Efringen-Kirchen Die Kirchener und die Juden

Weiler Zeitung
Station am Woogplatz: Hier wurde früher der Viehhandel betrieben. Maren Siegmann zeigt Bilder zum Thema. Foto: Reinhard Cremer Foto: Weiler Zeitung

Anlässlich des Tags der jüdischen Kultur hat Museumsleiterin Maren Siegmann gestern rund 50 Bürger unter dem Titel „Die Kirchener, die Juden und das normale Leben um 1800“ durch Kirchen geführt. Geboten wurden interessante Einblicke und Hintergründe.

Von Reinhard Cremer

Efringen-Kirchen. Zahlreiche Urkunden und Bilder in Kopieen hatte Siegmann im Gepäck, wobei sie sich auf die Zeit des 18. und frühen 19. Jahrhunderts konzentrierte. Immerhin belief sich die jüdischen Bevölkerung im Jahr 1870 auf 192 Personen.

Die ersten Juden

Die ersten jüdischen Familien in Kirchen stammten aus Dorneck (Dornach), das sie 1730 innerhalb von vier Wochen hatten verlassen müssen. Der Grund dafür, dass sich viele von ihnen in Kirchen ansiedelten, sei möglicherweise, dass der Markgraf in der Mühle Gutenau eine „Absteige“ hatte, vermutete Siegmann. Geduldet aber wurden sie nur gegen ein „Schutzgeld“ – daher rührte der Begriff „Schutzjuden“. Jeder dieser Schutzjuden hatte 30 Gulden pro Jahr Schutzgeld zu entrichten. Mit dem Tod des jeweiligen Markgrafen erlosch auch der Schutzbrief und musste neu beantragt werden. Die Gemeinde Kirchen hatte kein Mitspracherecht. Zugebilligt wurde die Haltung von einer Kuh und einem Ross. Diese durften anfangs nur am Straßenrand weiden.

Schon damals hatten die (christlichen) Kirchener Bürger mehr Rechte als die zugezogenen „Hintersassen“. Dennoch „durften“ sie die durch den Krieg 1743/44 von den Franzosen auferlegten Lasten mittragen.

Die Lebensgrundlage

Da den Juden die Landwirtschaft und die Ausübung eines handwerklichen Berufes untersagt war, blieb ihnen in der Regel nichts anderes als der Handel und der Geldverleih. Die meisten Juden handelten mit Vieh. Einige, die als Hausierer übers Land zogen, handelten auch mit Zucker und dem damals sehr wertvollen Kaffee. Er wurde als „böse“ verunglimpft, da er teuer war und die Frauen angeblich verführte, sich zu Kaffeekränzchen zusammenzusetzen und dabei ihre Arbeit zu vernachlässigen.

Dass der Hausierhandel nicht ganz ungefährlich war, belegt das Schicksal eines Hausierers, der im Jahr 1757 auf der Landstraße bei Kirchen ermordet aufgefunden wurde. Hausierer waren quasi Freiwild.

Im Jahr 1767 erhielt der Apotheker Romann vom Markgraf das Privileg für einen Specerei- und Kramladen an der Basler Straße. Dabei handelte es sich eher um einen Gemischtwarenladen. Somit wurden die Apotheken zur Konkurrenz für die jüdischen Hausierer.

Der Viehhandel

Der Viehmarkt in Kirchen fand auf dem Woogplatz statt. Voraussetzung für die Juden war, dass sie sich den Handel mit Vieh überhaupt leisten konnten. Unklar ist, ob zuerst der spezialisierte Jude oder der Viehmarkt da war. Bereits im 18. Jahrhundert gab es das, was Siegmann die „Leasing-Kuh“ nannte. Dieser Kauf auf Raten ermöglichte es vielen Bauern erst, sich eine Kuh zuzulegen.

Zum jüdischen Viehhandel gehörte auch eine jüdische Schlachterei. Mit Samuel Ruf aus Blotzheim ist im Jahr 1766 der erste jüdische Metzger aktenkundig.

Da die Bevölkerungszahl stark anstieg, wurde ein Drittel der Weideflächen in Ackerland umgewandelt, was wiederum die Existenz derer bedrohte, die vom Viehhandel lebten.

Große Veränderungen brachte der Bahnbau mit sich. Dadurch verlagerten sich die Viehmärkte vom Land in die Stadt. Das war der finanzielle Gau für die ländlichen Viehhändler.

Mit Geselligkeit

Im „Gasthaus Linde“, eine jüdische Wirtschaft, wurde an Fest- und Feiertagen gerne gefeiert und getanzt. Das aber war in den Augen der Obrigkeit sehr gefährlich, da das Tanzen unter anderem zum „Schwelgen, zu Unfug und Unsittlichkeit“ verleitete. Außerdem führte es, so die Argumentation, bei der jüdischen Jugend zu Verschwendung von Geld, das sie nicht hatte, und infolge dessen zu bösen Taten.

Synagogen

Im Jahr 1795 wurde an der Friedrich-Rottra-Straße die erste Synagoge in Kirchen errichtet. Nach dem Neubau der zweiten Synagoge im Jahr 1831 nutzte man sie als „Armenhaus“ genutzt. Die Beherbergung armer Juden wurde als religiöse Verpflichtung angesehen. Die zweite Synagoge war dann der Mittelpunkt jüdischen Lebens in Kirchen. Unter dem Beschuss der Franzosen wurde sie im Jahre 1940 so beschädigt, dass sie später abgetragen werden musste.

Ab 1861 erteilten die Verantwortlichen den Juden die volle Gleichstellung mit der übrigen Bevölkerung. Das heißt, auch die Wahl ihres Wohnorts war ihnen nun freigestellt, was die Abwanderung vieler in die Städte zur Folge hatte.

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