Basel - Unter dem Motto „Männlichkeitsvorstellungen und Gewalt“ steht die diesjährige Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“. Weltweit finden vom 25. November bis 10. Dezember Aktionen statt, mit denen auf das Thema geschlechtsspezifischer Gewalt aufmerksam gemacht werden soll.

Wie sich das traditionelle Männerbild wandelt und was die Kampagne MeToo bewirkt hat, darüber hat Adrian Steineck mit Nicolas Zogg von Männer.ch, dem Dachverband der progressiven Schweizer Männerorganisationen, gesprochen.

Frage: Herr Zogg, was hat es mit der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ auf sich?

Diese Kampagne gibt es schon seit einigen Jahren. Zwischen dem 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, und dem Internationalen Menschenrechtstag am 10. Dezember finden weltweit Aktionen zu einem bestimmten Schwerpunkt statt. Auch viele unserer Mitgliedsorganisationen beteiligen sich an der Kampagne.

Frage: Was muss man sich unter Männer.ch überhaupt vorstellen?

Wir sind seit dem Jahr 1995 der Dachverband für etwa zwei Dutzend Fachorganisationen. Dazu gehören die Gewaltberatung Bern oder auch die Homosexuellen-Organisation GayBasel. Wir verstehen uns als Vertretung der progressiven oder fortschrittlichen Männer- und Väterorganisationen – wir sind also gleichstellungsorientiert. Von Männerrechtlern, die es in der Schweiz ebenfalls gibt und die der Meinung sind, dass unser Geschlecht ohnehin seit jeher unterdrückt wird, distanzieren wir uns klar.

Frage: Das diesjährige Motto der Kampagne lautet „Männlichkeitsvorstellungen und Gewalt“. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Ja, denn das klassische Männerbild hat sehr viel mit Stärke, Dominanz und der Abwehr von Gefühlen zu tun. Das engt uns Männer aber ein und verhindert Gleichstellung. Und Dominanz wird häufig direkt durch Gewalt hergestellt, gegenüber Frauen und auch gegenüber anderen Männern. Es ist wichtig, vielfältige und positive Vorstellungen von Männlichkeit zu fördern.

Frage: Aber hat sich das Männerbild in den vergangenen Jahren nicht auch dahingehend entwickelt, dass es diese Unsicherheit fördert? In vielen öffentlichen Diskussionen wird häufig das Bild vermittelt, dass der moderne Mann zugleich „Macho“ und „Softie“ sein soll.

Ja, das Männerbild hat sich etwas aufgeweicht, aber bisher nur an der Oberfläche. Eine wirklich tiefschürfende Diskussion um die Rolle des Mannes und auch eine Emanzipation von den klassischen Rollenvorbildern steht erst noch ganz am Anfang. Der Feminismus ist insofern auch eine Aufforderung an Männer, unsere Rolle zu überdenken.

Frage: Zurück zur Gewalt gegen Frauen: Hat hier die vor einem guten Jahr ins Leben gerufene MeToo-Kampagne gegen sexuelle Belästigung ein Umdenken bewirkt?

MeToo ist nicht die erste und nicht die letzte Kampagne, die auf sexuellen Missbrauch aufmerksam machen will. Zuvor gab es den „Aufschrei“, bei uns den „Schweizer Aufschrei“. MeToo hat viel bewirkt bei der Schärfung des Bewusstseins für Sexismus, denn künftig kann niemand mehr sagen: Das war doch nicht so schlimm.

Frage: Melden sich heute auch mehr Männer, die etwa Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind?

Mittlerweile berichten Männer tatsächlich offener als früher über ihre Opfererfahrungen. Das ist eine positive Entwicklung. Insofern kann die jetzige 16-Tages-Kampagne helfen, auf Gewalt gegen beide Geschlechter aufmerksam zu machen.

  • Näheres zur Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ gibt es hier. Ansprechpartner bei sexueller Gewalt gibt es unter anderem bei der Frauenberatung Lörrach, Tel. 07621 / 87 105.
  • Nicolas Zogg ist Vater von zwei Kindern und hat für Männer.ch bereits am „Schweizer Aufschrei“ mitgewirkt. Zuvor hat der freiberufliche Gärtner und Schauspieler unter anderem Zivildienstleistende im gewaltfreien Umgang mit Konflikten geschult.