Efringen-Kirchen - Mit einem gut besuchten Vortragsabend startete am Dienstag in Efringen-Kirchen eine Veranstaltungsreihe, die dem Gedenken an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren und der Deportation der Kirchener Juden 1940 gewidmet ist. Unter dem Leitgedanken „Nie wieder…oder doch wieder?“ wurde dabei der Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet.

Einleitend thematisierte Bürgermeister Philipp Schmid die schlimmsten Eskalationen in jüngster Vergangenheit von der Flugzeugentführung 1976 in Entebbe (Uganda) über das Oktoberfest-Attentat 1980 bis zu den NSU-Morden hierzulande.

Latent vorhandener Antisemitismus

Deutlich verwies er auf den latent vorhandenen Antisemitismus in Deutschland mit seinen antijüdischen Aktivitäten rechts- und linksextremer Gruppierungen durch massive Attacken auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen bis hin zu tätlichen Angriffen auf hier lebende Juden. Nicht zuletzt begünstige die verbale Hetze gegen die Politik Israels, „der einzig wirklichen Demokratie im Vorderen Orient“, das judenfeindliche Klima.

Diesen Tendenzen müsse mit allen gebotenen demokratischen Mitteln begegnet werden. Auch wenn ein Holocaust wie zur Nazizeit nicht mehr denkbar sei, gelte es, wachsam zu bleiben und jeglicher Form des Antisemitismus entgegenzutreten.

Höchst spannend und aufschlussreich veranschaulichte danach Museumsleiterin Maren Siegmann in ihrem Vortrag „Und der König gewährt die Haltung und Nutzung der Juden“ mit einer Fülle ermittelter Beispiele die Geschichte und Schicksale der jüdischen Bevölkerung im mittelalterlichen und früh-neuzeitlichen Dreiland. Mit umfangreichem, teils unbekanntem Bildmaterial aus kaum zugänglichen Archivalien, aber auch aus alten Geschichtswerken wie der Schedelschen Chronik und der Konstanzer Weltchronik schilderte sie die seinerzeitige ambivalente Toleranz von Juden durch die weltliche und geistliche Obrigkeit.

Je nachdem, ob es der wirtschaftlichen Notwendigkeit nützte oder Schuldige für extreme Wetterlagen, Naturkatastrophen oder Seuchen gesucht wurden, waren die Juden die bevorzugte Finanzier- oder Sündenbock-Zielgruppe. Kaiser Sigismund etwa war zur Zeit des Konstanzer Konzils ein höchst kreativer Erfinder von immer neuen Judensteuern.

Unausrottbare falsche Beschuldigungen

Ausbeutung einerseits, Vertreibung und Ermordung andererseits prägten so das Dasein der Juden in Städten wie Basel, Straßburg, Freiburg und Konstanz. Und fromme Wanderprediger schürten mit ihren Hasstiraden permanent die „volkstümliche“ Judenfeindschaft und lösten zuweilen größere Pogromwellen aus. Unter anderem mit den unausrottbaren falschen Beschuldigungen von Ritualmorden, Hostienfrevel und Brunnenvergiftung.

Dass sich auch die lokale Obrigkeit diesen ambivalenten Umgang mit den Israeliten zunutze machte, konnte die Referentin unter anderem an „befristeten“ Aufenthaltsgenehmigungen einzelner Juden gegen „Satzgeld“ in Istein, Huttingen, Schliengen und Kandern dingfest machen.