Der Kult-Papst Johannes Paul II. – heilig im Sauseschritt

Markus Brauer
Kultfigur Johannes Paul: Aufbau einer Statue im polnischen Tschenstochau Foto: PAP

„Santo subito!“ Die Rufe der Gläubigen waren nicht zu überhören. Millionen forderten lautstark, dass aus dem verstorbenen Johannes­ Paul II. der heilige Karol werde – und das sofort. Neun Jahre ist es her, dass die „Sofort heilig!“-Rufe über den Petersplatz in Rom hallten. Am 2. April 2005 starb der Papst nach langer, schwerer Krankheit. Am 27. April wird die Jahrhundertgestalt heiliggesprochen. Nach kirchlichen Maßstäben im Eiltempo. So schnell wurde kaum einer vor ihm zum Seligen oder Heiligen ernannt.

Es gab schwache Päpste wie den zaudernden und zweifelnden Paul VI., doch Karol Wojtyla war aus anderem Holz geschnitzt. Jemand wie er strahlte Übermenschliches aus, weil er seine Aufgabe als „himmlische Mission begreift, die er nicht abbrechen kann“, sagte einmal ein Weggefährte.

Kein Hindernis war für den von sich und seiner Sendung überzeugten Gottesmann zu hoch, keine noch so ausweglose Situation erschien ihm hoffnungslos. Von seiner Wahl 1978 bis zu seinem Tod im Jahr 2005 war er 26 Jahre und fünfeinhalb Monate lang Oberhaupt der Katholischen Kirche. Nur der von Johannes Paul II. seliggesprochene Pius IX. stand der Kirche länger vor: von 1846 bis 1878 – 31 Jahre und acht Monate.

Mit unermüdlichem missionarischem Eifer reiste Johannes Paul II. durch die Welt und trug das Evangelium bis in den letzten Winkel der Erde. Anders als für seinen Vertrauten und Nachfolger Benedikt XVI. kam ein Rücktritt für ihn nie infrage. Auch nicht als er körperlich immer mehr verfiel und ihm zuletzt sogar die Stimme versagte. Sein Krankenbulletin war lang: Am 13. Mai 1981 wurde er von dem türkischen Attentäter Mehmet Ali Agca auf dem Petersplatz niedergeschossen und schwer verletzt. 1992 entfernten ihm Ärzte einen Tumor aus dem Dickdarm. Ein Jahr später brach er sich einen Arm, darauf die Hüfte. Er litt an Parkinson, seine Hände zitterten.

Als Rentner hätte man ihn sich nicht vorstellen können

Doch ungeachtet aller körperlichen Gebrechen betrachtete es Johannes Paul II. als seine kirchengeschichtliche Mission, an der weltweiten Ausbreitung der christlichen Heilsbotschaft quasi bis zum letzten Atemzug mitzuwirken. Als Pensionär wie Joseph Ratzinger wäre er schwer vorstellbar gewesen. Unbeirrt von äußeren Anfeindungen und innerkirchlichen Widerständen steuerte er das schlingernde Kirchenschiff durch Stürme von Begeisterung und Erbitterung, Zuspruch und Ablehnung.

Das Pontifikat des 263. Nachfolgers Petri begann am 16. Oktober 1978, als der damals 58-jährige Erzbischof von Krakau, Kardinal Karol Wojtyla, zum Nachfolger des nach 33 Tagen im Amt verstorbenen Johannes Paul I. gewählt wurde – der erste Nicht-Italiener seit über 400 Jahren. Er nannte sich Johannes Paul II., und kurz nach seiner Wahl rief er der Menschenmenge auf dem Petersplatz die Worte zu: „Habt keine Angst, die Tore weit für Christus zu öffnen, fürchtet euch nicht!“ Dieser Satz wurde zum Programm eines Pontifikats, das wie wenige zuvor Kirche und Welt prägte.

Ein Papst aus einem Land jenseits des Eisernen Vorhangs: Das war 1978 ein Wagnis – zumal Karol Wojtyla nicht daran dachte, seinen glühenden Antikommunismus hinter diplomatischen Floskeln zu verbergen. Sein erster Polenbesuch 1979 glich einem Triumphzug und beschleunigte wohl auch den Zusammenbruch des Sozialismus.

Er stärkte die Gewerkschaft Solidarnosc, geißelte den Kommunismus als „tragische Utopie“ und klagte die Freiheit von Gewissen und Glaube ein. Doch auch den Siegeszug des Kapitalismus mit seiner Vergötzung des freien Marktes betrachtete der Papst mit Skepsis. „Eine Welt ohne Gott ist eine Welt gegen den Menschen“, lautete sein Credo.

Niemand hat die Gläubigen mehr bewegt als er

Obwohl er die Öffentlichkeit durch heilige Starrköpfigkeit und dogmatische Strenge bisweilen brüskierte, dürfte kaum eine zeitgenössische Gestalt die Gläubigen so bewegt haben wie der am 18. Mai 1920 im südpolnischen Wadowice bei Krakau geborene Karol Wojtyla. Der Kampf gegen die Ideologien zog sich wie ein roter Faden durch seine Biografie. Hautnah erlebte er Totalitarismus und Kirchenverfolgung, die Besetzung seiner Heimat durch deutsche Truppen und die Schrecken der kommunistischen Diktatur mit. 1942 trat er, der Dichter werden wollte, ins Krakauer Priesterseminar ein. Um nicht von den Nazis deportiert zu werden, arbeitete er im Steinbruch und in einer Chemiefabrik. Der Holocaust, die Vernichtung von Millionen Juden, wurde für ihn zum Fanal einer schuldbeladenen Welt.

