Efringen-Kirchen „Wann ist ein Mann ein Mann?“

Die Rolle des Versorgers und Beschützers der Familie macht bei vielen Männern einen wesentlichen Teil ihrer Männlichkeit aus. Foto: sba

Efringen-Kirchen - Vor fast 40 Jahren erklärte Herbert Grönemeyer den Deutschen auf seine spezielle Art, was männlich ist und was nicht. Diese überspitzte Darstellung hat an Aktualität wenig eingebüßt. Das Thema Männlichkeit spielt im Geflecht sozialer Beratung weiterhin eine entscheidende Rolle – sei es in der neuen Fachstelle für interkulturelle Männerarbeit in Lörrach, oder bei Gesprächen mit Heranwachsenden in Efringen-Kirchen.

In den Gesprächen, die Jens Künster als Jugendreferent mit Heranwachsenden in Efringen-Kirchen führt, spielt das Thema Männlichkeit eine wichtige Rolle. „Jugendlich sein bedeutet, in einem Veränderungsprozess zu sein. Und zwar sowohl kognitiv als auch körperlich“, sagt Künster.

Jugendliche suchen nach Orientierung, die sie sowohl aus ihrem Umfeld in Form der Familie und des Freundeskreises erhalten als auch aus Medien und Internet. Dabei zeigt sich, dass familiäre Sozialisation zunächst eine sehr wichtige Rolle spielt. Hier sind neben weiteren Faktoren auch kulturelle Unterschiede relevant.

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Mit diesen kulturellen Faktoren beschäftigt sich auch Lenar Minubai von der Fachstelle Interkulturelle Männerarbeit (FiM). Bei seiner Arbeit geht es um die Bewältigung verschiedener Krisensituationen im Leben eines Mannes. Ethnische, religiöse und kulturelle Zugehörigkeiten sowie das Geschlecht des Klienten (und des Beraters selbst) werden als wesentlicher Teil des Beratungsprozesses wahrgenommen: als Ressource und Herausforderung zugleich, legt er dar.

Was aber ist Männlichkeit? Diese Frage ist komplex, sagt Minubai. Es gibt so viele Vorstellungen von Männlichkeit, wie es Männer gibt. „Man muss immer einen konkreten Einzelfall betrachten.“

Eine weit verbreitete Meinung sei, dass Männer aus nicht-westlichen Gesellschaften patriarchaler geprägt sind als Männer aus westlichen Gesellschaften. „Aber Männlichkeit auf kulturelle Zugehörigkeit zu reduzieren wäre ein Irrtum.“ Denn es gebe viele Faktoren, die Einfluss auf männliche Sozialisation haben, sei es Bildungsniveau, Alter, sozialer Status, finanzielle Situation, psychische und physische Gesundheit, religiöse und ethnische Zugehörigkeit und vieles mehr. Daher sind auch die Vorstellungen von Männlichkeit innerhalb einer Kultur sehr verschieden.

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Beispiele dafür, wie Vorstellungen von Männlichkeit bei Jugendlichen geprägt werden, kennt Jens Künster nur allzu gut. „Für die Jugendlichen sind Vorbilder vor allem aus dem Bereich Musik sehr einflussreich, die ihnen ihre Interpretation von Männlichkeit über Musikvideos und soziale Medien mitgeben“, erklärt er.

„Wer sich im heute für viele Jugendliche sehr dominanten Feld des Deutschraps auskennt, weiß, dass die hier vermittelten Rollenbilder in den meisten Fällen sämtlichen Gedanken von Aufklärung, Gleichbehandlung und Emanzipation diametral entgegenstehen.“ Zusammengefasst gehe es inhaltlich darum, zu „dissen“ und dabei sowohl das männliche als auch weibliche Gegenüber zu erniedrigen. Das Narrativ der Protagonisten erzählt im Selbstbild vom starken Typen, der sich gegen alle Widerstände durchkämpft und heute Erfolg bei Frauen hat und im Geld schwimmt.

