Efringen-Kirchen Der Mauerfall veränderte ihr Leben

Weiler Zeitung
Deutsch-deutsche Geschichtsstunde mit Uta Ruscher (sitzend), Christain Rabe, Lea Ruscher und Hans Fuhlbohm (v.l.) in der Kulturscheune Kleinkems. Nicht auf dem Foto ist der „Nachbar Zeitzeuge“. Foto: Dorothee Philipp Foto: Weiler Zeitung

Uta Ruscher ist mit einem Besuchervisum 1987 in den Westen abgehauen, der Nachbar von nebenan saß zehn Monate im Dresdner Gefängnis Bautzener Straße wegen „Beihilfe zu einem schweren Fall von ungesetzlichem Grenzübertritt“, von den sechs Rabes sind drei „Ostbrüder“ und drei „Westbrüder“. Biografien der heterogensten Art, die alle eins gemeinsam haben: Der Mauerfall vor 30 Jahren veränderte ihr Leben.

Von Dorothee Philipp

Kleinkems. Bei einem besonderen Abend in der Kulturscheune Kleinkems wurden diese Elemente in einer Collage aus Autorenlesung, Liedbeiträgen und Berichten und Anmerkungen von Zeitzeugen zusammengeführt. Eine Eigenproduktion der Scheune, wie Hausherr Christian Rabe stolz verkünden konnte. Das Gedicht „Rabentreffen“ hat er selbst verfasst und vertont. Mit Hans Fuhlbohm, Professor an der Freiburger Musikhochschule, war ein Klavierbegleiter gefunden, der den Tonfall der kampfeslustigen Arbeiterlieder ebenso beherrschte wie das kernige Knarren der Weill’schen Brecht-Vertonungen und das geisterhaft körperlose Flüstern eines Schönberg-Klavierstücks. Rabe erweckte die Lieder mit suggestiver Kraft und wohlklingendem Bariton zum Leben.

„Roter Faden“ an dem Abend war die Autobiografie von Uta Ruscher, in der sie das Umfeld schildert, das schließlich zu ihrem heimlichen Aufbruch geführt hat.

Ohne Geld, Wohnung und Freunde

Wie das war, als sie ohne Geld, Wohnung und Freunde, dafür mit „Ostmacke“ in Berlin ankam und wie sie sich dann durchschlug ohne zu ahnen, dass in zwei Jahren der Spuk mit der Grenze vorbeisein würde. Ihre erste Begegnung mit dem Klassenfeind: eine Tüte mit knallbunten Ami-Kaugummis, mitgebracht von Tante Erna aus dem Westen. Bei besonders prägnanten Dialogen übernimmt Tochter Lea eine der Rollen, etwa die der gestrengen Lehrerin Frau Schachmann. Man kann ihn fast fühlen, riechen und schmecken, den Stallgeruch der Deutschen Demokratischen Republik. Man erlebt in eingeblendeten O-Tönen und Filmausschnitten das Zittern, als das kampflose Gelingen der Wiedervereinigung auf Messers Schneide stand und ist von neuem fassungslos über den Zynismus und die Selbstgefälligkeit der damaligen Machthaber.

Mit regelrechter Wucht trifft die deutsch-deutsche Geschichtsstunde das Publikum im letzten Teil des Abends, als der „Nachbar Zeitzeuge“, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, von den Erniedrigungen, der Wut und der Verzweiflung berichtet, die ihm während seiner Haftzeit begegnet sind.

Geschichten aus erster Hand berichtet

Der lakonische, trockene Ton steht dazu in krassem Widerspruch. Wie sie das damals gemacht haben mit der Strickleiter über den Zaun: Er hat sogar eine derartige Wäscheleine mitgebracht, auch die selbst gebastelten Haken und Ösen, mit denen man damals 1983 die Drähte auseinandergezogen hat. Und wie er das Auto wieder zurückgefahren hat, damit die Grenzsoldaten keinen Verdacht schöpfen.

Fotos vom Gefängnis, das heute als Museum eingerichtet ist: „Hier oben, da war meine Zelle, alles noch unverändert.“

Man ist mittendrin in diesem nur wenige Quadratmeter großen Horrorviereck, in dem zwei Leute schlafen, wachen, essen, sich waschen und die nicht abgetrennte Toilette benutzen müssen.

Bis zum Schluss hat der Staat seine Spitzel auf die Ausreisenden angesetzt, erst kurz vor dem Schlagbaum steigen sie aus dem Bus.

Dick ist die Akte, die die Stasi über ihn angelegt hat und die er erst nach dem Mauerfall zu Gesicht bekam. Auch sie hat der Zeitzeuge mitgebracht.

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