Efringen-Kirchen „Die Welt wird eine andere sein“

Die selbstständige Unternehmerin Gudrun Gempp blickt trotz den Herausforderungen durch die Corona-Krise mit Zuversicht in die Zukunft. Foto: zVg

Efringen-Kirchen - Seit 1994 ist Gudrun Gempp als Solo-Selbstständige tätig. In dieser Zeit hat sie viele Veränderungen erlebt, hat viel gestaltet und sich immer wieder angepasst. Die seit nun einem Jahr andauernde Corona-Krise und ihre Auswirkungen bringen aber auch für die Efringen-Kirchenerin neue Herausforderungen mit sich.

Wie die Krise sich auf ihren beruflichen Alltag als Solo-Selbstständige auswirkt und warum ein Zurück zur Vor-Corona-Zeit nicht möglich sein wird, erklärt Gudrun Gempp im Gespräch mit unserer Zeitung.

Frage: Frau Gempp, wie sah Ihr Arbeitsalltag vor dem Februar 2020 aus?

Mit einem Wort: voll. Das Jahr war eigentlich mit Projekten für verschiedene Geschäftspartner schon durchgeplant. Die Umsetzung stand an, verbunden mit vielen Begegnungen und Treffen vor Ort. Durch die Pandemie wurde alles auf den Kopf gestellt. In meiner Tätigkeit schaffe ich Räume für Begegnung und Austausch. Das beinhaltet auch Veranstaltungsorganisationen, allerdings nicht im klassischen Sinn. Es geht in erster Linie darum, Menschen zusammenzubringen. Das Ergebnis kann eine Messe, ein Kongress oder auch eine Exkursion sein. Im Zentrum steht stets die Frage, wie die Bedarfe der Beteiligten aussehen. Die Art der Veranstaltung passt sich dem an.

Frage: Was waren die gravierendsten Veränderungen?

Der größte Einschnitt war, dass plötzlich nichts mehr stattfand. Das führte zu einem massiven Einbruch meiner Aufträge. Ich bin Netzwerkerin. Viele meiner Geschäftspartner mussten sich durch die Krise stark in die eigenen Betriebe zurückziehen. Auch waren alle für die Netzwerke wichtigen Veranstaltungen nicht mehr systemrelevant, was aber nicht heißt, dass sie nicht erforderlich gewesen wären. Der Druck ist dadurch größer geworden, gerade auch finanziell.

Frage: Wie haben Sie reagiert?

Für mich war klar, dass ich nicht einfach ein weiteres Webinar anbieten kann. Digitale Angebote schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Ich habe daher die Zeit genutzt, in mich und mein Know-how zu investieren, habe mit vielen Tools im Bereich Kommunikation experimentiert und mir neue Qualifikationen und Kompetenzen angeeignet.

Frage: Wie wichtig sind direkte Kontakte in Ihrem beruflichen Alltag?

Die Frage ist zunächst, wie wir direkten Kontakt definieren. Dieser muss nicht immer in Präsenz der Beteiligten stattfinden. Vielmehr ist Flexibilität notwendig. Klar ist für mich, dass wir auch nach der Pandemie nicht eins zu eins zu den Arbeitsweisen der Vor-Corona-Zeit zurückkehren werden. Die Welt wird eine andere sein. Daher wird sich die Frage stellen, für welche Veranstaltung sich welche Formen anbieten. Wir sollten also nicht von der technischen Facette her denken, sondern die Anforderungen der Veranstaltungen ins Zentrum stellen.

Frage: Werden Präsenzveranstaltungen dadurch künftig einen anderen Stellenwert bekommen?

