Efringen-Kirchen Zwei Schicksale beschreiben eine ganze Welt

Julia Heinecke stellte ihre Bücher in der Mediathek vor. Foto: Reinhard Cremer

Efringen-Kirchen - Als studierte Volkskundlerin hat Julia Heinecke großes Interesse an Geschichtlichem. In ihren Büchern, die sie am Mittwochabend in der Mediathek vorstellte, greift sie historische Themen auf und kleidet sie in ein spannendes lieterariches Gewand.

Über ihre Zusammenarbeit mit dem Geschichts- und Heimatverein Furtwangen stieß sie auf das Thema Kindheit im Schwarzwald. Nach einem Fachbuch über Hütekinder verfasste sie auf Anregung des Badischen Landwirtschaftsverlages einen Roman über die Jugendjahre des Hütejungen Miggi. In „Kalte Weide“ erzählt sie vom Leben dieses Jungen auf zwei Höfen während des Zweiten Weltkrieges. Diesem Roman folgte mit „Kalte Herzen“ die Geschichte von Miggis Schwester Irmi als ledige Mutter. Hierin behandelt die Autorin das Tabuthema der bis lange in die Nachkriegszeit stigmatisierten „ledigen Mütter“. Beide Bücher stellte Heinecke in der Mediathek vor.

Dabei beschränkte sie sich nicht auf bloßes Vorlesen ausgewählter Passagen, sondern verknüpfte die fiktive Geschichte mit der realen. Doch gänzlich ausgedacht war auch die Geschichte vom Hütejungen nicht. Wie die Autorin sagte, beruhen etwa 90 Prozent des Romans auf Erzählungen früherer Hütejungen, die sich gesammelt in der Figur des Miggi wiederfinden.

Kinder mussten oft hart arbeiten

Hütekinder wie Miggi waren damals kein Einzelfall. Die Familien waren oft froh, einen Esser weniger am Tisch zu haben und die Bauern freuten sich über eine billige Arbeitskraft. Auch wenn die rechtlichen Vorschriften Hütekinder Pflegekindern gleichstellten, sah die Realität doch häufig anders aus. So musste auch Miggi auf einem durchgelegenen Strohsack über den Ställen schlafen. Viel Arbeit mit dem Vieh stand häufig wenig Essen und wenig Schlaf entgegen. Hinzu kam der tägliche in der Mittagszeit stattfindende Schulbesuch, für den auch noch Hausaufgaben zu erledigen waren.

Interessanterweise, so Heinecke, habe eine Befragung der inzwischen alten Herren gezeigt, dass diese sich eher an die postiven Aspekte ihrer Tätigkeit als Hütejungen erinnerten. „So war’s halt.“

In „Kalte Herzen“ beschreibt Heinecke das Schicksal der 18-jährigen Schwester Miggis, Irmi, die von ihrem Chef geschwängert wird. Man schreibt mittlerweile die 50er Jahre. Der Vater wirft sie aus dem Haus, weil sie das Ansehen der Familie besudelt habe. Mit Hilfe ihres Bruders landet sie auf dem ersten Hof, auf dem sich dieser einst als Hütebub verdingt hatte. Doch auch dort erlebt sie, dass sie als ledige Mutter ganz unten in der Hierarchie steht.

Mit klaren, aber eindringlichen Worten schilderte Heinecke die schweren Jahre der Irmi, der es dennoch gelingt, sich und ihre Tochter Clara gegen viele Widrigkeiten zu behaupten.

Betroffene Frauen, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, waren, anders als die ehemaligen Hütejungen, nicht bereit, mit der Autorin darüber zu reden, berichtete Heinecke.

Durch ihre Texte gewährte die Autorin zudem Einblicke in frühere gesellschaftliche Verhältnisse: In den Jahren des Wirtschaftswunders fuhr noch der Ochsenkarren neben dem schnittigen Sportwagen.

Eine Gesellschaft voller Widersprüche

Bäuerinen schufteten, während gleichzeitig mit Glanz und Gloria Miss Germany gewählt wurde. Frauenzeitschriften wie die „Constanze“ vermittelten das damals gängige Frauenbild. Im „Spiegel“ war noch 1968 zu lesen, dass „uneheliche Kinder dem Gesetz nach nicht mit dem Vater verwandt“ seien. Von Geburt an unterstanden diese „Bastarde, Bankerte oder Niemandskinder“, wie sie genannt wurden, der Vormundschaft des Jugendamts.

Erst im Jahre 1998 wurde der Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Kindern aufgehoben. Heute werden in Deutschland knapp 35 Prozent aller Kinder unehelich geboren. Im Jahre 1952 waren es gerade mal zehn Prozent, erklärte die Autorin.

Noch in diesem Jahr wird Julia Heinecke einen dritten Band vorlegen, der in den 1970er Jahren angesiedelt ist, aber an die beiden vorhergehenden Bände anschließt.

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