriftsteller Molière, Balzac, Proust, Wilde und der Komponist Chopin ihre ewige Ruhe gefunden haben und bis heute Millionen zu den Grabstätten von Weltstars wie Edith Piaf oder Jim Morrison pilgern, kann der Basler Stadtfriedhof nicht mithalten.

Prominente Namen

Aber es gibt doch einige prominente Namen zu entdecken auf diesem größten Friedhof der Schweiz, der am Fuß des Grenzacher Horns gelegen ist. Zahlreiche Persönlichkeiten sind hier bestattet, die Lokal- und Landesgeschichte, aber auch ein Stück weit Weltgeschichte geschrieben haben. Darunter die beiden berühmten Karls, Barth und Jaspers.

Thomas Blubacher hat ein Brevier herausgebracht mit ausgewählten Tourenvorschlägen über die fünf heute noch genutzten Basler Friedhöfe, verbunden mit Kurzbiografien von 300 Verstorbenen, über die er Wissenswertes, Überraschendes und Kurioses zu erzählen weiß.

Der Autor ist alle Grabreihen abgegangen und hat sich auf die Spuren der Menschen begeben, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die außergewöhnlichen Geschichten hinter den Schicksalen haben ihn interessiert. In seinem literarischen Friedhofsführer lädt er die Leser dazu ein, ihm auf Rundgängen zu ausgewählten Gräbern zu folgen.

„s’Hörnli“ mit Rehen

Der Friedhof am Hörnli, kurz „s’ Hörnli“ genannt, der demnächst 90 Jahre alt wird, ist trotz seiner 54 Hektar Fläche - mehr als 70 Fußballfelder groß - ein Ort der Stille und Besinnung. Ein weitläufiges parkähnliches Areal mit mediterraner Atmosphäre, Wegen und Alleen, sonnigen Reihen, waldigen Ecken und schattigen Bäumen, vielen klassischen Gräbern und alten, verwitterten und überwachsenen Grabmalen, auf deren Tafeln man die Inschriften kaum noch entziffern kann. Es ist übrigens auch der Friedhof mit den meisten Rehen, die sich gern äsend am Grabschmuck laben.

Der Besucher fühlt sich irdisch klein, wenn er die symmetrische Gartenanlage mit den Terrassen betritt, die große Freitreppe hinaufsteigt, wo die beiden Hauptgebäude links und rechts mit ihren Säulen und eine monumentale Skulptur mit den vier Evangelistensymbolen ehrfurchtgebietend wirken. In einem der Gebäude ist die Sammlung des Schweizer Museums für Bestattungskultur untergebracht, eines der wenigen Bestattungsmuseen Europas.

In der herbstlichen Stimmung des Novembers mit seinen Totengedenktagen kommen einem beim Betreten dieses imposanten Friedhofareals Gedanken über die Vergänglichkeit. Ist es doch die Zeit, in der sich Menschen verstärkt mit dem Tod auseinandersetzen und mit der Friedhofskultur beschäftigen. Friedhöfe, sagt Thomas Blubacher, sind aber nicht nur Orte der Trauer, die man zu leidvollen Anlässen besucht, sondern auch eine Quelle der Kulturgeschichte. Wer Interesse an Basler Geschichte hat, wird in dieser Publikation fündig.

Einige Namen aus den Bereichen Theater, Literatur, Musik, Kunst, Wirtschaft, Industrie, Gesellschaft und Sport sind geläufig. Bei anderen, etwa Herbert Rehbein, der gemeinsam mit Bert Kaempfert den Frank Sinatra-Welthit „Strangers in the Night“ komponierte, oder dem erfolgreichen Grafiker und Plakatkünstler Herbert Leupin, der als Erfinder der lila Milka-Kuh in die Geschichte eingeht, bedarf es einer „kleinen Anschubhilfe“ – wobei der Autor auf den beschriebenen Routen aber keinem Popularitätsranking folgt.

Beerdigungskultur

Blubacher klärt über das Bestattungswesen und die Beerdigungskultur auf, unternimmt einen Exkurs über Gräberfelder vor unserer Zeitrechnung, führt zu Begräbnisplätzen des Mittelalters und ins Basler Münster zu Grabmalen, Epitaphen und den Gebeinen des 1563 in Basel gestorbenen Humanisten Erasmus von Rotterdam, beschreibt Bestattungsorte und die noch verbliebenen Friedhöfe wie den Israelitischen Friedhof, den überschaubaren Riehener Gottesacker und den Wolfgottesacker.

