Stuttgart – Jedes fünfte deutsche Kind ist arm. Eine dauerhaft ausgewogene Ernährung können sich ihre Familien nicht leisten, sagt der Hohenheimer Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski. Er warnt vor den Folgen von Mangelernährung wie sie aus Entwicklungsländern bekannt sind.

Herr Biesalski, Hunger macht sich meist durch einen laut knurrenden Magen bemerkbar. Was verstehen Sie unter verstecktem Hunger?
Fehlt dem Körper energiehaltige Nahrung wie Fett, Eiweiße oder Kohlenhydrate, signalisiert der knurrende Magen den Bedarf. Egal ob ich jetzt ein großes Stück Torte, ein Schnitzel oder einen Teller Reis esse: Der Magen gibt Ruhe. Er hat deswegen aber längst nicht alle Vitamine, Spurenelemente oder Mineralstoffe enthalten, die ein gesunder Mensch braucht. Dieser Mangel macht sich aber nicht bemerkbar, weil dem Körper dafür ein Warnsystem fehlt. Deshalb spricht man von hidden hunger, dem versteckten Hunger. Besteht er über längere Zeit, hat er gravierende Auswirkungen.

Welche?
Bei 50 Prozent aller Kinder, die in Afrika ­leben, ist die körperliche und geistige ­Entwicklung gestört, weil ihnen von klein auf ausreichend Vitamine und Mineralstoffe ­fehlen. Auf die wachsende Weltbevölkerung hat die Agrarindustrie bislang reagiert, ­indem sie die Erträge gesteigert hat. Der ­Teller muss aber nicht nur gefüllt sein. ­Entscheidend ist auch, was darauf liegt.

Der erste weltweite Kongress zum Thema verborgener Hunger findet diese Woche ­ausgerechnet in Deutschland statt, an der Uni Hohenheim. Ist Mangelernährung bei uns nicht nur ein Randproblem?
Das ist schwer zu sagen. Die Grundlage von Mangelernährung ist Armut und davon sind 13 Prozent aller deutschen Familien betroffen und jedes fünfte Kind. Ob sie einen Mangel an Vitaminen, Zink, Eisen oder Jod haben, wurde bislang aber nicht untersucht.

Warum nicht?
In einem Land, in dem 200.000 verschiedene Lebensmittel in den Supermarkt-Regalen stehen, ist es kaum vorstellbar, dass jemand wichtige Nährstoffe fehlen. Außerdem müsste man ja in die Küchen von Hartz-IV-Familien gehen und schauen, was deren Kinder zu essen kriegen. Das ist schwer durchsetzbar.

Dafür gibt es aber Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt.
Ja, aber hier wird vor allem auf Übergewicht geachtet. Auch das kommt in armen Familien dreimal häufiger vor als in besser verdienenden, weil fettes Fleisch einfach billiger ist als Gemüse. Übergewicht zeigt, dass sich jemand falsch ernährt – und dazu gehört auch eine chronische Mangelernährung.

Je weniger Geld, umso schlechter die Ernährung – ist diese Erklärung nicht zu einfach?
Wenn ich weiß, wie man sich ausgewogen ­ernährt und Zeit zum Kochen habe, kann ich mein Kind durchaus auch mit wenig Geld gesund ernähren. Alleinerziehende Mütter – und sie haben das größte Armutsrisiko – ­haben diese Zeit oft nicht. Und für das Essen in der Kita reichen die Hartz-IV-Sätze nicht. Das hat das Dortmunder Institut für ­Kinderernährung mehrfach festgestellt. Ein Kind bis drei Jahren bekommt 2,47 Euro, ein Kind bis 14 Jahre 3,22 Euro – für alle ­Mahlzeiten am Tag.

Trotzdem greifen Arme überdurchschnittlich oft zu Fertiggerichten – und die sind ganz schön teuer. Wie passt das zusammen?
Fertigpizza schmeckt immer wie Fertigpizza, sie hat einen festen Preis, ist schnell ­zubereitet und ich weiß, dass ich davon satt werde. Das alles sind kalkulierbare Größen. Wenn ich stattdessen auf den Markt gehe und für dasselbe Geld Gemüse, Kartoffeln und Hackfleisch kaufe, braucht das mehr Zeit und ich weiß nicht, ob mir das Gericht dann auch schmeckt.

Was müsste sich ändern, damit alle Kinder in Deutschland wenigstens einmal am Tag etwas Vernünftiges auf dem Teller haben?
Die Skandinavier machen uns vor, wie es geht: Dort ist das Essen in Kitas und Schulen kostenlos. Außerdem gibt es Kochkurse für die Kinder. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass sich die skandinavischen Kinder im europäischen Vergleich besser entwickeln und ausgewogener ernähren.

Und bei den Erwachsenen? Auch hier läuft bei der Ernährung ja einiges schief.
Wenn man die Deutschen fragt, was ihnen bei ihren Lebensmittel am wichtigsten ist, dann nennen sie an erster Stelle die Sicherheit. Die gesunde Ernährung landet erst auf Platz 15. Vor lauter Angst, womöglich ein paar Bissen Pferdefleisch abzubekommen, geht der eigentliche Sinn von Ernährung unter: Dem Körper all das zu geben, was er braucht.