Efringen-Kirchen Auf den Spuren der Kirchener Juden

Ines Bode
Die alte Viehwaage ist ein beschauliches Fleckchen in Kirchen. Aufschlussreich fiel der Rundgang mit Museumsleiterin Maren Siegmann aus. Foto: Ines Bode

Von Ines Bode

Efringen-Kirchen -  Seit geraumer Zeit befasst sich Maren Siegmann, Leiterin des Museums in der „Alten Schule“, mit der jüdischen Gemeinde Kirchens. Die Unterlagen seien oft Protokolle, die im Zuge von Streitigkeiten entstanden, erzählt sie. In ruhigen Zeiten sei kaum etwas festgehalten worden.

Der jüngste öffentliche Rundgang auf den Spuren der Kirchener Juden unter Siegmanns Leitung beschäftigte sich anlässlich des Europäischen Tags der Jüdischen Kultur mit den Jahrzehnten ab 1736.

Es war die Ära der Schutzbriefe, vom Markgrafen für jeden jüdischen Haushalt ausgestellt. Ohne einen Schutzbrief war ein Leben kaum denkbar. Gleichwohl erließ das Dokument „perfide Regeln“, so Siegmann, die von den Betroffenen hohe Gebühren verlangten. Ein erwachsener Sohn durfte bleiben, der Rest musste sich auswärts verdingen. Dem im Haushalt Verbleibenden war es verboten, zu heiraten. Keine fünf jüdischen Haushalte gab es damals in Kirchen. Weitere kamen in der Folgezeit hinzu, es blieb jedoch eine Minderheit, die immer wieder schikaniert wurde. So war es einem Polizisten überlassen, einen Juden auf der Straße anzuhalten, die Tasche zu kontrollieren und den Inhalt als Diebesgut zu erklären. Es war die Zeit, in der Juden als Christusmörder bezichtigt und speziell zu Ostern verfolgt wurden, wenn sie sich öffentlich zeigten. „Die Leute waren regelrecht aufgeheizt“, so Siegmann. In ihrer Schilderung ging es jedoch weniger um den Glauben, vielmehr beleuchtete die Historikerin den Alltag voller Schikane.

Fürs Wasserholen mussten Juden bezahlen

Laut Aufzeichnung von 1757 mussten jüdische Bürger fürs Wasserholen am Brunnen ein Entgelt zahlen – die christlichen nicht. Einige Regeln galten nur für Juden, einige galten für alle, da jedoch die jüdische Gemeinde ohnehin eines der schwächsten Glieder war, traf es sie härter. Es habe Stellen und Plätze gegeben, die Juden verboten waren, sodass Umwege anfielen. „Man hatte eine Gruppe gefunden, die für alles verantwortlich gemacht wurde. Ihr Leben war von strengen Vorschriften eingeschränkt, oft gab es grundlos Beschuldigungen bis hin zu Prügeln. Krimineller Handlungen, etwa Diebstahl, wurden Juden bezichtigt, wenngleich die Aufklärung das Gegenteil bewies. Christen wurden beim Namen genannt, Juden hießen ,Schutzjud’ oder etwa ,Chauffeurjud’. Die Bösartigkeiten begannen etwa 1000 Jahre nach der Zeitrechnung“. Die Ansiedlung der Juden in Kirchen basiere darauf, dass der Markgraf das Dorf kannte, so Siegmann. Der erste jüdische Metzger namens Samuel Ruf gründete 1766 seinen Laden in der Basler Straße, bis heute als Metzgerei betrieben.

Streit zwischen Metzgern

Erwähnte Protokolle zeugen vom Streit der damaligen Zunft, da die christliche Seite Verluste witterte, weil der jüdische Kollege Fleischstücke vergab, die ein Jude nicht aß. In einem anderen Streit wurde verlangt, dass ein Metzger eine Fachprüfung abzulegen habe. Siegmann: „Da haben sich die Kirchener selbst ins Bein geschossen, weil jüdische Metzger einfacher in die Zunft kamen“. Auch die Beweidung sorgte für Ärger. Die Zahl der Tiere wuchs, die Weidefläche nahm ab, die Juden durften Kühe und Pferde nur an den Straßenrand stellen. Landwirtschaft zu betreiben war wegen weiterer Auflagen fast unmöglich. Nicht besser sah es im Handwerk aus. Unter dem Erbfolgekrieg von 1740 bis 1748 litt die gesamte Bevölkerung, wobei die Juden schon seit jeher bettelarm waren. „Man fragt sich, wie diese Menschen überhaupt überlebt haben“. Was blieb, war der Handel, der wohl mit dem sogenannten Hausieren begann, und ein teures Patent erforderte, und später auch Geldverleih und Viehhandel umfasste.

Angekommen an der alten Viehwaage berichtete Siegmann sachkundig von den Verhältnissen 1767. Bis heute ist es üblich, dass ein Kauf in Raten teurer ausfällt. Vieh wurde seinerzeit auch auf Raten veräußert, von Christen wie Juden, wobei letzteren die höhere Ratenzahlung verübelt wurde. War das Vieh krank, wurde der Händler beschuldigt, nicht der Bauer, von dem es stammte. Viele Spuren mehr gibt es in Kirchen. So die der damaligen Schule oder der Synagoge von 1795, der 1831 ein paar hundert Meter weiter eine zweite folgte, weshalb die erste nach Umbau Bleibe für die Ärmsten der jüdischen Gemeinde wurde – eine Tafel erinnert daran.

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