Von Hubert Bernnat

Binzen. Die Konkurrenz unter den Herrschenden wurde im ausgehenden Mittelalter immer größer und damit erhöhte sich der Druck auf die Bauern. In Binzen herrschte durch Hans von Baldegg auch blanke Willkür. So nahm ihn Markgraf Rudolf 1479 gefangen, da er mit seinen Leuten in Binzen Saatfelder verwüstet und den Frauen und Bauern Gewalt angetan hatte. Drei Tote und mehrere Verwundete waren das furchtbare Ergebnis.

In Binzen scheint sich Widerstand dagegen formiert zu haben. Zu dieser Zeit begannen in Süddeutschland auch erste Bauernunruhen im Zeichen des Bundschuhs. Das war der für Bauern typischen Schnürschuh aus Leder. Die Bundschuhfahne sollte ausdrücken, dass die Bauern gemeinsam gegen ihre Herren aufgestanden sind.

In Binzen waren es ausgerechnet die Söhne des Baldegg’schen Vogtes Hans Tonner aus der Koppengasse, die gegen Ende des 15. Jahrhunderts durch einige Aktionen gegen herrschendes Recht verstießen. Sie hatten wohl auch Mitstreiter und wurden als „Thonnerknaben“ aktenkundig. Ihr Handeln richtete sich vornehmlich gegen Boten des Basler Bischofs, die per Brief Schuldforderungen und Mahnungen in die Dörfer brachten. So wurden folgende Vorfälle mit ihnen in Verbindung gebracht: In Wittlingen wurde ein Bote halbtot geprügelt. Ein anderer musste in Haltingen durch eine Wiese flüchten, um nicht in erstochen zu werden. In Binzen wurden einem Boten die Briefe für zwölf Dörfer abgenommen und verbrannt. Einen anderen fing man, verbrannte seine Briefe, und als er wiederkam, schlug man ihn blutig und nahm ihn zwei Tage gefangen. Ob die Aktionen tatsächlich in die Bundschuhaufstände einzuordnen sind oder „nur“ gewöhnliche Raubaktionen waren, lässt sich nicht eindeutig klären. Fakt ist aber, dass der Zorn unter den Bauern groß und die Zeiten unruhig waren.

Eine neue Zeit begann, die Neuzeit. Basel wurde zu einem Zentrum des Buchdrucks und der humanistischen Ideen. Und was in Basel an Gedanken, Ideen und Gesprächen kursierte, gelangte auch nach Binzen. Selbst wenn die meisten Menschen nicht lesen konnten, verstanden sie die Flugschriften mit ihren aussagekräftigen Karikaturen und Bildern, die durch den Buchdruck schnell und vielfach verbreitet wurden.

Luthers Thesen wurden in Basel in großem Umfang in Umlauf gebracht. Seine Kritik an der katholischen Kirche traf sich mit der Kritik an den sozialen Verhältnissen. Die Sprengkraft war dadurch enorm. So gehörte auch die Flugschrift „Karsthans“ zu den wirkungsvollsten, die sich direkt an die Bauern wandte.

Luther blieb nicht der einzige Kirchenkritiker, vor allem Zwingli hatte in der Schweiz großen Einfluss. In Basel eskalierte der Streit zwischen dem Bischof und den Handels- und Handwerkerzünften, die dessen weltliche Herrschaft nicht länger dulden wollten. Schon 1528 verließ er Basel. Bis heute hat der Bischof seinen Sitz nicht mehr dort. 1529 war die Reformation unter Ökolampad in Anlehnung an Zwingli durchgesetzt. Die neue Situation schwächte auch die Macht des Bischofs in Binzen.

Der große Bauernkrieg 1524/25 blieb auch im Dreiland nicht ohne Wirkung. Neben vielem ging es vor allem um die Nutzung der Allmenden, um Wald, Matten und Wasserläufe, die von den Bauern traditionell als Allgemeingut genutzt wurden. Immer mehr aber hatten die Grundherren sich die Allmenden anzueignen versucht. Für Binzen war es der „Vier-Höfe-Wald“, der den Gemeinden Binzen, Rümmingen, Wollbach und Tumringen gemeinschaftlich gehörte und dessen Nutzung unter ihnen geregelt war.

Zweimal hatten sich die Binzener und andere geweigert, dem Markgrafen Treue zu schwören, da sie ihre Rechte nicht gesichert sahen. Durch Vermittlung Basels, das ein großes Interesse an Ruhe im Umland und mit dem Markgrafen hatte, kam es schließlich zu einer Einigung.

Über Nacht wurde die Reformation im Markgräflerland von oben eingeführt, nachdem der Augsburger Religionsfrieden von 1555 dies für die Landesherren konfliktfrei ermöglichte. Mit dem 1. Januar 1556 waren nun alle Bewohner der Markgrafschaft protestantisch. Markgraf Karl II. hatte sich für die Reformation nach Luther entschieden.

In Binzen wurde für zwei Jahre Huldreich Koch erster protestantischer Pfarrer, da der bisherige Valentin Ibelin beim katholischen Glauben geblieben war. Wie weit die Reformation schon fortgeschritten war, zeigte sich 1561, als Pfarrer Meyr zusammen mit der geistlichen Verwaltung in Rötteln die Entfernung der Bilder aus der St. Laurentiuskirche, aber auch der Rümminger Kapelle veranlasste. Vier bei der Entfernung aus der Rümminger St. Jakobuskirche beschädigte Holzfiguren sind heute in der Sammlung des Landesmuseums in Karlsruhe.

Die Reformation hatte mit Paul Cherler zudem einen außergewöhnlichen Pfarrer nach Binzen gebracht. Er gilt als einer der großen Dichter seiner Zeit. Religiös setzte er sich für die verfolgten Wiedertäufer ein und strebte eine Verbindung von Lutheranern und Zwinglianern an.

Ihm verdanken wir eine erste Beschreibung von Binzen: „Auf dem Land wohne ich, wo man edle Vergnügungen nicht kennt, wo man lebt frei von Sorgen und nicht gestört wird von des Marktes Lärm; wo durch grasreiches Wiesenland die bescheidene Kander schleicht, die reich ist an Krebsen. Binzen durchschneidet die Kander, auf dem hiesigen rund tummeln sich kleine Fische. Auf beiden Seiten stehen breite Mühlsteine bereit, die Körner zermalmen; längshin grüne blumige Matten; Weinbottiche stehen umher, und weithin breiten sich fruchtbare Äcker, mit goldenen Saaten bedeckt: ein arbeitsfrohes Land! Ausgedehnte Weinberge erzeugen guten Wein, ringsum lachen die prächtigen Gärten die bewundernden Augen an, überall siehst du früchteschwere Obstbäume... So sieht Binzen aus, das ist das Bild des Landes, in dem ich wohne, wohin ein gütiges Geschick mich rief.“

Durch die Reformation ist Binzen auch Schulstandort geworden. Ganz im Sinne Luthers sollten die „Christe-menschen“ in der Lage sein, selbst die Bibel zu lesen. Binzen gehörte zu den ersten vier Orten in der damaligen Diözese Rötteln mit einer Schule.