Efringen-Kirchen Nur knapp am „Ruhrgebiet“ vorbei

Wenn nicht die Französische Revolution und die Koalitionskriege dazwischengekommen wären, dann hätte Welmlingen das Zentrum einer Art Ruhrgebiet für den „Marmorabbau“ werden können. Schönste polierfähige Kalksteine, die ebenfalls im 18. Jahrhundert unter dem Begriff „Marmor“ liefen, wurden bei Kleinkems und Efringen-Kirchen abgebaut, lernten die Teilnehmer bei einem Rundgang mit Museumsleiterin Maren Siegmann.

Von Jutta Schütz

Welmlingen. Dass das schöne Gestein heute vorwiegend klein gemahlen und industriell verwendet wird, sei schon schmerzlich, fand Maren Siegmann, die diesmal zu ihrem Rundgang nur eine kleine Besuchergruppe begrüßen konnte. „Zu viel los in der Gegend“, meinte ein Teilnehmer dazu.

Es muss nicht immer der teure Carrara-Marmor sein, der zwölf bis 15 Gulden pro Kubikschuh (20x30x30 cm) kostete, dachten sich im 18. Jahrhundert schon Badens Adelige. Marmor für Tischplatten und Kaminsimse, für Türstürze und Fensterbänke waren in den Residenzen gefragt – und deshalb wurde nach Alternativen für den Marmor aus Italien gesucht. Bei Welmlingen wurden die Suchtrupps des Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach fündig. Der helle, teils mit Dendriten „feingemusterte“ Sandstein war in polierten Zustand so schön, dass er zur Innenausstattung des Karlsruher Schlosses verwendet wurde. „Leider wurde auch der Marmorsaal im Feuersturm 1944 zerstört“, erzählte Siegmann.

Erhalten geblieben ist eine schöne Sammlung quadratisch zugeschnittener und polierter Kalksteine aus badischen Landen, die katalogisiert und farb- und detailgetreu abgemalt sowie bestens beschrieben wurden – mit der Angabe der Fundorte. Viele davon liegen im südlichen Markgräflerland, wie eben bei Welmlingen, Efringen-Kirchen oder Tannenkirch. Dieser Katalog diente auch der Werbung und dem Verkauf der Steine, berichtete Siegmann, die laminierte Folien mit Abbildungen der vielfarbigen Steine und deren Beschreibung herumreichte.

1754 wurde vom Landesherren ein Wettbewerb ausgeschrieben, in dem Vögte, Pfarrer und andere gebildete Herren in Baden aufgerufen wurden, Stellen im Badischen zu nennen, wo man Marmorgestein finden könne.

Clevere Vermarktung

150 Gulden – „ein wahres Vermögen“ – waren der Preis. Vogt Johan Georg Dietholler aus Blansingen war 1755 der, der den „Scout-Trupps“ den entscheidenden Hinweis auf die Kalkwände bei Welmlingen gab und den Preis kassieren konnte. „Schon vier Jahre später entstand der Werbekatalog mit Beschreibungen in Deutsch, Niederländisch, Französisch, Englisch und Latein – was zum einen zeigt, wie die Handelswege rheinabwärts über Straßburg Richtung Holland und bis nach England verliefen und zum anderen wie schnell und clever die Vermarktung war“, schilderte Siegmann. „Da könnten sich heute einige Werbemanager eine Scheibe von abschneiden“, fand Walter Brunner.

Im Wald oberhalb des Engetals sind mehrere Abbautrassen noch deutlich zu sehen. Drei Abbaukanten waren es wohl, die sich in einem Bogen oberhalb der heutigen B 3 durch den Wald zogen. Mehrere Wege führten dorthin, hierüber wurde das Material abtransportiert. „Dort oben haben unsere Vorfahren den Kalkstein für unsere große Schüre geholt“, zeigten sich Rudolf und Wilfried Wißner begeistert.

Dort, wo die Anfahrt nach Blansingen abzweigt, ist zudem mit bloßem Auge am Waldrand das helle Kalkgestein zu erkennen, wie Siegmann bei einem Abstecher dorthin zeigte. Die Steinbrüche sind auch auf alten Gemarkungskarten eingezeichnet, von denen Siegmann Kopien angefertigt hatte.

Kurzfristig gab es sogar Pläne für eine damals moderne Steinschleiferei direkt vor Ort oberhalb der Welmlinger Mühle – und „wäre 1789 die Französische Revolution mit den nachfolgenden Kriegen nicht gewesen, hätten wir vielleicht hier viele Steinbrüche und Steinschleifereien bekommen – Ruhrpott im Süden eben“, so Siegmann. Rudolf Wißner jedenfalls bekam viele Anregungen für seine „Schüre“: „Im Winter einen Teil abschleifen und polieren – das glänzt dann super und wird das Taj Mahal von Welmlingen“, riet Brunner.

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