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Das Thema Erfolg spielt zugleich für Lenar Minubais Auseinandersetzung mit Männlichkeit eine Rolle. Allerdings manifestiert sich Erfolg nicht immer in Form von materiellem Besitz. „Man darf nicht vergessen, dass für viele Männer das Bild des Versorgers und Beschützers der Familie einen wesentlichen Teil ihrer Männlichkeit ausmacht.“

In Gesellschaften, in denen staatliche Instanzen keine mit Europa vergleichbare Sicherheit geben und Rechtsschutz nur formal existiert, werden patriarchale Männerrollen zudem verstärkt. „Der Mann will stark sein für die Familie, sie schützen können, bei Bedarf gewaltbereit sein, das Sagen über schwächere Familienmitglieder haben und so weiter“, fasst Minubai zusammen.

Sind diese Rahmenbedingungen nicht oder nicht mehr gegeben, entstehen oft Frustration und negative Emotionen. „Die Angst, nicht männlich genug zu sein, als Mann nicht erfolgreich zu sein, bedeutet einen enormen Stressfaktor, unter dem Männer leiden, oft ohne zu verstehen, warum das so ist“, so Minubai. Die Statistiken sprechen Bände, sagt er: „Selbstmordrate, Arbeitsunfälle, Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Gewaltdelikte – das sind leider überwiegend männliche Themen.“

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Ist der Mann also zur Männlichkeit verdammt? Muss er die immer gleichen Vorstellungen reproduzieren? Nein, sagt Jens Künster. In den Gesprächen im Rahmen der Jugendarbeit gehe es zunächst darum, zur Reflexion anzuregen, mit dem Ziel aufzuzeigen, dass gezeigte Stereotype von Männlichkeit erstens nicht zwangsläufig als erstrebenswert gelten können und zweitens auch die dargestellten Rollenbilder nicht authentisch, sondern eben zu einem hohen Grad nur gespielte Rollen sind.

„Da sich scheinbar viele Jugendliche zunächst mit diesen Idolen stark identifizieren, sehe ich es als bedeutsam an, diese Themen immer und immer wieder zu bearbeiten, um hier den Jugendlichen Adressaten zu helfen, die transportierten Inhalte einordnen zu können. Gleiches gilt übrigens auch für das Thema Pornografie. Es ist unbedingt nötig, ein solches Thema zu enttabuisieren. Ich merke aber, dass in unserer Arbeit solche Themen vor allem in Einzelgesprächen ernsthaft diskutiert werden können.“

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Die Auseinandersetzung in Gesprächen dient auch Lenar Minubai dazu, bestehende Bilder von Männlichkeit zu hinterfragen. Im Konzept der Männerberatung des SKM Bundesverbandes gebe es zwar kein „ideales“ Männerbild, es seien aber Merkmale formuliert, die Lenar Minubai für jeden einzelnen Mann als lebenswichtig erachtet: Krisensituationen als solche frühzeitig erkennen und sich selbst „erlauben“, Probleme zu haben. „Sprich, auch ,starke’ Männer dürfen Probleme haben, sich Hilfe holen, emotional werden, ohne sich selbst als unmännlich zu fühlen oder als Versager gesehen zu werden.“

Darüber hinaus sei es auch essenziell wichtig, dass Männer sich bewusst machen, dass es keine einzige für immer richtige Vorstellung von Männlichkeit gibt, dass man auch weg von der Dichotomie „Frau-Mann“ gehen kann, dass man Bestandteile seiner Männlichkeit variieren kann und darf und dass man sich auch als Mann immer weiterentwickeln kann.

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Dass dieses Potenzial für Weiterentwicklung gegeben ist, betont Jens Künster mit Blick auf die Jugendarbeit in Efringen-Kirchen. „Ich möchte unbedingt darauf hinweisen, dass unsere heranwachsenden Jungs tolle Menschen sind und die allermeisten von ihnen super Einstellungen und Charaktereigenschaften besitzen.

Gleichzeitig sind die dargelegten Einflüsse real und daher müssen wir als pädagogische Fachkräfte diesen auch begegnen, anstatt uns weg zu ducken.“, sagt Künster. Letztlich gehe es darum, die Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden bestmöglich zu begleiten und ihnen neben gewissen Grundwerten vor allem die Fähigkeit zu vermitteln, Dinge zu hinterfragen und aufgeweckt durch die Welt zu gehen.

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