Binzen In Binzen eine neue Heimat gefunden

Die pakistanische Familie von Muddasar (rechts) und Schwester Uzma ist mit den Kindern Hibba (5), Adnan (2) und Fiazia (7) (auf dem Schoß sitzend von links) in Binzen angekommen. Die Binzenerinnen Claudia Eben (links) und Sabrina Grether (Dritte v. r.) sind beste Freundinnen, die der Familie immer wieder bei Behördengängen und Amtspost unter die Arme greifen. Foto: Marco Schopferer Foto: Weiler Zeitung

Von Marco Schopferer

Binzen. Es ist einer dieser tausendfachen menschlichen Tragödien, die sich wohl tagtäglich weitab vom Markgräflerland in so vielen Ecken der Welt abspielen. Aus religiösem Fanatismus werden Andersgläubige verfolgt und auch getötet. Der 25-jährige Binzener Neubürger Muddasar B. floh mit seiner Schwester und deren Kindern aus Pakistan. Sie fanden jetzt im Kandertal eine neue Heimat.

„Da hinten habe ich gewohnt“, sagt Muddasar beim Anschauen eines deutschen Nachrichtenvideos auf der Internetplattform YouTube. In der pakistanischen Stadt Rabwah, dem Hauptsitz der Ahmadiyya-Moslems ist er aufgewachsen. Die Dokumentation schildert die Verbrechen, die immer wieder weltweit für Bestürzung sorgen. Moslems töten Moslems, „weil sie uns nicht akzeptieren“, erzählt Muddasar. Seine Glaubensgemeinschaft der Ahmadiyya wird als Abtrünnige nicht nur geächtet, sondern verfolgt.

Besonders das Datum des 28. Mai 2010 hat sich bei dem heute 25-Jährigen eingebrannt. Terroristen stürmten damals zeitgleich die beiden Ahmadiyya-Moscheen von Rabwah und töteten 86 Gläubige während des Freitagsgebets. Danach bestimmte die Angst das Leben des jungen Computer- und Handyverkäufers und seiner 31-jährigen Schwester Uzma. Es reifte der Entschluss zur Flucht nach Deutschland, wo seit 28 Jahren ein Onkel bei Frankfurt schon seine neue Heimat gefunden hat und man Unterschlupf finden wollte.

Allerdings machte die deutsche Asylbürokratie diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Über Bielefeld und Karlsruhe ging es für zwei Jahre in die Gemeinschaftsunterkunft nach Rheinfelden. Im Dezember 2013 durfte die Familie aus humanitären Gründen und der unbürokratischen Mithilfe von Bürgermeister Andreas Schneucker eine gemeindeeigene Wohnung in Binzen beziehen. „Der jüngste Sohn ist krank und muss immer wieder zur Behandlung in die Freiburger Uni-Klinik. Die schlechten hygienischen Zustände in Rheinfelden waren da nicht mehr zumutbar“, sagt die Binzenerin Sabrina Grether, die sich seit rund einem Jahr gemeinsam mit Claudia Eben ehrenamtlich um die Familie kümmert.

Die beiden helfen der Familie vor allem bei Behördengängen oder dem Übersetzen von Amtspost. „Wir wollen für die Familie einfach ein Stück weit Türöffner in der erst einmal fremden Kultur und Umgebung sein, so dass sie hier ankommen können“, sagt Sabrina Grether. Mutter Uzma geht zwischenzeitlich alleine zum Elternabend und nach einem Telefonat mit dem TuS-Vorsitzenden Daniel Merle war auch für Muddasar die anfängliche Hemmschwelle überwunden, beim Training der Fußballjugend mitzuhelfen.

Zwischenzeitlich ist die pakistanische Familie hier angekommen. „Ich habe bei einer Sanitär- und Blechnereifirma in Stetten eine Arbeit bekommen, sogar unbefristet“, erzählt der 25-Jährige stolz. „Endlich kann ich mir kaufen, was ich will, bezahle selbst die Miete und bin auf keine Unterstützung vom Amt mehr angewiesen“ freut sich Muddasar. Binzen sei seine neue Heimat geworden. Nun wolle er gar nicht mehr nach Frankfurt zu seinem Onkel und dem Hauptsitz der deutschen Ahmadiyya-Moslems.

Seit sechs Monaten ist Muddasar nun Trainer der D-Jugend-Mannschaft des TuS Binzen und glücklich über sein neues Ehrenamt. Durch dieses Engagement auf dem Fußballplatz entstehen für ihn weitere Kontakte.

In der kommenden Woche steht jedoch ein wichtiger Behördentermin für die Familie an. Die erste Anhörung vor Vertretern des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Freiburg nach drei Jahren Wartezeit. Danach erst wird entschieden, ob die Familie auf Dauer in Deutschland bleiben darf.

Muddasar, Uzma und ihre Unterstützer setzen all ihre Hoffnung darauf, dass sie nächste Woche als Flüchtlinge anerkannt werden, so dass sie als in ihrer Heimat religiös verfolgte Gruppe in Binzen bleiben dürfen.

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