Der Wolfgottesacker

Dieser älteste Friedhof, der seit fast 150 Jahren besteht, gilt als der schönste aller Basler Gottesäcker. Idyllisch gelegen mitten im Gewerbegebiet Dreispitz, ist er ein Refugium der Einkehr inmitten der pulsierenden, lebendigen Stadt, umgeben von Tramlinien, Gleisen, Straßen und Industrie. Seinen Namen hat das Wolffeld von dem Gelände, in dem im 17. Jahrhundert noch tatsächlich Wölfe vor der Stadtmauer umher streiften. Heute beschützen hier unzählige Engel aus Marmor oder Eisen die Verstorbenen. In dieser 1872 eröffneten altehrwürdigen Stätte mit altem Baumbestand, wertvollen Grabskulpturen und klassizistischen Familiengrabstätten scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Besucher auch aus Übersee

Bekannte Basler Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts sind auf dem Wolf bestattet. In den verschiedensten Sektoren verdienen einige Gräber Aufmerksamkeit. Der kunstsinnige Bankier Raoul La Roche, dem das Basler Kunstmuseum Schenkungen von Kunstwerken verdankt, liegt hier ebenso begraben wie bekannte Musiker, die Harfenistin Ursula Holliger, der Jazzpianist und Bandleader George Gruntz, einer der erfolgreichsten Schweizer Jazzmusiker, oder der Komponist Klaus Huber, auf dessen Grab ein schlichtes Holzkreuz hinweist. Wie Blubacher feststellt, kann der Wolfgottesacker mit einer „weit höheren Dichte an Prominentengräbern“ aufwarten als der Hörnlifriedhof, der 14 Mal so viele Gräber hat.

Und doch suchen bis heute Studierende aus Korea, den USA und Deutschland auf dem Hörnli das Grab von Karl Barth auf, einem der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, der in der NS-Zeit eine moralische Instanz war. Dass der Dogmatiker Barth aber kein Heiliger war, wird offensichtlich, wenn man auf dem schlichten Grabstein auch den Namen Charlotte von Kirschbaum liest, die zusammen mit der Ehefrau im Haushalt Barth lebte und nicht nur Barths Assistentin war.

Karl Jaspers

Der berühmteste Name auf einer Grabplatte ist der von Karl Jaspers. Der in Basel eingebürgerte Philosoph, der sich in kritischen Schriften zu politischen Fragen wie Atombombe und deutsche Wiedervereinigung äußerte, starb 1969 im Alter von 86 Jahren in der Stadt am Rheinknie. Jaspers persönlicher Assistent, der Schweizer Philosoph Hans Saner, ist auch auf dem Basler Zentralfriedhof beerdigt. Die sterblichen Überreste des Kunsthistorikers Jacob Burckhardt, dessen Konterfei eine 1000-Franken-Note zierte, wurden vom Wolfgottesacker auf einen „Ehrenhof“ aufs Hörnli umgebettet.

Von Beyeler bis Barth

Neben Gräbern mehrerer Nobelpreisträger finden sich die von Ernst Beyeler, dem bekannten Kunsthändler, Galeristen, Initiator der Art Basel und Museumsgründer der Fondation Beyeler, und dessen Frau Hildy sowie anderer Größen des Basler Kulturlebens wie dem Dirigenten, Mäzen und Gründer des Basler Kammerorchesters, Paul Sacher, und dem in Lörrach geborenen, aus einer alten Bierbrauerfamilie stammenden Karl Küchlin, Begründer des ersten Großvariété-Theaters, in dem sogar Joséphine Baker und Maurice Chevalier auftraten. Von dem Tagesschausprecher Paul Spahn gibt es die Anekdote, dass ihm am Ende seiner TV-Karriere ein Fauxpas passierte, als er während einer laufenden Sendung einschlief. Ebenso im Buch erwähnt wird die lange vergessene und jüngst wiederentdeckte Basler Schriftstellerin, Literaturpreisträgerin und Malerin Adelheid Duvanel, deren Grabplatte die Zeichnung einer Katze schmückt.

Zu den „bemerkenswerten Toten“ gehören auch der Schauspieler und Publikumsliebling vom Basler Theater, Jörg Schröder, der im Team der Lörracher „Wintergäste“ mitwirkte, der Sterne-Koch Hans Stucki vom Restaurant Bruderholz, der bekannteste Schweizer Modeschöpfer und schrille „Paradiesvogel“ Fred Spillmann und nicht zuletzt Sportgrößen wie der Schweizer Fußball-Nationalspieler und erfolgreiche Torjäger Seppe Hügi, genannt „Goldfiessli“, an den ein steinerner Fußball auf dem Grabstein erinnert – ein ungewöhnliches Memento mori.

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