Fußball 1964, als der „Kaiser“ in Lörrach kickte

Klaus-Dieter König
Zwei 74-Weltmeister im damaligen Städtischen Stadion an der Haagener Straße: Franz Beckenbauer (stehend, Zweiter von rechts) und Berti Vogts (kniend, ganz links). Foto: FVLB/zVg

Die Fußballwelt trauert um Franz Beckenbauer. Der „Kaiser“ ist am vergangenen Sonntag im Alter von 78 Jahren verstorben. Ganz am Anfang seiner großartigen Karriere als Fußballer und Trainer kickte der junge Franz auch in Lörrach.

Am 8. März 1964 schlug die deutsche Jugendnationalmannschaft die Schweiz in Lörrach. Zweifacher Torschütze war ein gewisser Franz Beckenbauer. Im Publikum saß eine weitere Legende: Ottmar Hitzfeld.

Es klingt vermessen, entspricht aber der Wahrheit: Auch die Stadt Lörrach hat ihren Teil zur Karriere des größten deutschen Fußballers aller Zeiten, Franz Beckenbauer, beigetragen. In der großen Kreisstadt an der Schweizer Grenze absolvierte der letzte deutsche Kaiser eines seiner ersten Länderspiele.

Mit der deutschen Jugendnationalmannschaft spielte Jung-Beckenbauer an der Haagener Straße, noch vor seinem Debüt in der ersten Mannschaft des FC Bayern München. Und Ottmar Hitzfelds Vater, der die Partie mit seinem Sohn besuchte, wusste sogleich: „Das wird einer der besten Spieler in Deutschland.“

Am 8. März 1964 war die Stadt Lörrach in heller Aufregung. Die Jugendnationalmannschaften von Deutschland und der Schweiz trafen aufeinander. 5000 Zuschauer strömten in das Stadion an der Haagener Straße und sahen den 2:1-Sieg des deutschen Nachwuchses. Unter den Beobachtern war neben der regionalen Prominenz kein Geringerer als die Trainerlegende Sepp Herberger, der in seiner typischen Art nach dem Spiel im Interview davor warnte, den „Jungen jetzt schon Flausen in den Kopf zu setzen“ und auch keinen Spieler besonders herausheben wollte.

Im Gegensatz zu ihm ließ der unvergessliche Lörracher Sportjournalist Hans-Rudi Müller kaum ein gutes Haar an den deutschen Akteuren und schrieb, dass sich außer Berti Vogts und dem zweifachen deutschen Torschützen Franz Beckenbauer niemand als Nationalspieler von morgen angeboten habe.

Müller sollte Recht behalten; außer dem Spielführer Udo Glaser (KSC) und Werner Waddey (Borussia Mönchengladbach) gelang es niemandem, speziell von sich reden zu machen. Berti Vogts war für Müller in seiner Rolle als Ausputzer der beste Spieler auf dem Platz. Auch für Franz Beckenbauer fand er lobende Worte. Ottmar Hitzfelds Vater, der mit seinem Sohn das Länderspiel besuchte, erkannte die Klasse von Franz Beckenbauer und meinte, „das wird einer der besten Spieler in Deutschland“. Ottmar Hitzfeld konnte sich in unserem Gespräch sehr gut an das Spiel damals und die Aussage seines Vaters erinnern.

Auch wenn es für Ottmar Hitzfeld eigentlich das erste wichtige Livespiel war, das er sah, wurden keinerlei Träume für eine eigene Karriere geweckt. Der damalige Lörracher Presse-Verantwortliche wird sich aber sicher noch sehr lange an das Spiel und seine Überschrift im Zeitungs-Artikel erinnert haben, sind ihm doch zwei fatale Pannen unterlaufen. Aus Franz Beckenbauer wurde schlichtweg „Beckmann“ und aus Dettmar Cramer wurde „Cranz“. Beide schmunzeln noch heute darüber.

Ein weiteres Kuriosum brachte übrigens aber auch das Vorspiel zwischen dem FV Lörrach und SV Schopfheim, das Schopfheim, ohne ein Tor zu erzielen, mit 4:1 gewann. Dem FVL „gelangen“ vier Eigentore.

Für den deutschen Doppeltorschützen Franz Beckenbauer dürfte dieser Tag im März des Jahres 1964 in Lörrach vermutlich im Rückblick auf seine Fußballkarriere gar ein ganz wichtiger Moment gewesen sein. Einige Monate später debütierte er dann mit 18 Jahren am 6. Juni 1964 in der ersten Mannschaft des FC Bayern München. In der Aufstiegsrunde zur Bundesliga steuerte er ebenfalls dabei gleich ein Tor zum 4:0-Sieg gegen den FC St. Pauli bei. 1965 schaffte er schließlich dann gar den Sprung zur A-Nationalmannschaft. Der weitere Verlauf seiner wohl beispiellosen Karriere dürfte dann jedem Fußballbegeisterten hinlänglich bekannt sein.

Für den schweizerischen Torschützen Pierre-Antoine Jeandupeux war es übrigens ebenfalls sein erstes Länderspiel. Das Abspielen der Nationalhymne hat ihn sehr beeindruckt und hinterließ damals Gänsehaut. Nur mit Mühe konnte er seine Tränen vermeiden.

An das Spiel selbst hat er nicht mehr sehr viele Erinnerungen. Die 74. Minute hat er natürlich nicht vergessen, als er einen Ball zurückgewann, auf das deutsche Tor stürmte und mit einem kraftvollen Schuss in die Ecke aus 20 Metern auf 2:1 verkürzte. Antoine Jeandupeux spielte danach noch einige Jahre beim FC La Chaux-de-Fonds in der Schweizer Nationalliga A und beendete früh seine Karriere.

Weitaus bekannter wurde aber sein Bruder Daniel, der als Spieler des FC La-Chaux-de-Fonds und des FC Zürich und von Girondins Bordeaux in 35 Länderspielen das schweizerische Nationaltrikot trug und auch Schweizer Torschützenkönig wurde. Nach seiner aktiven Zeit blieb ihm der Erfolg als Trainer in Sion, Zürich, Toulouse, Caen, Straßburg und Le Mans treu. Als Spieler und/oder Trainer wurde er Schweizer Meister und Cupsieger mit dem FC Zürich. Er war später auch einer der Vorgänger von Hitzfeld als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft und wurde 1991 französischer Trainer des Jahres.

Daniel Jeandupeux hat eindrücklich beschrieben, welches Fest das erste Länderspiel für die ganze Familie Jeandupeux war. Natürlich haben alle Pierre-Antoine nach Lörrach begleitet. Es wurde sogar extra in eine Bolex 8 mm-Kamera investiert, mit der Bruder Daniel das Spiel in Lörrach filmte. Auch Daniel Jeandupeux konnte sich an Franz Beckenbauer, den er später als Nationalspieler, Nationaltrainer und in der Ersten Liga in Frankreich wieder traf, sowie an Berti Vogts erinnern. „Das Match in Lörrach ist zum Mythos geworden, weil diese beiden deutschen Spieler Fußball-Weltstars wurden.“

Info

Franz Beckenbauer
Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung des FV Lörrach-Brombach und dessen Redaktion des Magazins Stammplatz, in dem der Text erstmalig abgedruckt wurde. Autor Klaus-Dieter König war damals Marketingchef beim FVLB.                  nod

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