Binzen „Montags musste der Laden laufen“

Beatrice Ehrlich

Viel hat sich in diesem Jahr für die verändert, die von Berufs wegen mit vielen Menschen zu tun haben. Im Interview zieht Reiner Kaiser, Schulleiter der Grundschule Vorderes Kandertal, Bilanz über die vergangenen Monate.

Von Beatrice Ehrlich

Binzen. In der Woche kurz vor Weihnachten ist es lebendig im Binzener Schulhaus, es herrscht fast normaler Betrieb. Nur wenige Eltern haben hätten sich entschieden, die Kinder für eine freiwillige Weihnachtsquarantäne zu Hause zu behalten, berichtet der Schulleiter.

Frage: Mit welchen Gefühlen blicken Sie als Schulleiter zurück auf das zweite Corona-Jahr?

Im Rückblick betrachte ich das ganz nüchtern. Wir haben gemacht, was im Rahmen unserer Möglichkeiten stand. Die Kollegen haben sehr viel geleistet im vergangenen Jahr. Ich bin zufrieden mit dem, was wir geschafft haben, und wo unsere Kinder, trotz aller Einschränkungen, jetzt stehen. Zwischendrin gab es aber auch bei uns ein Gefühl von Ohnmacht. Die Ungewissheit: Was passiert eigentlich gerade und wie geht es weiter? Wir haben uns große Sorgen gemacht, denn wie wir wissen, sind in der Grundschule die persönlichen Beziehungen so wichtig als Grundlage für das Lernen.

Frage: Was waren die größten Herausforderungen?

Während des Lockdowns im Frühjahr waren 130 unserer insgesamt 360 Schüler in der Notbetreuung angemeldet. Darin waren wir zwar schon geübt. Neben der Notbetreuung in Kleingruppen mussten sich die Lehrer aber auch um die Kinder kümmern, die zuhause geblieben sind. Sie den ganzen Vormittag per Zoom-Konferenz zu unterrichten, wie sich das manche Eltern erwartet haben, war nicht möglich. Nichtsdestotrotz haben wir im Bereich digitale Medien große Fortschritte gemacht.

Frage: Die Kinder stehen allen Einschränkungen zum Trotz gut da, sagen Sie. Gibt es auch Kinder, für die das nicht zutrifft?

Ja. Verlierer im Corona-Jahr waren die Kinder, die wir auch sonst schwer erreichen, zum Beispiel 15 Kinder aus geflüchteten Familien. Über die Kontaktaufnahme mit den Eltern, auch über Mitarbeiter des Helferkreises, ist es uns gelungen, sie alle in die Notbetreuung einzugliedern. Für diese Kinder war es ganz wichtig, den Anschluss nicht zu verlieren.

Frage: Hat sich unter diesen besonderen Umständen Ihr Blick auf Ihren Beruf verändert?

Wenn Sie den Beruf des Lehrers meinen, dann weniger: Ich bin mittlerweile eher Verwalter als Lehrer, daran hat sich nicht so viel geändert. Ich habe Pläne für die Notbetreuung und den Schichtdienst erstellt. Aber doch: Am Anfang hat uns die erzwungene Flexibilität sehr viel Mühe gekostet. Oft wurde uns am Freitag eine neue Verordnung mitgeteilt – und am Montag musste der Laden dann laufen. Es hat vieles gelitten, was sonst zu unserem Beruf dazugehört, vor allem im Bereich Soziales und in der Zusammenarbeit mit den Eltern. Lange konnten überhaupt keine Treffen stattfinden, das hat man den Kindern angemerkt.

Frage: Wie meinen Sie das?

Durch die lange Zeit mit den Eltern haben viele Kinder ein Stückweit verlernt, wie es geht, Rücksicht aufeinander zu nehmen, mal abzuwarten oder nicht jeden Wunsch erfüllt zu bekommen. Durch Corona schwingt bei Begegnungen latent die Angst mit vor Ansteckungen, trotz des permanenten Tragens der Gesichtsmaske. Es herrscht Unsicherheit: Dürfen wir uns noch treffen?

Frage: War zeitweise in der Schule auch mehr möglich?

Sobald es wieder möglich war, haben wir versucht, Aktivitäten im Klassenverband zu realisieren, etwa Besuche in einem Museum, einer Ausstellung oder den Betrieb der Kerzenküche jetzt vor Weihnachten. Dennoch blieb das Angebot eingeschränkt. Die Lehrer als Verantwortliche hatten große Bedenken, etwa mit einer Gruppe Grundschüler Bus zu fahren. In der Adventszeit gehört das Backen bei uns dazu, normalerweise mit Eltern. Das konnten wir nicht machen, da die Corona-Zahlen wieder angestiegen sind.

Frage: Gab es an Ihrer Schule Corona-Ausbrüche?

Es gab immer wieder niedrige Zahlen von Ansteckungen. Erst passierte lange Zeit gar nichts, dann flackerten erst in Rümmingen, dann in Eimeldingen kleine Infektionsherde auf. So ging es weiter durch alle Standorte. Nur eine Klasse musste in Quarantäne geschickt werden, dort waren sieben von 22 Kindern mit Corona infiziert.

Frage: Wie kommen Sie den Infektionen auf die Spur?

Wir führen drei Mal in der Woche Corona-Schnelltests mit den Kindern hier in der Schule durch. In einigen begründeten Ausnahmefällen dürfen die Eltern die Kinder zu Hause testen. Die Kinder müssen dann an den entsprechenden Tagen eine von den Eltern unterschriebene Selbsterklärung mitbringen. Ohne die ausgefüllte Selbsterklärung muss das Kind von den Eltern abgeholt werden oder wird hier in der Schule getestet.

Frage: Was war für Sie persönlich der Höhepunkt im vergangenen Jahr?

Das war, als die Schule wieder aufmachte und die damit verbundene Rückkehr zur Normalität.

Frage: ... und der Tiefpunkt?

Die Uneinigkeit der Politik und das „Geschachere“ um die Corona-Maßnahmen gerade vor Wahlen fand ich beunruhigend. Trotz steigender Infektionszahlen wurde nicht auf Experten gehört und beispielsweise die Maskenpflicht bei den Schülern aufgehoben. Jetzt sehen wir, welchen Nutzen die Maskenpflicht hat: Es gab keine größeren Infektionsherde in den Schulen.

Frage: Hatten Sie mit wütenden Eltern zu tun?

Mit wenigen, dafür heftig argumentierenden Eltern, die sich etwa vehement gegen die Testpflicht in der Schule ausgesprochen haben. Es liegt aber an uns festzulegen, wo die Kinder getestet werden, und regelmäßiges Testen ist allemal besser, als wenn die Kinder nicht in Präsenz unterrichtet werden können.

Frage: Ihr Wunsch an die Verantwortlichen in der Politik?

Ich wünsche mir, dass bei wichtigen Entscheidungen mehr die wissenschaftlichen Erkenntnisse beachtet werden als die Klientel, die man vertritt. Man sollte miteinander an einem Strang ziehen, konsequent bleiben, früher und vorausschauend auf Veränderungen reagieren. Den Argumenten der Ungeimpften wird in meinen Augen in der Öffentlichkeit zu viel Raum gegeben. Das vermeintliche Problem einer Spaltung der Gesellschaft wird aufgebauscht.

Frage: Was sind Ihre wichtigsten Themen für das kommende Jahr?

Für uns steht die Digitalisierung ganz oben auf der Agenda. Dabei wünschen wir uns mehr Unterstützung des Landes Baden-Württemberg, auch administrative Unterstützung.

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