Basel Verzückt und begeistert zugleich

Tonio Paßlick
Ausverkauft! Die Baloise Session erfreut sich einer großen Publikumsnachfrage. Foto: Dominik Pluess/Dominik Pluess

Norah Jones begeistert das Basler Publikum.

„Jazz or not?“ lautete die rhetorische Frage über dem sechsten Abend der Baloise Session 2023. Von Norah Jones war bekannt, dass ihr Erfolgsrezept aus einer Mischung aus Jazz, Blues, Folk, Soul und Pop besteht und sie mit ihrem Quartett immer wieder neue inhaltliche wie musikalische Tiefen auslotet, obwohl sie sich seit ihrem ersten Basler Konzert 2016 noch deutlicher auf die Anfänge ihrer über 20-jährigen Karriere besinnt.

Neuer Aufbruch

Ähnlich gespannt war das Publikum in der ausverkauften Eventhalle der Messe Basel auf das Leftfield-Piano-Trio „GoGo Penguin“ aus Manchester, das man mit seinem 90-minütigen Konzert schwerlich als Vorband bezeichnen kann. Als „Electronica mit Jazz“ wurde die „Everything Is Going To Be OK—Tour“ angekündigt, deren Titel Bände spricht: ein neuer Aufbruch nach Pandemie und mit neuem Drummer (Jon Scott).

Akribisch strukturiert, futuristisch, zugleich hypnotisch und episch in seinen seriellen Wiederholungen, die an Minimal-Music, Philipp Glass und Steve Reich erinnern und zugleich an die vielen Apologeten des „Drum and Bass“ der 1990er-Jahre. Eine Synergie zwischen rasanter, pulsierender, frenetischer Percussion und sich wiederholenden Keyboard-Achterbahnfahrten. Sie wollen bewusst nicht in die Jazz-Schublade gesteckt werden.

Aber während der wirbelnde Bass und das Piano mit seinen Loops und Delays gerade noch elektronische und Clubkultur-Atmosphäre schaffen, ist man nach tanzbaren Grooves unvermittelt in meditative Innenwelten entführt worden.

Und dennoch: Das Magazin Rondo bezeichnete das Trio kürzlich als „britische Jazz-Band der Stunde“. Pianist Christopher Illingworth stellt klar: „Wir genießen die Freiheit, nicht über Stile nachdenken zu müssen.“ So klingen die Stücke manchmal wie eine Techno-Hymne, manchmal wie eine Trance-House-Produktion. Und dann doch ganz anders, wenn Nicholas Blacka virtuos die Saiten seines Kontrabasses streicht, schlägt und zwirbelt.

Die innere Unruhe verflüchtigt sich mit dem Auftritt von Norah Jones. Feingesponnene Balladen zwischen Jazz, Folk, Country und Pop waren schon 2002 die Gründe für den plötzlichen Erfolg der Sängerin, Pianistin, Gitarristin und Songschreiberin.

Mit „Come away with me“ hatte sie nach dem Millenium offensichtlich den Nerv des Publikums getroffen. 30 Millionen verkaufte Platten und acht Grammys katapultierten sie aus dem Schatten ihres berühmten Vaters Ravi Shankar hinaus. Zehn Jahre später ein ähnlich großer Erfolg mit ihrem mittlerweile fünften Album „Little Broken Hearts“. Ein Konzeptalbum, auf dem die inzwischen gereifte, zurückhaltende und zugleich charismatisch auftretende Sängerin „Dinge ausspricht, die einfach mal gesagt werden müssen“.

Limitierte Ausgabe

Zur Feier des 20-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung erschien vor einem Jahr eine limitierte Deluxe-Ausgabe von „Come Away With Me“, auf der neben neu gemasterten Originalaufnahme auch 28 nie zuvor veröffentlichte Songs und Alternativ-Versionen enthalten waren. Auf viele davon war man jetzt live gespannt. Die bekannten Hits bewiesen immer klarere Country-Elemente, wenn Bassist Chris Morrisey die zweite Stimme elegisch unterlegte und Brian Blade die Drums mit dem Besen streichelte – aber vor allem, wenn Gitarrist Dan Iead auf der horizontalen Pedal-Steel Gitarre die jaulenden, ziehenden Harmonien mit einem Side-Bar unter gezupfte Stahlseiten-Melodien zog. Das Publikum war verzückt und begeistert zugleich. Mit der ersten Zugabe erinnerte Norah Jones an die vielen Online-Videos aus ihrem New Yorker Studio während der Pandemie. Alleine am Yamaha-Flügel, tropfende Tastenklänge und jazzige Rhythmus-Verschiebungen. Ins Mikro gehauchte persönliche Worte. So entstand „Nearness“ – damals wie am Donnerstag in Basel. Aktuell und überraschend wie vor zwanzig Jahren.

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