Efringen-Kirchen „Haben alle den gleichen Gott“

Die ehemalige Synagoge von Kirchen Foto: Museum Efringen-Kirchen Foto: Weiler Zeitung

Efringen-Kirchen (mao). An die rund 200-jährige jüdische Geschichte von Kirchen, die mit dem Rassenwahn der Nazis ein jähes Ende fand, wurde bei einem eindrucksvollen Abend am Sonntag im evangelischen Gemeindehaus erinnert.

Die Wurzeln der Gemeinde reichen zurück in den Raum Solothurn, aus dem Juden vertrieben wurden. In dem vom Markgrafen zum Judenschutzdorf erklärten Kirchen fanden sie ab 1736 eine neue Heimat. Dafür mussten sie ein Judenschutzgeld entrichten. In Kirchen lebten sie ärmlich als Vieh- und Weinhändler, als Trödler und Weber. Erst als die Juden 1865 die Gleichberechtigung erhielten, begann ihr wirtschaftliche Aufschwung. Juden wurden Kaufleute, Ärzte und Rechtsanwälte. Sie machten aber in Basel, Freiburg oder Colmar Karriere, die Landflucht war allgegenwärtig. 1882 lebten noch 192 Juden im Dorf, die Zahl nahm danach stetig ab.

Die Feuerwehr und der Gesangverein „Rhenus“ wurden noch von Juden mitgegründet. Das Dorf schien lange Zeit zu prosperieren, bis die Nazis 1933 das Ruder übernahmen und am 10. November 38 unter Anleitung des Haltinger Bürgermeisters die Synagoge schändeten. „Die Kirchener Schuljugend musste danach das zerstörerische Werk besichtigen“, berichtete Axel Huettner.

Das durch französischen Beschuss stark beschädigte Gotteshaus wurde nach dem Krieg abgetragen. Erhalten blieb der 1865 angelegte jüdische Friedhof in Kirchen, ihn rührte selbst während der braunen Diktatur niemand an. Geschändet wurde erst später, „seit 1965 immer wieder“, berichtete Huettner. Viel Lob zollte er der Gemeinde, die den Friedhof sorgsam pflege. Bürgermeister Philipp Schmid betonte, dass man die Erinnerung an dieses geschichtliche Erbe auch künftig wachhalten wolle.

Nach dem Holocaust kamen keine Überlebenden nach Kirchen zurück. Ein Deportierter und einer der wenigen den Holocaust überlebenden Juden ließen sich später in Steinen nieder und eröffneten dort eine Metzgerei, antwortete Huettner auf eine Besucherfrage. „Und welche Rolle hatte die Kirche in der Zeit?“, fragte ein anderer Zuhörer. Huettner sprach von hellen und tief dunklen Seiten, die zu beleuchten allerdings abendfüllend seien. Herbert Bräunlin, der kürzlich mit 94 Jahren verstorbene Zeitzeuge, hatte sich indes noch gut an den regimetreuen Nazipfarrer von Kirchen erinnert.

Rachel Scheinker, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Lörrach, berichtete vom heutigen Leben der liberal orientierten jüdischen Gemeinde in der Kreisstadt. „Unser Haus ist offen für alle“, warb die seit 1985 in Deutschland lebende Israelin und hob die drei Säulen jüdischen Glaubens hervor: Glauben, Arbeit und Nächstenliebe. „Wir haben alle den gleichen Gott“, erinnerte Moderator Stefan Hoffmann abschließend an die im Alten Testament verankerten gemeinsamen Wurzeln des jüdisch-christlichen Glaubens.

Der Abend wurde von der Paradise House Band unter Leitung von Roy Paraiso umrahmt. Er hatte auch die Idee zu der Veranstaltung, holte die evangelische und jüdische Gemeinde mit ins Boot. Eine Neuauflage und weitere Begegnungen zwischen Juden und Christen sollen folgen. Krankheitsbedingt musste Rabbi Yael Nesinholz von der Israelitischen Gemeinde Basel absagen.

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