Efringen-Kirchen Erinnerung, Gedenken, Mahnung

Efringen-Kirchen/Weil am Rhein - Gedenken und Erinnerung, aber auch eine Mahnung: Über die Schicksalswege jüdischer Familien aus Kirchen und Lörrach in der Zeit des Nationalsozialismus berichtete Pfarrer i. R. Axel Huettner in seinem Vortrag in Weil am Rhein.

Der Verein für Heimatgeschichte und Volkskunde Weil am Rhein, gegründet im Jahr 1967, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Geschichts- und Kulturgut der Stadt Weil am Rhein, des Markgräflerlands und der anliegenden Landschaften zu pflegen und zu fördern.

Der Vorsitzende Dr. Uwe Kühl erläuterte am Freitagabend im Gewölbekeller des alten Rathauses in Alt-Weil in seinem Grußwort kurz die Intention des Vereins zur Beschäftigung mit der lokalen Geschichte aus den unterschiedlichen Epochen und dem speziellen Thema des Abends, „Schicksalswege jüdischer Familien aus Kirchen und Lörrach“.

Kühl hob die „Erinnerungskultur“ besonders hervor, da die noch lebenden Zeitzeugen immer mehr schwinden und aktuelle Bezüge zu Fremdenfeindlichkeit und einem aufkeimenden Antisemitismus deutlich erkennbar seien. Als Referenten hatte der Verein Pfarrer i. R. Huettner, einen der wohl besten Kenner der Materie über die Schicksalswege jüdischer Familien aus Kirchen (Efringen-Kirchen) und Lörrach in der Zeit des Nationalsozialismus, gewinnen können.

Vier jüdische Familien

Neben den aus Archiven recherchierten und auf der Befragung von Zeitzeugen basierenden Berichten über die Lebensschicksale der dargestellten Familien Olesheimer-Bräunlin, Feist Loch und Dr. Samuel Moses gab der Referent Einblick in die Geschichte der Obermarkgräfler Judengemeinden und deren kulturelle und religiöse Traditionen.

Huettner konnte dabei aus eigenen Erkenntnissen und auch Bildmaterial aus seinem bereits 1978 erschienenen Buch „Die jüdische Gemeinde von Kirchen 1736 – 1940“ schöpfen, das bereits in der vierten Auflage vorliegt.

Historische Entwicklung

Zunächst beschrieb Huettner die historische Entwicklung der Ansiedlung von jüdischen Menschen bereits ab dem 16. Jahrhundert, mit „liberaler Judenpolitik“ unter Markgraf Karl dem Zweiten bis zur Judenfeindlichkeit ab 1574 und anschließender 70-jähriger Markgrafschaft, die sich „judenfrei“ dokumentierte. Für Weil waren erst ab 1730 wieder jüdische Ansiedlungen nachweisbar. Die ersten jüdischen Familien in Kirchen und Lörrach stammten aus Dorneck, das sie innerhalb vier Wochen verlassen mussten. Der Familienname „Dornacher“ wurde in Lörrach dieser Tatsache zugerechnet.

Jüdische Gemeinden

„Die wirtschaftlichen Tätigkeiten der jüdischen Mitbürger als Viehhändler, Weber, Wirte und mit Geldgeschäften wurden atmosphärisch nicht positiv aufgenommen“, beschrieb der Experte das Verhältnis zu den Neubürgern, die sich zusätzlich mit ihren Riten, Gebräuchen und einer anderen Sprache unterschieden. Die Akademisierung und Integration der jüdischen Menschen in das Gemeinde- und Vereinsleben in Kirchen und Lörrach festigte die jüdischen Gemeinden. Die Entstehung des jüdischen Friedhofs in Kirchen ist ebenso Bestandteil dieser Entwicklung wie die Gründung des FC Kirchen und die Ansiedlung einer Arztpraxis und eines Kinder- und Säuglingshauses in Lörrach durch den aus Kirchen stammenden Arzt Dr. Samuel Moses.

Flucht vor dem Grauen

Die Flucht der Familien Bloch aus Haltingen in die Schweiz und später in die USA, die erzwungene Aufgabe der Praxis und Auswanderung von Dr. Moses ebenfalls in die USA sowie die brutalen Begleiterscheinungen im Umgang mit den jüdischen Menschen bis zum Abtransport ins südfranzösische Gurs und in die Konzentrationslager katapultierten die rund 60 Zuhörer wortwörtlich und anschaulich unterstützt von dokumentarischen Briefen, Schilderungen und Bildern in die unrühmliche Vergangenheit während des Nationalsozialismus.

Zerstörung und Gräuel

Die Entwicklung bis zur Zerstörung der Synagoge und der Gebetsräume in Kirchen und Lörrach, auch durch Kriegseinflüsse, schilderte Huettner detailliert und beschrieb auch die Folgen für Täter und Opfer in der Nachkriegszeit. „Was ist geblieben?“, stellte Huettner abschließend als rhetorische Frage in den Raum und verwies auf die Gedenksteine, Gedenkplatten und Hinweise, wie die Gedenkstele in Lörrach an der Teichstraße. Dort, gegenüber dem Standort der ehemaligen Synagoge, befindet sich seit 2011 die Stele, welche an die Deportation der 1940 in Lörrach und Umgebung lebenden Juden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich erinnert. Auf Hebräisch und Deutsch ist dort ein Zitat aus dem Klagelied des Alten Testaments zu lesen.

Erinnerung und Gedenken

Die Stele erwähnt die Namen der bekannten deportierten Lörracher Juden und steht damit in Tradition der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. „Die einzelnen Menschen sollen vor dem Hintergrund des Holocaust nicht anonym bleiben oder vergessen werden.“ Zudem rief Huettner „zur Erinnerung und zum Gedenken an die Verfolgten und Ermordeten auf und aufmerksam aktuelle Tendenzen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wahrzunehmen und diesen entgegenzutreten“.

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