Basel Weit mehr als ein Moralapostel

Die Oberbadische, 27.10.2017 18:00 Uhr

Beat Trachsler strahlt eine große Wärme und Herzlichkeit aus. „Den Doktor. lassen wir mal schön weg, wir sind ja hier im mündlichen Umgang miteinander“, sagt er beim Gespräch in unserer Redaktion mit Augenmerk auf seinen akademischen Titel. Trachsler ist Präsident der Basler Hebelstiftung, die das Andenken an den Schriftsteller und Theologen Johann Peter Hebel seit mehr als 150 Jahren lebendig hält.

Basel. Johann Peter Hebel (1760 bis 1826) hat mit seinen Gedichten das Alemannische für die Literatur salonfähig gemacht. Zugleich steht er mitunter im Ruf, bieder und moralinsauer zu sein. Dass Hebel ganz andere Seiten hat, darüber hat sich Adrian Steineck mit Beat Trachsler unterhalten.

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Was tut die Basler Hebelstiftung, um das Andenken Hebels lebendig zu erhalten?

Wie kam es zur Gründung der Hebelstiftung?

Johann Peter Hebel, das ist doch dieser etwas angestaubte Moralist und biedere Mundartdichter. Ist das ein Vorurteil, dem Sie als Präsident der Hebel-Stiftung häufig begegnen?

Aber wird Hebel von der heutigen Jugend überhaupt noch gekannt und gelesen?

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

lst das vielleicht auch eine Generationenfrage? Bei meiner Großmutter mit Jahrgang 1910 hing ganz selbstverständlich ein Hebel-Porträt in der Stube. Als mein 14-jähriger Neffe vor einigen Jahren in der Schule etwas von Hebel durchnahm, waren ein Klassenkamerad und er die beiden Einzigen, die überhaupt noch alemannisch lesen konnten.

Hebel hat auch dunkle Seiten. Da gibt es eine Kalendergeschichte, in der ein Metzger von einem Bauernpaar erschlagen und ein Kind, das den Mord beobachtet hat, zu Tode verbrüht wird. Zudem ist das Ganze so lakonisch geschildert, dass man als Leser nicht weiß, ob man bei Hebel oder in der Schreckenswelt eines E.T.A. Hoffmann gelandet ist.

Da Sie den Begriff des „Heimatdichters“ ansprechen: Hebel wird im alemannischen Sprachraum und in den Orten, in denen er gewirkt hat, noch immer gelesen. Aber wie sieht es aus, wenn man etwas weiter weg geht?

Johann Peter Hebel ist in Basel geboren und hatte sein Leben lang Sehnsucht nach dem „Oberland“, wie er es nannte. Die Hebelstiftung veranstaltet jedes Jahr Anfang Mai einen Hebel-Abendschoppen im Basler Museum Kleines Klingental. Neben einer Lesung von Hebels Werken bieten wir dort auch zeitgenössischen jungen Autoren ein Forum für ihre Texte. Auf Initiative der Stiftung geht auch die Errichtung des Hebel-Denkmals auf dem Peterskirchplatz im Jahr 1899 zurück.

Wir sind keine Stiftung in dem Sinne, dass wir Geld ausschütten. Als die Hebelstiftung im Jahr 1860 anlässlich von Hebels 100. Geburtstag gegründet wurde, war noch bekannt, dass Hebel die Idee hatte, dass aus seinem Vermögen an jedem Sonntag jedem Manne seines Heimatdorfes Hausen im Wiesental ein Schoppen Wein gestiftet werden sollte. Durch den Bankrott seines Bankiers wurde dies unmöglich gemacht. Aber im Jahr 1860 wurde die Stiftung zur Erfüllung von Hebels Wunsch gegründet, wobei die Ausgangsidee umgewandelt wurde zu einem jährlichen „Hebelmähli“ für die zwölf ältesten Männer und den Bürgermeister umgewandelt wurden. Es findet immer am 10. Mai, Hebels Geburtstag, in Hausen im Wiesental statt. Zudem organisieren wir Stadtführungen auf Hebels Spuren. Wir bieten also das ganze Jahr hindurch etwas, und die Vorbereitungen für den 10. Mai laufen bereits jetzt im Herbst und Winter. Auch mit dem Hebelbund Lörrach und dem Literaturmuseum Hebelhaus in Hausen im Wiesental pflegen wir einen regen Austausch.

(Lacht) Es stimmt ja zumindest soweit, dass Johann Peter Hebel neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit Theologe und ein offensichtlich hervorragender Pädagoge war und in seinen Geschichten stets eine Moral, eine Lehre oder eine Betrachtung über die Natur des Menschen auftauchen. Aber er ist alles andere als bieder.

Im Vorwort zu einer Werkauswahl von Hebel habe ich geschrieben: „Das Wissen um Johann Peter Hebels Leben und Werk ist bei der jüngeren deutschsprachigen Generation zusammengeschmoret wie der Sonntagsbraten in der Pfanne. Wenn heute ein Realschüler oder ein Gymnasiast Hebels Namen in Verbindung zu bringen weiß mit dem nichtsnutzigen Dieterli, der auf dem Mond Wellen machen muss, dann ist das schon viel. Und wenn ein solcher Schüler die Geschichte vom „Kannitverstan“ kennt oder die Streiche des Spitzbuben-Trios Zundelheiner, Zundelfrieder und roter Dieter, dann darf man ihn bedenkenlos zu den literarisch Gebildeten seiner Generation zählen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Als Hebel von den Lehrplänen der Basler Primarschulen verschwunden ist, da geriet er ein wenig in Vergessenheit. (Die Primarschule wird in der Schweiz von Kindern der Klassenstufen eins bis fünf besucht und ist verbindlich vorgeschrieben, Anmerkung der Redaktion.) Auch viele Lehrer wissen heutzutage leider nur noch sehr wenig von Johann Peter Hebel und seinem Schaffen.

Ja, das spielt eine große Rolle. Auch in Basel ist die Vermittlung von Hebel schwierig geworden, da es viele ausländische Schüler gibt. Es ist einfach so: Sobald man Hebel im Unterricht bringt, muss man auch Erläuterungen geben, denn er benutzt Begriffe und Redewendungen, die heute nicht mehr üblich sind.

Die Geschichte, die Sie ansprechen, heißt „Wie eine greuliche Geschichte durch einen gemeinen Metzgerhund ist an das Tageslicht gebracht worden.“ Und es stimmt, bei Hebel geht es gruselig und deftig zu. Da werden Leute gehenkt, und die Raben hacken den Gehenkten die Augen es. Hebel war ein genauer Beobachter und Chronist, der das Leben zu seiner Zeit schilderte. Darum ist es auch zu einfach, Hebel als „Heimatdichter“ abzutun, denn das war er nicht oder nicht nur.

Es gibt Übersetzungen von Hebels alemannischen Gedichten ins Hochdeutsche, die auch vertont worden sind und rege Verbreitung fanden. Der Basler Hebel-Forscher Johannes Wenk hat mehrere hundert Hebel-Übersetzungen gesammelt, darunter auch welche ins Japanische. Also, ja: Hebel wird auch abseits des alemannischen Sprachraums gelesen. Aber es gab auch schon Journalisten in Berlin, die Hebel mit dem Dramatiker Friedrich Hebbel verwechselten und bei seinem Namen an einen Druckfehler dachten. (lacht)

 
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