Efringen-Kirchen - Ein positives Fazit der Gedenkwoche zur Reichspo­gromnacht vor 80 Jahren zieht Diakon Roy Paraiso für das Organisationsteam.

Die Vorträge seien allesamt sehr gut besucht gewesen, was er so nicht erwartet habe. Auch zur Führung auf dem jüdischen Friedhof mit Bürgermeister Philipp Schmid seien trotz des Werktags viele Bürger gekommen. „Mir hat der Zuspruch gezeigt, dass sich die Bürger für die Geschichte der jüdischen Bevölkerung vor Ort, aber auch für den Umgang mit der lokalen Geschichte in Bezug auf den Nationalsozialismus interessieren – dabei gab es durchaus auch kontroverse Ansichten, wie etwa beim Vortrag von Hansjörg Noe zur Rezeption des Dichters Hermann Burte deutlich wurde“, so Paraiso (wir berichteten).

Sehr erfreut war Paraiso auch über das Interesse und den Einsatz von Bürgermeister Schmid, der unter anderem auf viele aktuelle antisemitische Vorfälle aufmerksam machte, die nicht von rechten Gruppierungen, sondern auch von extrem linken und Muslimen ausgehen.

Thema in die Schulen bringen

Für Paraiso heißt es nun, „dranbleiben und das Thema auch mit interessanten Projekten und der Hilfe von Geschichts- und Politiklehrern in die Schulen bringen“. Es wäre sehr schön, wenn sich das Schulzentrum in Efringen-Kirchen hier weiter engagieren würde, sagt er.

Interessant seien Rückfragen, Ergänzungen und Kommentare von Zeitzeugen, insbesondere bei den Vorträgen von Noe und Axel Huettner, gewesen. „Das eigene Erleben führt oft auch zu anderen Sichtweisen“ , hat Paraiso gelernt. Das müsse man akzeptieren. Etwa, wenn Burte, der in seinen Schriften und Texten deutlich nationalsozialistisches Gedankengut verinnerlichte und verbreitete, immer noch von älteren Bürgern vor allem als geschätzter Heimatdichter wahrgenommen wird. „Ich hoffe trotzdem, dass diese Bürger sich jetzt auch mit der anderen, dunklen Seite Burtes beschäftigen, das wollte Noe mit seinem Vortrag ja auch anregen“, gibt Paraiso weiter.

Viel Lob, aber auch Kritik

Paraiso hat neben viel Lob für die Organisation aber auch zu hören bekommen, dass er sich als „Mann der Kirche zu politisch“ einmische. „Das fand ich sehr seltsam. Denn nach wie vor gibt es Staaten, in denen Waffen noch von der Kirche gesegnet werden – wenn das nicht politisch ist, was denn dann?“, fragt sich der Diakon, der sich hier nicht gedanklich einschränken lassen will.

Das Nachdenken bezüglich des Umgangs mit der Judenverfolgung und der Zeit des Nationalsozialismus’ richte den Blick auf die Opfer, und das solle auch für die Kirche, die katholische wie evangelische, gelten, ist Paraiso überzeugt. Die derzeit in den Medien angeführten Beispiele des Umgangs der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen von Kindern und Jugendlichen durch Pfarrer zeigen: Nach wie vor sind Pfarrer, denen Missbrauch vorgeworfen wird, im Dienst.

Sich bei den Opfern nur zu entschuldigen, helfe nicht. Vielmehr müsse die Kirche zeigen, dass sie zur Sühne und zu klaren Worten und Taten fähig sei, findet der Diakon. „Ich weiß, wovon ich rede, denn auch ich werde teilweise angefeindet und denunziert, als Kirchenmann, für meinen Einsatz für Flüchtlinge, für die Organisation des Pogromnacht-Gedenkens, für meine Überzeugungen, weil ich anders aussehe und aus einem anderen Kulturkreis komme“, bekennt der Diakon, der sich oft anhören muss, dass „er ein Unruhestifter“ sei. „Und das nur, weil ich falsches Handeln auch als das bezeichne, was es ist – ob sich das nun auf die Vergangenheit bezieht, oder auf die Gegenwart“, stellt er fest.

Bezüglich der Gedenkwoche etwas zu kurz gekommen seien ausführlichere Berichte, die darstellen, dass sich in Efringen-Kirchen aber auch viele Menschen fanden, die ihren jüdischen Mitbürgern geholfen haben – das müsse man bei einer Wiederauflage der Vortragsreihe ausführlicher darstellen. Etwa, dass die Synagoge in Kirchen nicht brannte, dass der Friedhof nicht zerstört wurde und dass Nachkommen der vertriebenen und getöteten jüdischen Bürger von der Gemeinde eingeladen wurden und diese auch besuchten. „Es geht darum, langfristig eine kritische Erinnerungskultur zu etablieren“, überlegt Paraiso.

Podiumsdiskussion angedacht

Die Gedenkwoche ist übrigens durch die Berichterstattung über die Gemeinde hinaus auf Interesse gestoßen. Angefragt wurde der Diakon nun bezüglich des Themas schon vom Kreisjugendring. „Und ich würde immer noch gerne eine Podiumsdiskussion, begleitet von der lokalen Presse, organisieren, bei der verschiedene Personen wie Zeitzeugen, Politiker, Wissenschaftler oder Schüler zu Wort kommen sollen“, wünscht er sich.