Efringen-Kirchen Vom Bauernhof zum Gotteshaus

Blansingen - Man muss die Kirche im Dorf lassen. In dieser Binsenweisheit steckt eine einfache historische Wahrheit: Kirchenbauten stehen innerhalb von Ortschaften. Logisch: Besonders früher waren Kirchen Dreh- und Angelpunkt des öffentlichen Lebens. Warum ist aber genau das in Blansingen nicht der Fall? Die Spurensuche führt zurück in die Spätantike und ins Frühmittelalter, in das Umfeld eines mächtigen Adelsgeschlechts, und sie wirft ein Licht auf uralte Bestattungsriten.

Wer herausfinden will, was es mit der ungewöhnlichen Lage der Blansinger Peterskirche außerhalb des Dorfes auf sich hat, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit als Erstes im Internet nach einer Antwort suchen. Nach dem Bemühen einer bekannten Suchmaschine wird er dann erfreut feststellen, dass es zur Blansinger Kirche einen Eintrag bei Wikipedia gibt, und die Antwort scheint nur noch einen Klick entfernt. Dann aber stellt sich Ernüchterung ein: „Ungewöhnlich ist die Lage der Kirche; sie befindet sich entgegen der Tradition etwa zwei Kilometer außerhalb des Dorfkerns. Eine Erklärung ist dafür nicht bekannt“, heißt es auf der Seite.

Es gilt also tiefer zu bohren und Experten zu fragen. Und wer nicht locker lässt, wird feststellen, dass sich die Suche lohnt. Denn tatsächlich gibt es eine mögliche Erklärung für die Lage der Kirche – das heißt: eigentlich gibt es sogar mehrere.

Drei Erklärungsmodelle in der Ortschronik

Erwähnt sind drei Erklärungsmodelle in der Blansinger Ortschronik, berichtet Museumsleiterin und Archäologin Maren Siegmann. Demnach könnte sich an der Stelle, an der sich heute die Peterskirche erhebt, ein vorchristlicher heiliger Platz, ein frühmittelalterliches Dorfgemeinschaftshaus oder gar der einstige Blansinger Ortskern selbst befunden haben.

Die beiden ersten Annahmen schließt Siegmann aus einem einfachen Grund aus. „Die Kirche liegt auf römischen Bauresten. Möglicherweise handelt es sich dabei um Überreste einer römischen Villa“, weiß die Museumsleiterin.

Die Quelle, die es einst im Bereich des heutigen Friedhofs gegeben hat, könnte für die römischen Bauherrn bei der Wahl des Bauplatzes entscheidend gewesen sein. Die Geschichte dieser Quelle – des sogenannten „Blansinger Heilbrünneli“ – führte wohl im 18. und 19. Jahrhundert zu der falschen Annahme, dass es sich bei dem Standort der Peterskirche um einen vorchistlichen heiligen Platz gehandelt habe. „Die Quelle wurde flugs in prähistorische Zeit zurückdatiert und ebenso flugs wie faktenfrei mit einem Heiligtum versehen“, erklärt die Archäologin.

Bleibt also die Möglichkeit, dass sich der Blansinger Ortskern einst im Bereich der Kirche befand. Siegmann hält dies für möglich, allerdings in einer „abgespeckten“ Version. Denn nicht das Dorfzentrum, sondern ein Dorfzentrum könnte sich im Bereich des heutigen Kirchenbaus befunden haben.

Wo heute das Gotteshaus steht, gab es möglicherweise einen frühmittelalterlichen Gutshof. Dafür sprechen zwei besondere Steinplattengräber in der Kirche, wie sie in der Zeit um 700 n. Chr. im Markgräflerland häufig zu finden sind. Genau während dieser Zeit gelangte ein alter Bestattungsritus zu neuer Blüte. Dieser sieht vor, dass Verwandte auf dem Gutshof einer Familie in eben solchen Steinplattengräbern bestatten werden sollten. Meist mit entsprechenden Grabbeigaben wie etwa Schmuck oder Waffen.

Waffen als Indizien

Tatsächlich wurden in Blansingen Waffen aus genau dieser Zeit bei Grabungen entdeckt. Ein Schwert und eine Speerspitze, die sich heute im Museum in Geislingen an der Steige befinden. „Waffen dieser Größenordnung findet man beinahe immer als Beigaben in Gräbern“, erklärt Siegmann.

Ob die Waffen aber tatsächlich in der Nähe der heutigen Peterskirche ausgegraben wurden, kann nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden. Möglich ist es aber.

Gutshof wahrscheinlich zweites Zentrum

Mit einiger Sicherheit kann also davon ausgegangen werden, dass es im Bereich der heutigen Blansinger Kirche einst einen großen Gutshof gab, der neben dem historischen Dorfkern ein zweites kleineres Zentrum bildete. Dass dort im Lauf der Zeit eine Kirche errichtet wurde, liegt auf der Hand. Denn kleinere Kirchen entstanden häufig auf dem Gut reicher Stifter und dienten zunächst gewissermaßen als private Gebetsräume, bevor sie sich im Lauf der Zeit zu spirituellen Zentren für die gesamte Bevölkerung entwickelten.

Nicht selten wurden die Kirchenbauten im Lauf der Zeit vergrößert. Als Baumaterial nutzte man dabei, was man am jeweiligen Standort vorfand. Im Fall der Blansinger Peterskirche also die steinernen Überresten der römischen Villa, die dort einst gestanden hatte.

Wer aber wohnte in diesem großen Gutshof, dessen Kirche im Lauf der Zeit immer weiter ausgebaut wurde? Müsste es nicht Hinweise auf ein mächtiges Adelsgeschlecht in der Nähe von Blansingen geben? Ja, sagt Siegmann. Und ein solches Adelsgeschlecht gibt es auch: Die Hessonen. Hesso und Gerung von Blansingen sind urkundlich für das Jahr 1050 nachgewiesen. Der Namenszusatz „von Blansingen“ benennt den Familiensitz. So könnten die Vorfahren von Hesso und Gerung auf dem Gutshof im Bereich der Peterskirche gelebt haben.

Grabungen könnten Sicherheit bringen

Das wäre also eine Erklärung für die Lage von St. Peter: Kirchengründung durch die ortsansässige Adelsfamilie – nämlich der Hessonen – auf dem Gelände ihres Herrenhofs.

Um die Hypothese aber zweifelsfrei zu bestätigten, müssten weitere Untersuchungen und Grabungen durchgeführt werden, erklärt Siegmann. Hier wäre die Uni Freiburg am Zug, die ihre Fühler allerdings nur selten bis ins Rebland ausstreckt. Dabei ist das Gebiet eine wahre Fundgrube archäologischer und historischer Forschung und würde zweifellos noch so manche spektakuläre Entdeckung bereithalten.

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