Fischingen Ein Ärgernis für lokale Erzeuger

Die Gärtnerei Hoch-Reinhard pflegt seit vielen Jahren gute Kontakte zu Kunden in der Schweiz. Foto: zVg Foto: Weiler Zeitung

Aufgrund einer neuen Richtlinie der Eidgenössischen Zollverwaltung drohen für lokale Erzeuger wichtige Absatzmärkte in Basel wegzufallen. So könnte etwa die Gärtnerei Hoch-Reinhard in Fischingen zwar weiterhin Waren für den Wochenmarkt mittels eines vereinfachten Zollverfahrens einführen und verkaufen, für Lieferungen an die Gastronomie oder Privatkunden wird das aber nicht mehr möglich sein.

Von Ingmar Lorenz

Fischingen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Mitinhaber Lukas Weidauer, was es mit der neuen Regelung auf sich hat, welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten und wie man sich im Betrieb auf die neue Situation einstellt.

Frage: Herr Weidauer, zum 1. Januar 2022 wird es Änderungen im Zollverfahren geben. Was bedeutet das für die Gärtnerei Hoch-Reinhard?

Wir werden langjährige Kundenbeziehungen aufgeben müssen, sollte sich nicht eine Lösung finden. Wir sind, seit wir bestehen, auf die lokale Produktion und Vermarktung unserer Produkte ausgerichtet und sehen das als nachhaltig, sinnvoll und im Rahmen des „trinationalen Wirtschaftsraums“ auch in die Schweiz als gewollt an. Auf der bisherigen Rechtsgrundlage haben wir Entscheidungen für die Betriebsentwicklung getroffen. Die Nachfrage unserer Kunden bestimmt unsere Produktion. Sie wünschen regionale Bio-Erzeugnisse und schätzen unseren Einsatz. Mit der neuen Richtlinie werden uns Lieferungen nach Basel sehr erschwert oder sogar unmöglich gemacht.

Frage: Wie sah die bisherige Regelung aus?

Bisher konnten wir als Grenznaher Betrieb (zehn Kilometer bis zur Grenze) unsere Produkte in die Schweiz in einem Radius von zehn Kilometern an Selbstverbraucher in einem vereinfachten Zollverfahren verkaufen. Das beinhaltet den Verkauf auf Wochenmärkten, in Abo-Kisten sowie an Restaurants und Kantinen. Der Verkauf an Händler ist nicht gestattet. Die Veranlagung erfolgt bis auf eine geringe Freimenge über den Kontengentszollansatz, der moderat ist und sich vor allem nicht mehrmals pro Woche ändert. Dabei ist es uns möglich, morgens vor Öffnung des Zolls die entsprechenden Anmeldungen einzuwerfen. Durch die neue Regelung ist uns künftig nur noch der Verkauf auf den Wochenmärkten mit dem vereinfachten Verfahren gestattet. Alle weiteren Einfuhren müssen wie andere Handelswaren verzollt werden.

Frage: Warum wurde die Regelung gerade jetzt geändert?

Nach Auskünften der Eidgenössischen Zollverwaltung wurde die Richtlinie aufgrund einer generellen Überprüfung der Prozesse und Verfahren angepasst. Eine Gesetzesänderung oder Überarbeitung des Grenzabkommens zwischen der Schweiz und Deutschland fand nicht statt. Warum gerade jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, bleibt uns ein Rätsel. Ob die Sondersituation in Basel, das sich seit jeher aus dem nahen Umland versorgt hat, nicht bekannt war oder ob eine starke Interessensvertretung interveniert hat, wissen wir nicht.

Frage: Ursprünglich sollte das neue Verfahren schon dieses Jahr in Kraft treten, es konnte aber eine Verschiebung erwirkt werden. Wie wurde das erreicht?

Auf die Bekanntgabe der Neuregelung hin haben wir und auch die Gärtnerei Berg beantragt, die Neuregelung um ein Jahr zu verschieben. In einem gärtnerischen Unternehmen sind die Prozesse langfristig: Das Lagergemüse für den Verkauf jetzt im Winter und Frühjahr war ja bereits geerntet oder es stand kurz davor. Und im September sind die Pflanzen und das Saatgut für die kommende Saison schon zum allergrößten Teil bestellt. Vor diesem Hintergrund schätzen wir das Entgegenkommen der Zollverwaltung sehr.

Frage: Sehen Sie vor diesem Hintergrund die Möglichkeit, dass es eine weitere Verschiebung gibt, oder vielleicht sogar noch eine für Sie zufriedenstellende Lösung auf politischer Ebene gefunden werden kann?

Unser weiteres Ersuchen einer Verschiebung oder Beibehaltung der bestehenden Regelung wurde von der Zollverwaltung abgelehnt. Auch auf unsere Bitte über mögliche Lösungsmöglichkeiten ins Gespräch zu kommen, wurde nicht eingegangen. Wir sehen zum Beispiel einen Weg in der Neuinterpretation des Begriffs Marktverkehr: Hieß es bisher „im Herumziehen von Haus zu Haus“ könnte es ja in der heutigen Zeit heißen „im Internet bestellt und geliefert“. Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt will sich zumindest für eine Beibehaltung der jetzigen Handhabung einsetzen, was wir sehr begrüßen. Über die Erfolgsaussichten sind wir aber eher skeptisch. Wir hoffen aber trotzdem auf die Findung einer Lösung auch im Sinne unserer Kunden. Unsere Anfragen auf deutscher Seite an unsere Bundestags- und Landtagsabgeordneten brachte nur mäßiges Engagement hervor.

Frage: Wie hoch ist der Anteil der Gesamtmenge Ihrer Produkte, der von der neuen Regelung betroffen ist?

Der Anteil von unserem Umsatz mit dem vereinfachten Zollverfahren zu den Kontingentszollansätzen an die Gastronomie und die Abo-Kisten in Basel beträgt rund 15 Prozent – Tendenz steigend. In der Basler Gastronomie gibt es ein wachsendes Interesse an lokalem Bio-Gemüse und auch die Lieferungen nach Hause oder in ein Depot erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Wir produzieren mehr als 50 verschiedene Produkte.

Frage: Gilt es für die Gärtnerei Hoch-Reinhard nun verstärkt, neue Absatzmärkte diesseits der Grenze zu finden?

Wir prüfen alle Möglichkeiten, wie wir auch in Zukunft unsere langjährigen Kunden in Basel beliefern können. Sollte das nicht mehr möglich sein, gibt es zwei Möglichkeiten: schrumpfen oder andere Absatzmöglichkeiten finden. Wir arbeiten mit der Natur und sind es jeden Tag gewohnt, mit den Wettermächten umzugehen. Auch das Gewitter der Zollverwaltung werden wir überstehen, auch wenn es unseren Betrieb und unsere Kunden schwer trifft und wir die Sinnhaftigkeit der Änderung nicht nachvollziehen können.

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