Einsatz für Menschenrechte Ein Stachel im Fleisch der Diktatoren

Gabriele Hauger

Lörrach - Amnesty International (ai): Dieser Name steht für den basisdemokratischen Einsatz für  Menschenrechte. Vor 60 Jahren gegründet, bekam die renommierte Institution 1977 den Friedensnobelpreis verliehen. Vor 45 Jahren wurde auch in Lörrach eine ai-Gruppe gegründet – Anlass für einen Rück- und Ausblick über das Engagement vor Ort.

Vitus Lempfert, damals junger Gymnasiallehrer, wollte sich gesellschaftlich engagieren, mitgestalten. Der Eintritt in eine Partei schien ihm zu einengend. Beim Bummel durch die Innenstadt stieß er zufällig auf einen Amnesty-Infostand. Schnell war er von der Sinnhaftigkeit der Gruppe überzeugt. Er gehörte mit rund einem Dutzend weiterer Interessenten zu den Gründungsmitgliedern des hiesigen ai-Ablegers.

Eintreten für inhaftierte Oppositionelle weltweit

Ursprünglich konzentrierte sich Amnesty auf das Eintreten für inhaftierte Oppositionelle weltweit. Politischen Gefangenen, die ohne Gerichtsverfahren verurteilt worden waren und selbst stets gewaltfrei agierten, sollte geholfen werden. Jede ai-Gruppe bekam drei „Fälle“ zugewiesen, auf die sie sich konzentrierte.

Briefe an die jeweiligen Regierungen wurden geschrieben, Unterschriften gesammelt, Filme und Vorträge organisiert, in lokalen Gremien auf das Schicksal der zu Unrecht Inhaftierten aufmerksam gemacht, um so Druck auf die Verantwortlichen aufzubauen. Dadurch bekam man bald einen guten Einblick in das individuelle Schicksal der Opfer. „Das löste Betroffenheit aus“, erinnert sich Lempfert.

Pakete an die Opfer-Familien geschickt

„Wir haben beispielsweise Pakete an die Opfer-Familien geschickt, standen im Briefkontakt mit ihnen oder mit den Gefangenen selbst.“ Alle vier Wochen trafen sich die Lörracher ai-Mitglieder, um Fälle zu besprechen, Aktionen zu planen. „Ich wolle nie ’nur’ sozial arbeiten, sondern stets auch politisch. Und dass wir hier im demokratischen Deutschland totalitäre Regime unterstützen, ihnen Waffen verkaufen, das galt es, öffentlich zu machen“, sagt Lempfert im Gespräch.

Nach 16 Jahren Mitgliedschaft verließ er Amnesty, um sich auf die Probleme von Flüchtlingen und Asylsuchenden im eigenen Land zu konzentrieren, unter anderem durch sein Engagement im Arbeitskreis Miteinander. Von dort aus wird aber immer wieder mit Amnesty Lörrach zusammengearbeitet.

Viele bereichernde Erfahrungen und Erfolge

Rückblickend gab es für Lempfert viele bereichernde Erfahrungen und Erfolge. Seine idealistische Hoffnung, dass Amnesty eines Tages überflüssig werden würde, stellte sich indes – gerade angesichts der aktuellen politischen Situation weltweit – als Illusion heraus.

Zur wohl frustrierendsten Erkenntnis entwickelte sich für Lempfert der Fall Mugabe. Gerade Amnesty Lörrach hatte sich lange für den damals gewaltfrei agierenden inhaftierten Freiheitskämpfer eingesetzt – mit Erfolg. Dass dieser sich später zum brutalen Diktator entwickelte war erschütternd. Die Arbeit empfand Lempfert dennoch stets als sinnstiftend; „Amnesty wird immer ein Stachel im Fleisch der Diktatoren dieser Welt sein.“

Inzwischen auf vier Mitglieder geschrumpft

Inzwischen ist Amnesty Lörrach auf vier Mitglieder geschrumpft – auch hier gibt es wie bei vielen Vereinen und Institutionen Nachwuchsprobleme. „Die jungen Menschen wollen sich nicht mehr terminlich festlegen“, erklärt Ulrike Schäfer, seit 2013 ai-Mitglied in Lörrach. Sie wollte sich unbedingt sozial engagieren. Menschenrechtsverletzungen machen sie wütend: „Gegen diese Ungerechtigkeit muss man doch etwas tun“, erzählt sie. Die Lörracher ai-Aktivitäten sind breit gestreut: Dazu gehören Unterschriftensammlungen für faire Asylverfahren und zur Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention. „Wir greifen inzwischen aber vielschichtigere Themen auf wie Rassismus und Frauenrechte.“ Wichtig ist ihr, alle 30 Menschenrechte stärker ins Bewusstsein zu rücken. „Viele wissen gar nicht, dass es diese Rechte gibt.“

Die Arbeit von Amnesty wird niemals überflüssig

Momentan ist die Lörracher Gruppe dabei, die Forderungen von Amnesty zur Afghanistan-Situation bekannt zu machen sowie den Amnesty „Briefmarathon“ mit vorzubereiten. Hier wird ein Infostand in der Stadt geplant.

Sie ist überzeugt, dass die Arbeit von Amnesty wirkt. „Wir sind das schlechte Gewissen der Staaten, die die Menschenrechte missachten“, sagt Schäfer. 40 Prozent der Fälle, für die sich ai einsetze, zeigten Erfolge: Inhaftierte werden freigelassen, Todesurteile umgewandelt, Folterer vor Gericht gestellt. Um das nicht zu gefährden, brauche es weiter engagierte Mitglieder.

„Besonders für die Themen rund um Klimawandel und Digitalisierung wären junge Akteure wünschenswert.“ Gemeinsam mit Amnesty will sie weiterhin dafür sorgen, die Rechte der Menschen zu verteidigen.

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