Efringen-Kirchen „Wir gewinnen nichts durch eine Wortwahl, die spaltet“

Beatrice Ehrlich
Die Formen haben sich geändert, der Inhalt nicht: Pfarrer Martin Braukmann. Foto: Ehrlich

Viel hat sich in diesem Jahr für jene verändert, die von Berufs wegen mit Menschen zu tun haben. Im Interview berichtet Martin Braukmann, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Egringen, Mappach und Wintersweiler, wie sich die Corona-Pandemie in seiner Gemeinde auswirkt.

Von Beatrice Ehrlich

Mappach. Weihnachten, das heißt für Pfarrer Braukmann Haupteinsatzzeit. Als wir ihn kurz vor dem vierten Advent treffen, sind die Gottesdienste schon vorbereitet. Alle sollen kommen können, egal ob geimpft oder ungeimpft.

Frage: Was waren für Sie die großen Veränderungen in den vergangenen Monaten ?

Schon als sich im März 2020 andeutete, dass es einen Lockdown geben würde, waren wir fest entschlossen, für unsere Gemeinde zu machen, was immer möglich ist. Wenn man gleich absagt, ist es später sehr schwer, wieder etwas zum Leben zu bringen. Wir haben damals versucht, mit allen Mitteln „auf dem Markt zu bleiben“, und so fanden die Gottesdienste 2020 und 2021 zwischen Mai und Oktober weitestgehend draußen statt. Zu Weihnachten sind wir dann ins Online-Geschäft eingestiegen. Dieses Jahr machen wir es anders: Damit so viele Menschen wie möglich zu den Gottesdiensten kommen können, feiern wir die Krippenspiele draußen.

Frage: Wie fühlt es sich an, als Pfarrer online vor der Gemeinde zu stehen?

Für mich gut, ich habe damit schon länger Erfahrung gesammelt. Für die Prädikanten – ehrenamtliche Prediger – war es aber zunächst schwierig, sich vor die leere Kirche zu stellen. Wir haben im vergangenen Jahr eine Verstärkeranlage angeschafft, mit der es möglich ist, Musikbegleitung einzuspielen. Damit können Lieder digital in den Gottesdienst integriert werden. Ein Mitarbeiter zeichnet den Gottesdienst auf, ich schneide ihn anschließend und stelle ihn online.

Frage: Wie hat Ihre Gemeinde auf die Veränderungen reagiert?

Zu den Gottesdiensten draußen kamen mehr Teilnehmer als sonst – um die 70 Personen, auch aus anderen Ortschaften. Auch die Gottesdienste in den Kirchen sind gut besucht. Vor allem bei den Älteren hat es aber auch Abbrüche gegeben. Man hat das Gefühl, je mehr die Menschen geimpft sind, desto ängstlicher werden sie. Viele sind bis heute auf Abstand geblieben.

Frage: Was fehlt?

Viel von dem, was Menschen an Gemeinde schätzen – Treffen, Geselligkeit – wurde stark eingeschränkt. Einiges ist ausgefallen, etwa unser „Kirchhof-Hock“, den wir erst 2019 ins Leben gerufen haben. Ich merke, dass vor allem bei Älteren Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit verlorengegangen sind. Auch beim Kindergottesdienst gab es einen deutlichen Einschnitt. Durch den langen Kontaktabbruch haben wir Familien verloren.

Frage: Und was läuft aus Ihrer Sicht gut?

Viele haben es geschätzt, dass wir trotzdem weitergemacht haben. Die Draußen-Gottesdienste kamen gut an, weil sie nicht so steril sind wie Gottesdienste mit Hygienekonzept und Masken in der Kirche. Es ist uns gelungen, die Jugendlichen dabeizubehalten, mit Treffen über die Online-Plattform Zoom und echten Treffen in Kleingruppen unter Leitung unseres Diakons, Markus Stisi. Darüber bin ich sehr froh, denn ich habe gespürt: Die Beziehungssehnsucht war bei den Jugendlichen besonders groß.

Frage: Wie hat die Pandemie die Ausübung Ihres Berufs verändert?

Ich fand die Einschränkungen im vergangenen Jahr markanter als in diesem. Vor allem der Schuldienst hat sich für mich verändert. Die Online-Stunden waren aufwändiger vorzubereiten. Man hat gemerkt, dass die Kinder sich förmlich gesehnt haben nach der Schule. Die Gitarre habe ich schon seit zwei Jahren an die Wand gehängt, weil ich so lange schon nicht mehr mit den Kindern singen kann.

Frage: Was bewegt Ihre Gemeindeglieder?

Die Fragen bei meinem Gegenüber werden andere: Da ist eine Bedrohungssituation, die man nicht kennt. Es zeigt sich eine Lebensangst, die vor allem die Älteren seit dem Zweiten Weltkrieg nicht kannten. Ähnlich haben Teilnehmer auf Israel-Freizeiten reagiert, die ich begleitet habe, wenn sie erstmals mit Anschlägen, aus der Ferne, oder mit bewaffnetem Sicherheitspersonal konfrontiert waren. Überhaupt ist vielen die Leichtigkeit im Leben verlorengegangen. Freunde, auch in meinem Alter, treffen sich nicht mehr.

Frage: Und was bewegt Sie selbst in diesen Tagen?

Was ich beobachtet habe: Es gibt nicht mehr die eine Wirklichkeit. Die beiden Positionen, Geimpfte und Ungeimpfte, schauen je aus ihrer Warte in die Wirklichkeit. Dabei geht das Gemeinsame immer mehr verloren. Ein öffentlicher Diskurs, auch wissenschaftlich, findet nicht wirklich statt. Ich bedaure die verbalen Entgleisungen, auch in den Medien, durch die viel Hass und Spaltung geschürt wird. Von einem Freund hörte ich, dass Arbeitskollegen einem an Corona erkrankten Ungeimpften wünschten, er möge dran „krepieren“. Wo sind wir bloß hingekommen? Wir gewinnen nichts durch eine Wortwahl, die spaltet. Wir müssen auch morgen noch in einer Welt zusammenleben. Ich bin froh, dass wir mit viel Platz Gottesdienste für alle anbieten können und nicht unterscheiden müssen: du gehörst dazu, du nicht.

Frage: Was ist Ihr Wunsch für das neue Jahr?

Meine Vision ist, dass das neue Jahr viel versöhnlicher startet, als dieses Jahr nun endet. Dass die Spaltung in der Gesellschaft und in den Familien, etwa was das Thema Corona-Impfung betrifft, überwunden wird. Dass das Gewalt- und Drohungsbesetzte, das diese Pandemie mit sich gebracht hat, wieder verschwindet. Und dass wir, sozusagen in „versöhnter Verschiedenheit“, wieder miteinander verbunden sind und neue Wege aufeinander zu finden.

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