Fußball „Favorit: Klar ist, dass gar nichts klar ist“

Vorhang auf mit 364 Tagen Verspätung. Heute beginnt die von der Corona-Krise massiv beeinflusste Fußball-EM in elf Städten. Trotz sinkender Inzidenzen bleibt das paneuropäische Turnier vor allem für die Fans, die auch in München wieder ins Stadion dürfen, ein Wagnis. Politik und Sport erhoffen sich dennoch ein positives Signal in Zeiten der Pandemie. Das Eröffnungsspiel bestreiten die Türkei und Italien heute Abend in Rom.

Von Uli Nodler

Lörrach. Und wie steht’s um die deutsche Nationalmannschaft? Auf nach Wembley oder was? Nicht nur Bundestrainer Joachim Löw freut sich auf eine möglichst bis zum Finale in London andauernde Abschiedstour. Vor den bis zum Desaster bei der WM in Russland 2018 als beste Turniermannschaft der Welt gefeierten Deutschen liegt jedoch ein Weg, der von einigen sogar als Himmelfahrts-Kommando angesehen wird. Nach der EM 2016, als für das DFB-Team im Halbfinale gegen Frankreich Schluss war, geriet der Weltmeister von 2014 in eine sportliche Abwärtsspirale. Nun gilt es für Jogis Jungs den Schalter umzulegen. Gelingt ihnen das?

Wie es in der Sportredaktion des Verlagshauses bereits Tradition ist, haben wir wieder eine Expertenrunde auf die Beine gestellt, die das deutsche Team mit ihren Einschätzungen durch dieses Turnier begleitet.

Zum EM-Start wollen wir von unseren Experten wissen, was sie der deutschen Mannschaft zutrauen? Außerdem: Gibt es in diesem Turnier einen großen Favoriten? Und drittens: Wie bewerten unsere Experten die Zusammenstellung des deutschen Kaders?

Thomas Hauser, ehemaliger Fußballer des SV Schopfheim, FC Basel, FC Sunderland/England: „Die Qualität ist ja im Team vorhanden. Als einziges Manko sehe ich derzeit die Abschlussschwäche. Die deutsche Mannschaft braucht einfach zu viele Chancen, um zu treffen. Ist der Start in die EM gut, dann kann Deutschland als herausragende Turniermannschaft über sich hinauswachsen. Und mit dem nötigen Spielglück ist auch der Einzug ins Halbfinale drin. Einen Topfavoriten gibt es für mich nicht. Ich traue aber Spanien, Frankreich, Belgien und England zu, dass sie am Ende den Titel holen können. Ich denke, die Zusammenstellung des Kaders ist sehr gut. Vor allem das Mittelfeld ist mit einem Mix aus Kreativität, Erfahrung, Laufvermögen und Torgefährlichkeit hervorragend besetzt. Im Angriff überzeugen die Deutschen mit individuelle Klasse und Schnelligkeit. Die Abwehr verfügt über genügend Erfahrung. Da muss sich im Verlauf des Turniers aber noch die ideale Kette finden.

Markus Zeiher, ehemaliger Fußballer und Trainer: „Deutschland zieht mit England, Belgien und Frankreich ins Halbfinale ein. Dann ist alles möglich. Einen klaren Favoriten gibt es nicht. Löw hat bei der Kaderzusammenstellung fast alles richtig gemacht. In einem Fall setzte er allerdings das Leistungsprinzip außer Kraft. Jérome Boateng hätte er mitnehmen müssen.“

Bubi Widmann, ehemaliger Torjäger des TuS Lörrach-Stetten, FV Lörrach, SV Weil und Freiburger FC: „Ganz ehrlich, es fehlt mir ein bisschen der Optimismus. Wenn Deutschland in der Gruppe mit Frankreich und Portugal etwas reißt, dann traue ich der Jogi-Truppe schon etwas zu. Aber es wird schwer. Frankreich ist für mich der Top-Favorit, ich habe aber auch England auf der Rechnung. Bis auf die Nichtberücksichtigung von Boateng macht der deutsche Kader Sinn.

Marina Schulz, engagierte Fußball-Nachwuchstrainerin: „Wenn die deutsche A-Nationalmannschaft bei der EM so engagiert wie die U21 bei ihrem Titelgewinn zu Werke geht, dann wird es auch im Turnier weit gehen. Ein kluger Schachzug war es von Löw, Kimmich im Mittelfeld auf die rechte Seite zu ziehen. Das Viertelfinale ist auf jeden Fall drin. Für mich ist Titelverteidiger ein heißer Endspiel-Tipp. Der deutsche EM-Kader passt. Die beste Entscheidung war, Thomas Müller zurückzuholen.“

Ralf Brombacher, Schiedsrichter-Obmann des Südbadischen Fußballverbandes: „Entscheidend für mich ist das Abschneiden der deutschen Mannschaft im ersten Match gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich. Wenn sie das nicht verliert, kann sie in diesem Turnier die Kurve kriegen und weit kommen. Klar ist, dass in der Favoritenfrage gar nichts klar ist. Es gibt sicher etliche Mannschaften, die es reißen können. Eine Menge traue ich Belgien zu. Aber auch Italien muss man auf der Rechnung haben. Aber auch Kroatien darf man nicht unterschätzen. Bei der Kaderzusammenstellung hat Löw nichts falsch gemacht. Die Rückkehr von Hummels und Müller tut dem DFB-Team gut. Auch die drei Champions League-Sieger Havertz, Rüdiger und Werner werden eine gute Rolle spielen.

Dominik Kiesewetter, Nachwuchschef beim FV Lörrach-Brombach: „Ich bin jetzt einmal Optimist. Wenn die deutsche Elf ihre Tugenden in die Waagschale wirft, dann kann es im EM-Turnier weit gehen. Dann dürfte das Halbfinale oder sogar noch mehr drin sein. Schaut man sich das Teilnehmerfeld an, dann gibt es für mich nur einen Turnier-Favoriten. Und das ist Frankreich. Eine komplette Mannschaft, die nach ihrem EM-Titel auch auf europäischer Ebene nachlegen will. Richtig wohltuend war es zu sehen, wie bei der Kaderzusammenstellung nicht nach Alter, Größe und Gewicht ausgewählt wird. Für mich sind im aktuellen deutschen WM-Kader die 26 besten Spieler dabei.“

Verena Bastian, Vorsitzende des Fußball-Landesligisten FC Wittlingen: „Oh je, Deutschland hat eine richtig schwere Gruppe mit Frankreich und Portugal vor der Brust. Wenn es Jogis Jungs gelingt, diese brutale Gruppe zu überstehen, dann traue ich der Mannschaft von Jogi Löw viel zu. Die U21-Mannschaft hat es der A-Nationalmannschaft vorgemacht, wie man als Außenseiter groß herauskommen kann. Diesen Willen, diese Leidenschaft und diesen Einsatz will ich von allen Spielern sehen. Dann könnte es weit gehen. Denn kicken können die Jungs ja. Keine Frage, Frankreich ist bei dieser EM der große Favorit. Der Kader ist bis auf eine Ausnahme gut aufgestellt. Anstelle von Musiala hätte ich Wirtz mitgenommen.“

Perseus Knab, Sportlicher Leiter des SV Weil: „Ich glaube nicht, dass Deutschland unter die letzten Vier kommt. Andere Nationen sind da stärker. Die Franzosen sind gut im Strumpf, aber auch Italien und England traue ich den Titel zu. Es ist gut, dass Löw über seinen Schatten gesprungen ist und Müller und Hummels mitgenommen hat.“

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