Basel Viel Sprechgesang, wenig Exotik

Die Oberbadische, 12.10.2017 03:10 Uhr

Von Jürgen Scharf

Basel. Sieht so das Paradies aus? Die Palme rauscht nicht mehr, sie ist verdorrt und knickt nach einem kläglichen „Tanzversuch“ ein, die Schlingpflanzen sind alle vertrocknet, und der hawaiische Königspalast wirkt wie ein heruntergekommenes Grandhotel. Alles dümpelt vor sich hin im Einheitsbühnenbild (Volker Thiele) auf der Großen Bühne im Basler Theater.

Hier feiert die exotisierende Revueoperette „Die Blume von Hawaii“ von Paul Abraham fröhliche Urständ. Aber was ist in der Regie von Frank Hilbrich geblieben von der Exotik? Was von der Revue? Vor allem der Jazzsänger Jim Boy (glamourös: Vincent Glander), der in dieser Produktion groß raus kommt, den Sound der 20er Jahre ins Ensemble bläst, rotzig und kess mit seiner Bessie oder anderen Girls tanzt.

Mit ihm kommt die Südseeprinzessin Laya (Pia Händler) inkognito in dieses Paradies am Meeresstrand, direkt aus Paris, um den Aufstand der politischen hawaiischen Elite gegen die imperialistische US-Regierung anzuführen, in einer Zeit, als Amerika Hawaii annektiert hat. Pech nur, dass sie sich in einen amerikanischen Marineoffizier verliebt hat und so der hawaiische Prinz Lilo-Taro (Florian Jahr) lange Zeit das Nachsehen in diesem Dreiecksverhältnis hat.

Die Erfolgsoperette von Abraham lebt von den einprägsamen Schlagermelodien („Du traumschöne Perle der Südsee“) und frechen, quicken, schmissigen Modetänzen, im Verbund mit melancholischen Südseeträumen und -stimmungen inklusive Summchören hinter der Bühne (Chor: Oliver Rudin). Es könnte so schön sein, wie im Reiseprospekt. Südsee! Aloha ’Oe! Hawaii-Gitarren und Hawaii-Waltz, das regt die Kitschfantasie an. Doch diese Inszenierung kommt gänzlich ohne Sentimentalität aus, sie ist eher im musikalischen Konversationston angelegt, mit von kantablen Elementen durchbrochenen Sprechgesang-Szenen.

Das hängt damit zusammen, dass sich das Theater Basel für eine Besetzung mit Mitgliedern des Schauspielensembles entschieden hat, und zwar ganz bewusst. Das erinnert daran, dass damals Diseusen wie Fritzi Massary auf der Bühne standen und diese Revueoperetten im pulsierenden Berlin mit Sprechgesang interpretiert wurden und somit einen subversiven Charakter hatten.

In Basel kann man sich zwar nicht in exotische Gefilde hineinträumen, aber die Musik folgt dem Zeitgeist von damals, der Jazzoperette. Das Ensemble Phoenix Basel, eigentlich ein Ensemble für Neue Musik, bewegt sich in diesem Genre der modischen Tanzformen und des swingenden Jazzidioms bemerkenswert stilsicher. Manchmal ist das Orchester hinter der Szene, manchmal dreht sich die Bühne mit den Herren am Saxofon und Banjo im Dinnerjackett, samt dem musikalischen Leiter Jürg Henneberger, der mitspielt und ins komische Geschehen integriert ist. Das macht Spaß, dieser Salon-Tonfall.

Das Matrosenballett (Choreografie: Kinsun Chan) und das tanzende Vokalensemble als etwas verkappte Hula-Mädchen, der szenische Witz, die US-Army in Unterhosen, die humoristischen Intermezzi und die Sprechtheater-Episoden zeigen die Handschrift der Schauspieldramaturgie. Die Handlung steht genregemäß nicht im Vordergrund, und ist, zugegeben, etwas verwirrend, und der politische Konflikt geht in den privaten über.

Musikalisch bedient der wunderbare Melodienerfinder Abraham eine große Sehnsucht nach etwas, das es nicht mehr gibt. In der Basler „Blume“ gibt es keine Operettensänger, dabei würde man doch zu gerne einen schönen Tenor als Prinzen hören oder eine Soubrette in den Buffopartien. Wobei Katja Jung als Bessie das noch ganz gut macht und der glitzernde Jim Boy als singender und steppender Schauspieler in seinen scharf synkopierten Foxtrott-Nummern sowieso. Aber Singschauspieler ersetzen halt nur bedingt Operettentenöre!   Nächste Vorstellungen 15., 20., 23., 27., 29. und 31. Oktober; www.theater-basel.ch

 
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