Fußball Ein himmelweiter Unterschied

Spannende Wochen und Monate liegen vor Erkan Aktas, seinen Schützlingen und dem gesamten Verein.Foto: Archiv Foto: Die Oberbadische

„Langweilig ist es mir nicht“, lässt Erkan Aktas wissen. Der Coach des FV Lörrach-Brombach konnte zwar nur wenige Wochen während des Lockdowns mit seinen Jungs auf dem Rasen trainieren, dafür aber ging hinter den Kulissen eine Menge Zeit drauf. Kaderplanung zu Corona-Zeiten – alles andere als ein leichtes Unterfangen.

Lörrach. Der FVLB wird auch nächste Runde in der Oberliga gegen das runde Leder treten. Aktas bleibt Coach. Er und sein Trainerteam werden indes einige neue Gesichter im Training begrüßen dürfen. Darüber, und wie die Zukunft im Grütt aussieht, hat sich unser Sportredakteur Mirko Bähr mit dem 41-Jährigen unterhalten.

Frage: Herr Aktas, der grüne Rasen wächst und gedeiht. Niemand trampelt auf ihm herum ...

Und das, obwohl wir uns zum Ziel gesetzt hatten, auch in der Phase der Vor-Vorbereitung so viele Einheiten auf dem Platz wie möglich zu absolvieren. Gut vier Wochen konnten wir das unter Corona-Bedingungen genießen. Dann lang die Inzidenz wieder über 100. Seit etwa zwei Wochen erhalten die Jungs Wochenpläne für individuelle Einheiten zuhause.

Frage: Wer aus dem Oberliga-Kader hat das Grütt verlassen?

Wir verzeichnen acht Abgänge. Noah Dägele, Michael Kuttler und Angjelo Bisha werden nicht mehr dabei sein. Da sind beide Seiten überein gekommen, dass eine Trennung der richtige Weg ist. Tarek Aliane hat uns aufgrund des Studiums Richtung Heidelberg verlassen, wo er einen neuen Verein gefunden hat. Routinier Vedat Erdogan hat seine Kickschuhe an den Nagel gehängt, während es Daniel Briegel zurück zu seinem Heimatverein nach Neuenburg zieht. Benedikt Nickel und Patrice Glaser werden für den TuS Binzen kicken.

Frage: Haben Sie mit so vielen Wechseln gerechnet?

Die allermeisten Abgänge haben mich nicht sonderlich überrascht. Ich kannte ja die Überlegungen der Spieler. Überrascht hat mich eigentlich nur Ben. Damit habe ich echt nicht gerechnet. Aber er will kürzer treten, ein anderes Umfeld, und, dass der Spaßfaktor wieder mehr im Vordergrund steht.

Frage: Hätten Sie es gerne anders gesehen?

Schwierig. Einerseits will ich niemandem etwas vorschreiben. Aber ich finde, Ben ist in einem Top-Alter und hatte nochmals die Chance bekommen, die Oberliga mitzunehmen. Aber sicher. Aus seiner Sicht gestaltet sich das anders. Er verlagert seine Prioritäten. Neben dem Job und der Familie steht nun die Tatsache, dass er mit Kollegen Fußball spielen möchte, im Vordergrund.

Frage: Ein großer Verlust?

Sicher. Er hat das hier alles ja mitgeprägt. Mit seiner Art und Weise, seiner Persönlichkeit, war er ein wichtiger Baustein. Wenn solche Teamleader gehen, besteht aber auch die Chance, dass neue Strukturen und eine neue Hierarchie innerhalb des Teams entstehen. Ganz automatisch. Sportlich und auf der persönlichen Ebene treten nun andere nach vorne. Dadurch erhoffe ich mir auch, dass die Last nun auf mehrere Schultern verteilt wird. Es wird spannend.

Frage: Wie sieht es denn mit Neuzugängen aus?

Auch das wird ein spannendes Thema. Wie entwickeln sich die talentierten Spieler aus der Region. Emanuel Esser, Romano Males und Marco Romano verfügen über eine gute Basis. Daran wollen wir weiterfeilen. Ich erhoffe mir, dass sie diesen Schritt auf dieses Niveau schnell hinbekommen.

Frage: Ist da noch der eine oder andere Akteur in der Pipeline?

Momentan stehen wir bei einer Kadergröße von 22 Spielern. Wir streben aber eine Größe von 26 an. Ein Spieler aus dem Kader der vergangenen Saison hat sich noch nicht endgültig entschieden, ob er bleibt. Wir wollen noch vier Spieler für die neue Runde gewinnen. Wir suchen in der Region, in der Schweiz, Frankreich und im Freiburger Raum. Es werden gezielte Verstärkungen sein. Die Gespräche sind viel versprechend. Aber man muss klar festhalten, dass es alles andere als einfach ist, einen Kader zusammenzustellen. So schwer wie in diesem Jahr war es noch nie.

Frage: Was sind die Gründe?

Corona ist das Stichwort. Wir können nicht trainieren, ein Probetraining ist also auch nicht möglich. Insgesamt fehlt der direkte Kontakt. Viele sind derzeit weit weg vom Fußball. Und der eine oder andere ist auch auf den Geschmack gekommen, dass es auch ohne geht. Talente zu überzeugen, dieses Niveau in Angriff zu nehmen, ist alles andere als einfach. Schließlich kann man nicht direkt mit ihnen sprechen. Viele Jungs kennt man nur vom Hörensagen. Gerne würde ich aber wissen, ob derjenige auch als Typ zu uns passt.

Frage: Sind Sie zufrieden mit dem aktuellen Stand der Kaderplanung?

Ich denke schon. Wir haben 22 fixe Zusagen. Aber das alles hat viel Kraft gekostet. Wir sind seit Februar dran. Jetzt beginnt der Endspurt. Ich würde gerne noch den einen oder anderen Neuzugang begrüßen.