Auf jeden Fall. Im Moment nutzen wir die digitalen Möglichkeiten, weil wir es müssen. Gleichzeitig prägt uns das. Es wird sich künftig die Frage stellen, ob man sechs Stunden Fahrt auf sich nimmt, um anschließend zwei Stunden an einer Konferenz teilzunehmen, wenn das Gleiche auch online möglich ist. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch Veranstaltungen, bei denen direkte Begegnungselemente extrem wichtig sind. Ich bin hinsichtlich der Frage nach Präsenzveranstaltungen und Digitalisierungen keine Befürworterin von „entweder, oder“, sondern glaube vielmehr, dass es auf ein „sowohl, als auch“ hinauslaufen wird. Die Gefäße werden den Anforderungen folgen.

Frage: Sie haben die finanziellen Auswirkungen der Krise bereits erwähnt. Wie sah es für Sie als Solo-Selbstständige hinsichtlich der Hilfsgelder aus?

Das ist aus mehreren Gründen ein schwieriges Thema. Unter anderem waren die Soforthilfen an die Fixkosten gekoppelt, die ich als Solo-Selbstständige aber kaum habe. Auch ist die Beantragung von Hilfsgeldern teils sehr kompliziert und nur mit Hilfe eines Steuerberaters zu bewerkstelligen. Es gibt zwar günstige Kredite, aber auch die müssen eben irgendwann zurückgezahlt werden. Gleichzeitig kann ich meinen Wissenswert ja auch nach der Krise nicht multiplizieren. Daher stellt sich die Frage, wie eine Rückzahlung bewerkstelligt werden kann. Viele Solo-Selbstständige sind letztlich auf Grundsicherung angewiesen, müssen auf die Altersversorgung zurückgreifen oder geben auf.

Frage: Was müsste sich aus Ihrer Sicht diesbezüglich ändern?

Problematisch ist aus meiner Sicht vor allem, dass es nicht genug Wertschätzung für die Arbeit von Solo-Selbstständigen gibt. Das zeigt sich in den politischen Entscheidungen zu den Finanzhilfen. Größere Unternehmen erhalten diese in weitaus größerem Umfang. Damit investiert der Staat letztlich aber in alte Geschäftsmodelle. Vor diesem Hintergrund kann es nicht erstaunen, dass es in Deutschland keine höhere Gründungsquote gibt. Niemand, der in einer schwierigen Zeit im Stich gelassen wird, gründet ein Unternehmen. Damit stellen wir uns bedauerlicherweise letztlich selbst ein Bein.

Frage: Viele blicken inzwischen mit Hoffnung auf den Sommer und den Herbst. Teilen Sie diese Zuversicht – gerade auch aus unternehmerischer Perspektive?

Ja, auch ich bin sehr zuversichtlich, obwohl ich mir klassische Veranstaltungen, wie etwa Kongresse, im Sommer noch nicht vorstellen kann. Und auch, wenn Präsenzveranstaltung im Herbst wieder möglich sind, werden sie anders aussehen. Denkbar ist zum Beispiel, dass kleinere Teile einer Veranstaltung in Präsenz stattfinden, während der Anteil am Virtuellen größer wird. Klar ist, dass wir Begegnungsräume brauchen werden und kollaborativ, aber zugleich stärker dezentral arbeiten werden. Wie das umgesetzt werden kann, ist genau die Frage, die sich jetzt stellt.

Für mich geht es darum herauszufinden, wie künftig Begegnungen und Räume aussehen können. Programme für digitale Kommunikation gibt es inzwischen zuhauf und sie werden beständig weiterentwickelt. Das werde ich in meine Tätigkeit integrieren, um zum Beispiel auch sagen zu können, welche Formate sich für eine bestimmte Art der Begegnung oder eine bestimmte Veranstaltung besonders gut eignen.

Gudrun Gempp lebt in Efringen-Kirchen und ist seit 1994 selbstständige Unternehmerin. Ihre Schwerpunkte liegen auf der Gestaltung von Umgebungen, Begegnungsräumen, Veranstaltungen und Projekten am Scharnier zwischen Wirtschaft und Organisationen. Des Weiteren steht die Verbindung von Themen, Inhalten, Menschen und Interaktionen im Fokus der Netzwerkerin und Netzwerkmanagerin.

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