Basel Zwischen Musik und Sprache

Foto: Jürgen Scharff Foto: Die Oberbadische

Von Jürgen Scharf

Riehen. Eines der letzten Konzerte für absehbare Zeit in der Region war am Sonntag die dritte Schubertiade in der Dorfkirche Riehen. Während das Februar-Konzert mit einem Klavierduo noch mit über 100 Besuchern sehr gut besucht war, fand das jüngste Konzert mit dem Caravaggio Quartett Basel fast schon in familiärem Rahmen statt.

Mit der Uraufführung des fünften Streichquartetts aus dem Jahr 1975 zum 100. Geburtstag des Schweizer Komponisten Armin Schibler stand eine kleine musikgeschichtliche Sensation an. Veranstalter Thomas Wicky-Stamm, der Primarius des Caravaggio Quartetts, hätte eine Absage daher ganz besonders bedauert, war es ihm doch ein Anliegen, wenigstens dieses vom Freundeskreis Schiblers mitorganisierte Konzert noch über die Runden zu bringen.

Der Zürcher Armin Schibler gehörte ab den 1960er Jahren zu den meist aufgeführten Schweizer Komponisten. Bedeutende Interpreten wie Yehudi Menuhin und Dietrich Fischer-Dieskau brachten Werke von ihm zur Uraufführung. Warum nun das fünfte Streichquartett, das den Titel „Wenn das Tönende die Spur der Wahrheit ist“ trägt, 45 Jahre seiner Uraufführung harrte, wurde an diesem Abend nicht gesagt. Immerhin gelangte es jetzt erstmals zur Aufführung, und man hörte, dass es anspruchsvolle Kammermusik mit gestischen und sprachlichen Bezügen ist.

Schibler hat die beschwörenden und mahnenden Worte dazu selber verfasst. Sie werden von einer Sprechstimme vorgetragen, laut der Partitur teils in einer normalen Rezitation, an einigen wenigen Stellen ist ein rhythmisches Sprechen vorgeschrieben. Das erinnert an Arnold Schönberg, etwa an den Sprechgesang in „Pierrot Lunaire“ oder an Schönbergs zweites Streichquartett mit einer Singstimme. Und in der Tat bedient sich Schiblers musikalisches Universum den Mitteln der Neuen Wiener Schule. Der Komponist selber notierte, dass seine Arbeit von 1970 bis 1980 von seinen „Hörwerken“ geprägt sei, einer Verbindung zwischen Musik und Sprache.

Schon ungewöhnlich, aber auch sehr interessant, dass in einem konzertanten Werk wie einem Streichquartett eine Sprechstimme auftaucht. Schiblers eigene Textfolge zu seinem fünften Streichquartett vereinigt lyrische und dramatische Partien in einer nahezu expressionistischen Wort-Ton-Verbindung. In dieser archaisch-asketischen musikalischen Sprache, die eine gesteigerte Ausdrucksintensität anstrebt, ist ein Nachklang der Schönberg-Schule herauszuhören: ein dissonanzreiches, bis an die Grenzen der Tonalität gehendes Werk.

Die Ausführenden, Thomas Wicky-Stamm und Tatjana Vucelic (Violinen), Teodor Dimitrov (Viola) und Joonas Pitkänen (Cello) konnten mit viel Klangsensibilität, ausgehorchter Dynamik und aufgelichteter Darstellung die kapitale geistige und technische Dimension dieser Musik darstellen. Mit einer geradezu expressiven Ausdrucksgeste zeigte das Caravaggio Quartett bemerkenswertes Gespür für die besonderen Farbwerte dieser Musik und ihren vielen fahlen Flageolett-Tönen.

Erfuhr das Quartett klanglich eine hervorragende Musikalisierung, so hätte die dem Instrumentalpart beigefügte Sprechstimme (Sprecher: Frank Nieder) noch etwas mehr Nachdruck auf die kryptischen Texte Schiblers legen können. Aber die gedankliche Vielfalt dieses so lange vergessenen Werkes wurde deutlich. Die Interpretation war hörbar eine Herzensangelegenheit der Musiker und überzeugte auch jene Zuhörer, für die Schiblers Werk bisher unbekannt war, von der Sprachfähigkeit und Sinnlichkeit dieser Musik.

Gerahmt wurde die Uraufführung durch das erste Streichquartett aus op.3 von Anselm Hüttenbrenner von 1816, das schon einige Jahre vor Schuberts Variationensatz den Titel „Der Tod und das Mädchen“ trug, und Schuberts sehr bekanntem „Rosamunde“-Quartett: Drei gewichtige Beispiele der Gattung Streichquartett, wobei Schiblers komplexe Komposition eine Trouvaille erster Güte war.

Angesichts der prekären Situation und dem Veranstaltungsverbot mussten die nächsten drei Schubertiade-Konzerte abgesagt werden, darunter auch das mit dem in Grenzach-Wyhlen aufgewachsenen Bassbariton Hanno Müller-Brachmann. Sie sollen im nächsten Jahr nachgeholt werden.

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