Basel Was darf ein Menschenleben kosten?

Neu entwickelte Medikamente machen bisweilen durch hohe Preise Schlagzeilen. Foto: Archiv

Basel - Was darf es kosten, ein Leben zu retten? Mit neuen, bisweilen sehr kostspieligen Therapien steht diese Frage der Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems jedes Mal aufs Neue im Raum. Unter dem Titel „Preis, Profit, Patient. Gesundheit nur als Geschäft?“ wurde das Thema im Rahmen einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung jüngst bei Roche beleuchtet. Mehr als 300 Gäste verfolgten den von Marina Villa moderierten Gedankenaustausch.

Wenn es darum geht, wie Medikamentenpreise zustandekommen, steht nicht selten der Vorwurf der Intransparenz im Raum. Bisweilen werden kritische Stimmen laut. So auch bei den Kosten für eine Therapie von Novartis, die in den USA für eine Einzeldosis ihres Medikaments Zolgensma zur Heilung von Muskelschwund bei Säuglingen und Kleinkindern 2,1 Millionen Dollar verlangt. Die Einzeldosis soll zur Heilung führen und bisher lebenslange Folgekosten einer herkömmlichen Therapie vermeiden, argumentiert der Pharmariese mit dem theoretischen Nutzen seiner neuen Gentherapie.

Doch wie kann angesichts steigender Kosten im Gesundheitssektor die Finanzierbarkeit gesichert und der Zugang aller Schweizer zum medizinischen Fortschritt garantiert werden? Dass das System dringend Nachhaltigkeit benötige, befand Matthias Schenker, Leiter Abteilung Gesundheitspolitik der Luzerner CSS Versicherung. Die Herausforderung sei, medizinische Versorgung und Profitmöglichkeit für Unternehmen in Einklang zu bringen. Seine These lautete: „Wenn zur Preisbestimmung von Medikamenten und anderen medizinischen Leistungen deren theoretischer Nutzen herangezogen wird anstelle der Herstellungskosten, dann ist das solidarisch organisierte Gesundheitswesen in der Schweiz in absehbarer Zeit nicht mehr finanzierbar.“ Remo Christen, Director Market Access & Health Care Affairs, Roche Pharma Schweiz, widersprach: „Wenn es um die Preisgestaltung gehe, müsse man den Vergleich mit verhinderten, theoretischen Kosten anstellen.“

Hierbei stelle sich auch die Frage, bei welchen Leistungen zukünftig Staat und Gesellschaft einerseits und die private Vorsorge andererseits einspringt, sagte der Basler Gesundheitsökonom Stefan Felder.

Und weiter: „Hohe Preise für medizinische Leistungen sind vertretbar, wenn dadurch Leben gerettet oder die Lebensqualität deutlich verbessert wird.“ Allerdings müsse man zunehmend aufpassen, dass der Staat nicht mit neuen Ansprüchen an die medizinische Versorgung überfordert wird, sagte der Experte. Wichtig sei nun, dass der Diskurs angesichts der jährlich steigenden Kosten über die Finanzierbarkeit geführt werde. Länder wie Großbritannien und Dänemark seien der Schweiz hierbei weit voraus.

Menschenwürde im Blick

Peter Kirchschläger, Professor für theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern, lenkte den Blick auf ethische Aspekte der Debatte: „Gesundheit ist relevant für die Würde aller Menschen. Dies muss bei der Diskussion der Kosten im Gesundheitssystem immer im Blick sein“, forderte Kirchschläger. Für ihn ging es um die Verteilungsgerechtigkeit. Bei der Diskussion um medizinische Leistungen dürfe der Patient nicht zum Objekt einer Kategorisierung werden, mahnte der Ethiker. Auch müsse kritisch hinterfragt werden, wie Gesetze in der Gesundheitspolitik zustandekommen, verwies er auf die einflussreiche Pharmalobby.

In einem Ausblick erklärte Christen, dass die Pharmaindustrie zur Kostendämpfung beitrage. Das Vorgehen, dass bei bestimmten Therapien die Krankenversicherung erst dann zahlt, wenn ein Mittel wirkt, sei ein guter Ansatz für die Finanzierbarkeit des Systems. Diese Idee gehe in die richtige Richtung, meinte Schenker, denn das bisherige System werde sich so nicht mehr finanzieren lassen: „Kurzum, wir müssen flexibler werden.“ Allerdings eigne sich „Pay for performance“ nicht für alle Bereiche. Insbesondere bei multimorbiden Patienten werde der Erfolgsnachweis schwierig.

Sie möchten alle Nachrichten aus Ihrer Gemeinde lesen?
Dann testen Sie unser ePaper – 3 Wochen völlig gratis und unverbindlich! Klicken Sie HIER.

  • Bewertung
    2

Newsticker

blank

Umfrage

Trinken bei Hitze

Bei uns im Südwesten wird es diese Woche mit Temperaturen bis zu 40 Grad richtig heiß. Wie kommen Sie mit der aktuellen Hitzewelle klar?

Ergebnis anzeigen
loading