Basel Wege aus dem Krisenmodus finden

Insgesamt 287 Personen befanden sich wegen Covid-19 am Dienstag auf einer Schweizer Intensivstation. Foto: Archiv

Basel/Bern - Der Epidemiologe Marcel Tanner schlägt vor, die Bürger bei der Pandemiebekämpfung wieder in die Pflicht zu nehmen. Möglichst viele Menschen müssten nun geimpft werden, um von flächendeckenden nationalen Maßnahmen wegzukommen.

In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ verweist der langjährige Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts (Swiss TPH) mit Sitz in Basel auf Erfahrungen mit der Seuchenbekämpfung in Afrika. Überwachung und schnelles Eingreifen vor Ort in den einzelnen Dörfern helfe dort die Verbreitung von Seuchen einzugrenzen.

„Das Virus werden wir nicht mehr los“, sagt das ehemalige Task-Force-Mitglied. „Wir können es nicht eliminieren, und wir werden damit leben müssen. Aber die Pandemie geht dank der Impfung zu Ende.“ Das Wichtigste sei deshalb, das sich möglichst viele Menschen rasch impfen ließen. Gleichzeitig müsse man die Lage konsequent überwachen, um frühzeitig und gezielt eingreifen zu können, sobald es zu Ausbrüchen komme.

Maßnahmen machen Leute müde

Mit einer Impfung komme man schnell von flächendeckenden, nationalen Maßnahmen weg. „Sie machen die Leute müde und werden deshalb oft gar nicht mehr richtig eingehalten. Das Covid-Zertifikat ist eine Möglichkeit, der gegenwärtigen Situation Rechnung zu tragen.“

Daneben sei es aber genauso wichtig, dass die Verantwortung für die Bekämpfung des Virus wieder an die kantonalen und kommunalen Behörden und Institutionen sowie an die Bürgerinnen und Bürger zurückgehe. „Denn nur so wird es auf Dauer möglich sein, mit dem Virus zu leben, ohne ständig von Einschränkungen erdrückt zu werden.“

Die Kommunikation mit der Bevölkerung sei auf Dauer viel einfacher und effektiver, wenn sie vor Ort erfolge und nicht nur aus dem fernen Bundeshaus komme. Das erhöhe auch die Akzeptanz.

Bei der Ausweitung des Zertifikats sollten zum Beispiel alle Beteiligten nachdenken – nicht nur der Bundesrat, sondern auch Geschäfte, Gastronomen oder Veranstalter. Alle sollten sich die Frage stellen, wie sie mit diesem Instrument zur Entschärfung der Lage beitragen könnten. „Nur so kommen wir wieder zurück zur Normalität. Die kompromisslose Ablehnung des Zertifikates durch Gastrosuisse ist so gesehen kurzsichtig: Damit wird Verantwortung abgeschoben und die Rückkehr zur Normalität verzögert. Mit dem Virus leben bedeutet etwas anderes: Die Bürgerinnen und Bürger müssen wieder in der Pflicht sein. Sonst bleiben wir immer im Krisenmodus.“

Lage bleibt weiterhin angespannt

Seit rund vier Wochen stagniert die Zahl der am Coronavirus erkrankten Personen. Laut Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), bleibt die Situation aber „angespannt“. 287 Personen befinden sich wegen Covid-19 auf der Intensivstation, wie Masserey am Dienstag vor den Medien in Bern sagte. Rund ein Drittel der hospitalisierten Personen müsse auf die Intensivstation verlegt werden. Bei den Nichtgeimpften müssten regelmäßig auch 30- bis 50-Jährige im Krankenhaus behandelt werden. Einige Kliniken würden bereits wieder nicht dringende Eingriffe verschieben. Wie sich die Lage weiter entwickeln werde, sei schwierig abzuschätzen.

Masserey hielt fest, dass die Schweiz noch immer die höchste Inzidenz in Europa hinter Großbritannien verzeichne. Deshalb gelte es, vorsichtig zu bleiben. Bei den doppelt gegen das Coronavirus geimpften Personen hat sich in der Schweiz kein Anstieg der Krankenhauseinlieferungen gezeigt. Das deutet darauf hin, dass der Impfschutz auch bei bereits seit längeren Geimpften noch anhält, fuhr Masserey fort.

Die dritte Impfung zum Auffrischen der Abwehrkräfte, der Booster, sei in der Schweiz noch nicht zugelassen, führte die Leiterin der Sektion Infektionskontrolle im BAG aus. Das Schweizer Heilmittelinstitut Swissmedic warte noch auf ausreichende Daten. Liege die Zulassung vor, würden die zuständigen Behörden Impfempfehlungen herausgeben.

Zum Schutz Genesener vor einer neuen Infektion mit dem Coronavirus hielt Masserey fest, dass Menschen, die sich mit einer früheren Mutation des Virus angesteckt hatten, über einen geringeren Schutz gegen die aktuell grassierende Delta-Variante verfügen. Eine Impfung stärke in jedem Fall die Abwehr.

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