Frage: Wann muss alles fix und fertig eingetütet sein?

Das wird sich wohl bis Ende Juni ziehen. Idealerweise sollte unser Kader vor dem ersten Match stehen. Das erste Pflichtspiel steigt, Stand heute, am 24. Juli mit dem Südbadischen Pokal. Eine Woche später soll die Oberligarunde starten.

Frage: Wie sieht nun der zeitliche Ablauf aus?

Zu planen fällt derzeit sehr schwer. Als Fixpunkt nehme ich einmal den 24. Juli. Vier Wochen braucht man mindestens, um sich unter normalen Bedingungen als Team entsprechend vorzubereiten. Da sollten wir also dann spätestens auf den Platz gehen. So lange gibt es nun Hausaufgaben

Frage: Apropos Hausaufgaben. Was konnten Sie mitnehmen aus der relativ kurzen Oberliga-Premierensaison?

Diese zwölf Spieltage haben, so finde ich, enorm etwas gebracht. Einerseits wissen wir nun, dass wir mithalten können. Andererseits ist auch klar, dass wir unseren Kader zielgenau verstärken müssen, wenn wir eine reelle Chance haben wollen. Nun wissen wir, was auf uns zukommt. Diese Erfahrung nimmt uns keiner. Auch die kommende Saison wird eine echte Mammutaufgabe. Es gibt wieder sieben Absteiger.

Frage: Was war denn in der Oberliga so ganz anders?

Das spielerische Niveau, aber auch die emotionale Schiene. Gerade bei den Auswärtsspielen spielte die Psyche eine enorme Rolle. Da hat man deutlich gespürt, was es heißt, in der Fremde zu kicken. Die Atmosphäre, das gesamte Drumherum. Das hat den einen oder anderen schön eingeschüchtert.

Frage: Sie hatten sich etwas Zeit gelassen mit Ihrer Zusage. Sie meinten, dass da noch auf Vereinsebene einige Dinge angegangen werden müssten. Wurden Ihre Wünsche erfüllt?

Ich denke schon, dass der Verein einen Schritt nach vorne gemacht hat. Der Verein ist strukturell gut aufgestellt, es herrscht eine gute Kommunikation zwischen unserem Teammanager Christian Schmidt und den Vereinsverantwortlichen. Aber natürlich muss sich der Verein in den kommenden Monaten klar werden, wo man sich künftig sieht. Was kann geleistet werden? Ist die Oberliga das Ziel? Oder reicht es einfach nur für die Verbandsliga?

Frage: Ein himmelweiter Unterschied?

Absolut. Da ist erstens der Aufwand, zweitens das Budget und drittens die Kaderzusammenstellung. Die gestaltet sich auf diesem Niveau nicht einfach. Denn: Die Fußballer hier in der Region, die nicht schon auf diesem Level gekickt haben, kennen diesen Aufwand nicht. Viele lassen sich darauf ein, sehen aber dann, dass es ihnen zu viel ist. Die Gefahr, dass sie uns dann den Rücken zukehren, ist groß. Spricht man aber einen Spieler an, der beim FC Basel im Nachwuchs aktiv ist, sieht die Sache anders aus. Der sagt sich: Wunderbar. Statt sechsmal habe ich nur dreimal in der Woche Training. Und das Niveau ist trotzdem hoch.

Frage: Sprich: Um in der Oberliga zu bestehen, braucht es fertige Spieler?

Für Spieler aus der Bezirks-, Landes oder Verbandsliga wird der Aufwand größer. Das ist der Unterschied zu den Vereinen aus der Region Pforzheim oder Stuttgart. Dort kennen die Kicker den Aufwand, er ist für sie normal. Oder er wird sogar weniger, wenn sie beispielsweise eine Ausbildung auf Profiebene genossen haben. Hier bei uns ist die Gefahr groß, dass ihnen alles zu viel ist. Je höher du spielst, desto weniger wird auch die Durchlässigkeit. Denn der Nachwuchs muss Oberliganiveau haben. Die Anforderungen sind höher. Vergangenes Jahr haben es beim FVLB drei bis vier Juniorenspieler geschafft. Jetzt ist es einer. Die meisten Jungs gehen den Weg über die U23. Da geht die Ausbildung weiter.

Frage: Da liegen interessante Monate vor dem FVLB ...

Der Verein muss sich klar werden: Ist die Oberliga das Ziel? Und wie bekommen wir das gebacken? Darüber gilt es sich ernsthafte Gedanken zu machen. Wie kann das alles strategisch bewerkstelligt werden? Wie sieht die Transferpolitik künftig aus? Will man weiter regional bleiben oder über den Tellerrand hinausschauen und aggressiv auf dem Markt sein? Wichtig ist das klare Bekenntnis, sonst verliert man sich im Ganzen. Der FVLB ist gut aufgestellt für die Verbandsliga. Das gilt für den Nachwuchsbereich und die Infrastruktur. Wenn aber der nächste Schritt erfolgen soll, muss man nochmals über die Bücher gehen. Eine gute Nachwuchsabteilung ist enorm wichtig. Aber es ist klar, wenn man diesen Weg geht, kann das auch eine Nullnummer sein. Deshalb wird es wichtig sein, wie man den Kader zusammenhält.

Frage: Wie geht das?

Indem man die Spieler bindet. Wir sind der einzige Oberligist, der ohne Verträge arbeitet. Die anderen Vereine binden ihre Spieler für zwei bis vier Jahre. Das garantiert eine bessere Kaderplanung. Die Garantie ist da, und man muss nicht jedes Jahr mit allen 26 Kaderspielern Gespräche führen, da die meisten ja einen gültigen Vertrag besitzen.

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