Binzen Wissen wie ein Geschenk verpacken

Weiler Zeitung
Der Hirnforscher Henning Beck stellt in Binzen neueste Erkenntnisse zum Thema Lernen vor. Foto: zVg/Hans Scherhaufer

In seinem Buch „Das neue Lernen heißt Verstehen“ zeigt der Neurowissenschaftler Henning Beck, wie wir der zunehmenden Informationsflut gerecht werden können. Am Donnerstag, 14. Oktober, kommt er nach Binzen. Mit dieser Lesung wird dort im Reforum die Meet & Talk-Reihe, die vor der Pandemie begann, vorsichtig fortgesetzt.

Von Alexandra Günzschel

Binzen. Beck spricht über Trends in der Lernforschung, welche die allgemein gängige Vorstellung von Bildung regelrecht umkrempeln.

Frage: Herr Beck, an wen richtet sich Ihr neues Buch „Das neue Lernen heißt Verstehen“?

Es gibt viele Bücher über das Lernen. Meines richtet den Fokus darauf, dass Leute auch verstehen sollen, was passiert, wenn jemand sagt „Ich hab’s gecheckt!“

Für den Bildungsbereich ist das Buch sicherlich von Interesse. Aber auch darüber hinaus. Denn wir leben in einer komplexen Zeit mit vielen Problemen, die nur dann gelöst werden können, wenn wir sie wirklich verstehen.

Frage: Sie sind Neurowissenschaftler. Inwieweit hilft Ihnen das bei Ihren Erkenntnissen?

Ideen entstehen im Kopf. Ein Ansatz ist es zu verstehen, wo wir verstehen. In den Neurowissenschaften kann man sich genau anschauen, wie diese Vorgänge kognitiv ablaufen. Was muss im Umfeld passieren? Was muss man tun, damit man Dinge besser verstehen kann?

Frage: Über das Lernen ist schon viel geforscht worden. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Beim klassischen Lernen soll der Stoff möglichst häufig wiederholt werden. Doch es gibt auch Tricks, wie wir Dinge ad hoc verstehen. Man muss zum Beispiel nur einmal gesehen haben, wie jemand einen Selfie macht, um den Vorgang zu begreifen.

Wichtig fürs Lernen sind Situationen, in denen Menschen aktiv sind und etwas praktisch erleben können.

Gerade in der digitalen Welt werden wir „passiviert“. Das auf diese Art vermittelte Wissen bleibt nicht so gut hängen, baut sich nicht auf. Stattdessen ist aktives Nachvollziehen und Problemlösen nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip gefragt. Diese Art des Denkens ist menschlich.

Frage: Hat die digitale Welt das Lernen verändert?

Die ernüchternde Studienlage besagt, dass digitales Lernen im besten Fall an das herankommen kann, was guter Unterricht jetzt schon leistet. Für erfolgreiches Lernen braucht es das physische Umfeld, die Atmosphäre. Räumlichkeit ist extrem wichtig, weil wir in Landkarten denken. Eine digitale Darbietung ist da immer nur die zweitbeste Lösung.

Frage: Sie sagen, man müsse die Tricks des Gehirns nutzen, um clever zu denken und innovativ zu sein. Wie muss man sich das vorstellen?

Die besten Lösungen kommen von jenen Leuten, die die besten Fragen stellen. Auch IQ-Tests zielen nur darauf ab, wie schnell jemand eine Lösung findet. Besser wäre es, aktiv Fragen zu stellen, um auf Lösungen zu kommen.

Den Nobelpreis haben vor allem Personen bekommen, die Fragen hatten, die kein anderer zuvor gestellt hat. Natürlich haben sie dann auch Antworten gefunden.

Frage: Wie schafft man es am besten, Dinge auch zu behalten?

Würde man nur durch Wiederholen lernen, würde das ewig dauern. Die Regionen im Gehirn für Gedächtnisleistungen sind für das Verständnis gar nicht so geeignet.

Statt Wiederholen und Aufschreiben sollte die Devise eher lauten Ausprobieren und Fehler machen. Das ist ein aktiver Prozess.

Wissen sollte immer ein bisschen ineffizient vermittelt werden, wie ein verpacktes Weihnachtsgeschenk. So funktioniert Werbung. Man schafft ein Geheimnis und wir lieben es, Rätsel zu lösen.

Frage: Und was würden Sie Ihren Mitmenschen raten, um geistig fit zu bleiben?

Ich würde ihnen raten, sich ein Hobby zuzulegen, bei dem sie nicht erreichbar sind. Das gibt ihnen die Möglichkeit zum Nachdenken und schafft Freiräume für Tagträume und Müßiggang.

Außerdem würde ich so viel sozialen Austausch wie möglich empfehlen. Sobald wir mit – bestenfalls sehr unterschiedlichen – Menschen zusammenkommen, wird uns alles abverlangt, was es braucht, um geistig fit zu bleiben. Ansonsten wird man sehr einfältig in seinem Denken.

„Das neue Lernen heißt Verstehen“ heißt das jüngste Buch des Hirnforschers Henning Beck. Am Donnerstag, 14. Oktober, 18.30 Uhr, liest er daraus im Reforum, Am Dreispitz 6, in Binzen.

Eine Anmeldung ist erforderlich unter: www.reforum.de.

  • Bewertung
    0

Umfrage

Karl Lauterbach

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist designierter Bundesgesundheitsminister. Was halten Sie davon?

Ergebnis anzeigen
loading