Basel Spiegelbilder des Unbewussten

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Basel (ov). Die subtil mit Farbstiften und Pastellkreide gezeichneten Geschichten der italienischen Künstlerin Gabriella Giandelli verweben Alltag und Realität mit Schönheit, Poesie und Geheimnissen. Das Cartoonmuseum Basel würdigt die in Mailand lebende und arbeitende, international renommierte Zeichnerin und Illustratorin in einer umfassenden Retrospektive mit Originalzeichnungen und großformatigen, für die Ausstellung in Basel geschaffenen Arbeiten.

Gleichzeitig zur Ausstellung erscheint Gabriella Giandellis Buch „Mirabile Bestiarium“ im Christoph Merian Verlag. In diesem Bilderreigen streifen riesenhafte Singvögel, gigantische Schnecken, zimmergroße Störche und haushohe Hunde durch verlassene Städte und Wohnungen. Stumm und selbstverständlich nehmen sie den Platz der Menschen ein. Ist vielleicht doch nicht alles so friedlich, wie es scheint?

Punkige Anfänge

Als Gabriella Giandelli 1984 ihre ersten Comics veröffentlicht, steht der italienische Comic, der Fumetto, in einer aufregenden Aufbruchsphase. Giandelli erzählt dunkle Stories in rauen, expressiv schroffen Schwarzweiß-Zeichnungen und Schabkartons, in denen die Unrast von Punk und Postpunk nachklingt.

Sie löst sich indes rasch von ihren Vorbildern und entwickelt ihre eigene Handschrift: Der Strich wird weicher, sie experimentiert mehr und mehr mit Farben. Die leuchtenden, meistens mit Buntstiften aufgetragenen Kolorierungen stehen in einem reizvollen Kontrast zu den melancholischen Stimmungen ihrer Geschichten und werden zu ihrem Markenzeichen. Ihre fast naive, mit traumhaften, surrealen und magischen Situationen aufgeladene Bildsprache und der weitgehende Verzicht auf Worte machen ihr Werk unverwechselbar.

Eigene Inhalte

In den 1990er-Jahren beginnt Gabriella Giandelli eine erfolgreiche Karriere als Bilderbuch-Illustratorin. In rascher Folge illustriert sie Kindergeschichten von prominenten Autoren.

Die kurze Graphic Novel „Silent Blanket“ (1994) leitet ihren internationalen Durchbruch ein und wird in mehrere Sprachen übersetzt. Sie verdichtet wie später in „Interiorae“ (2015) und „Lontano“ (2019) ihre zentralen Themen: Die Vereinzelung des Menschen in der Großstadt, Einsamkeit, Außenseitertum, Melancholie, Realitätsverlust. In ihren Bildern unterlaufen Ambivalenzen und Vieldeutigkeiten alle Gewissheiten und bilden eine spannungsvolle Balance zwischen Realität, Surrealismus, Traumbildern, Halluzinationen und Albträumen.

Giandelli nimmt die Betrachter mit auf ihre Reise und konfrontiert sie mit Welten, Szenen und Wesen, mit Gedanken und Gefühlen von eindringlicher, manchmal poetischer, manchmal verstörender Tiefe. Flora und Fauna nehmen groteske Züge an, die menschliche Präsenz ist geisterhaft, die Szenerien sind in befremdliche Stimmungen getaucht, und immer schwebt der Eindruck einer melancholischen Einsamkeit über allem. Die Szenen muten an wie Spiegelbilder des Unbewussten, immer präzis und kontrolliert inszeniert, aber offen in der Bedeutung.

Immer weniger Menschen

Giandelli arbeitet regelmäßig als Illustratorin für Zeitungen und Magazine wie „La Repubblica“, „The New Yorker“ und „Vanity“. 2021 erscheint in der renommierten „Travel Book“-Reihe von Louis Vuitton die Bildreflexion einer Australienreise. Giandellis Blick auf den Südkontinent ist geradezu berauscht von dessen Schönheit und die Weite; Australien flirrt und flimmert zwischen Realität und Traum, ist Gegenwart und Sehnsuchtsort in einem und vor allem Lebensraum einer üppigen und exotischen Fauna, in der der Mensch nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Ganz verschwindet der Mensch dann in ihrer aktuellsten Graphic Novel „Mirabile Bestiarium“ (2022), in der die Tiere die Herrschaft der Menschen beenden und in deren Städte und Wohnungen ziehen.

Die Erbauer sind verschwunden, alles ist seltsam leer und aufgeräumt. Vor Kurzem waren sie noch da, denn in den Fenstern brennt Licht, in den Vasen blühen noch Blumen, und auf einer schneebedeckten Straße sind Fahrspuren zu sehen. Und doch ist klar, dass die Tiere sich ungewohnt weit vorgewagt haben, es wirkt, als ob sie schon zu Hause sind in den Lofts und auf den Dächern der Stadt. Die Tiere, die so genügsam und friedfertig erscheinen, haben die Menschheit ausgelöscht und sich in den Behausungen ihrer ehemaligen Peiniger eingerichtet. Ein farbenfroher Traum entpuppt sich als Albtraum und Apokalypse. Di bis So, 11 bis 17 Uhr

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