Johannes Paul II. war ein politischer Papst, der die Kirche als Vorkämpferin für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte sah. Ob es um Globalisierung und Krieg, Abtreibung­ und Genforschung, Todesstrafe und Armut ging – die Kirche sollte seiner Ansicht nach den Lauf der Geschichte auch 2000 Jahre nach ihrer Gründung weiter aktiv­ mitgestalten.

Meisterhaft verstand er es, auf der Klaviatur der Medien zu spielen. Mit seinem Charisma vermochte er schnell, das Selbstbewusstsein der Katholiken zu stärken. Doch der anfängliche Enthusiasmus für den unkonventionellen Gottesmann wich vor allem in Westeuropa und Nordamerika schon bald kritischen Stimmen. Die Hoffnungen auf Reformen erfüllten sich nicht. Im Gegenteil: Im Laufe seines Pontifikats zeigte sich die Janusköpfigkeit seiner Persönlichkeit.

Autoritärer Führungsstil

Johannes Paul II. spaltete oft mehr, als dass er einte und Konservative und Progressive versöhnte. Die innerkirchlichen Gräben vertieften sich, das Verhältnis zu anderen christlichen Gemeinschaften stagnierte. Vor allem am autoritären Führungsstil und der Personalpolitik entzündete sich heftiger Widerstand. Die zentralen Probleme der Weltkirche – der Priestermangel, die personelle und spirituelle Auszehrung der Orden, die Debatte um eine zeitgemäße Sexualmoral und das politische Engagement des Klerus – wurden nicht gelöst, sondern verstärkt.

Der Papst polarisierte auch durch seine Weigerung, sich – wie im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) entschieden – für verstärkten Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen einzusetzen und die Kirche so weiter für die Moderne zu öffnen. Ungeachtet zahlloser Aufrufe zur Einheit der Christen bewegte sich nur wenig in der Ökumene, da er unbeirrt am päpstlichen Unfehlbarkeits- und Primatsanspruch festhielt. Gerade für die Konservativen unter ihrem neuen Bannerträger Gerhard Ludwig Kardinal Müller, dem Präfekten der Glaubenskongregation und früheren Regenburger Bischof, ist dieser autokratische Führungsstil bis heute ein Zeichen echter Katholizität und Frömmigkeit.

In seiner Amtszeit stellte Johannes Paul II. viele Rekorde auf: 1 247 613 Kilometer außerhalb Italiens gereist, 20 000 Reden gehalten, 1338 Menschen selig- und 482 Menschen heiliggesprochen – mehr als seine Vorgänger in den vier Jahrhunderten zuvor. Der sozialen Frage und dem Ausgleich zwischen Nord und Süd, Reich und Arm galt neben der Moraltheologie sein Hauptinteresse. Von Anfang an trat er als Verteidiger der Menschenrechte und der Religionsfreiheit auf.

Bei den Ausgegrenzten, aber nicht bei den Reformern

Doch jener Papst, der sich so kompromisslos auf die Seite der Ausgegrenzten stellte, widersetzte sich allen Reformbestrebungen, die den Gläubigen mehr Mitsprache verschaffen sollten. Es beunruhigte ihn, dass Teile der Kirche vom gewaltsamen Kampf die Rettung aus Armut und Unterdrückung erhofften. Scharf verurteilte er durch sein Sprachrohr Joseph Ratzinger, der ihm von 2005 bis 2013 als Papst Benedikt XVI. nachfolgte, die Befreiungstheologie, die die christliche Botschaft mit Hilfe der marxistischen Lehre interpretieren wollte. Durch die Ernennung konservativer Bischöfe brachte er die aufmüpfigen Ortskirchen in Lateinamerika wieder auf römische Linie.

Die Kirchenmüdigkeit und die Glaubenskrise in den Industrieländern hatte Johannes Paul II. stets als Chance zur geistigen Erneuerung gesehen. Die Neuevangelisation der Menschheit war ihm ein Anliegen. Verhaftet in einem traditionalistischen Kirchenbild, hatte dieser Papst aber die Schwächen und Fehlentwicklungen in der Kirche, ihren Klerikalismus und Zentralismus, Dogmatismus und Reformstau nie bewältigen können. Der Vatikan wurde entgegen den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das die Rolle der Ortskirchen stärken und den Einfluss Roms eindämmen wollte, wieder zum Nabel der Weltkirche.

Die kollektive Hysterie nach seinem Tod wich schon bald der Ernüchterung. Die Skandale während des Pontifikats Benedikts XVI. kosteten die Kirche viel Sympathie. Sein Nachfolger Papst Franziskus hat ein schweres Erbe angetreten.

Was bleibt von dem Pontifikat Johannes Pauls II.? Den Frommen ist er ein Vorbild im Glauben, liberalen Christen aber gilt er als absolutistischer Herrscher, der sich den Rufen nach Erneuerung versagte und letztlich der Vergangenheit verhaftet blieb.

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