Fußball „Mir fehlen der Rasen und das Team“

Nachdenklich: Tiziano Di Domenico, Coach des FC Wittlingen.Foto: Grant Hubbs Foto: Die Oberbadische

Er hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, auch wenn er damit gerne einmal aneckt. Verbiegen ist allerdings nicht seine Sache. Ab und an kochen die Emotionen (zu) hoch. „Da bin ich im Nachhinein nicht immer mit mir einverstanden“, ist Tiziano Di Domenico, langjähriger Kicker und Fußballtrainer, ehrlich.

Wittlingen. Sein Blick geht über die Spielfeldbegrenzungen hinaus. Auch in Zeiten der Corona-Krise hat der 49-Jährige seine persönlichen Ansichten. Dabei blickt er mit Schrecken in sein Heimatland Italien. Unser Redakteur Mirko Bähr hat sich mit Tiziano Di Domenico unterhalten.

Frage: Herr Di Domenico, kürzlich feierten Sie ihren 49. Geburtstag. Wobei an Feiern ja nicht zu denken war. Auf jeden Fall war es ein Geburtstag, an den Sie sich noch lange erinnern werden, oder?

Das ist wohl wahr. Die derzeitige Situation fühlt sich doch sehr komisch an, irgendwie unwirklich. Ob nun im Beruf, privat oder im Sport. Für mich, meine Generation und die danach ging es immer nur bergauf. So eine Krise habe ich noch nie erlebt. Das stimmt mich nachdenklich. Wir müssen uns fragen, was unser Handeln für Konsequenzen nach sich zieht. Vieles ist überflüssig.

Frage: Wie meinen Sie das?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Wenn ich nach Italien zu meiner Familie fahre, dann gehe ich traditionell auch immer shoppen. In einem Outlet schaue ich nach Sneakers. Jedes Mal bringe ich neue Schuhe mit nach Hause. Dann hat man zehn Paar im Schrank. Aber muss das denn sein? Irgendwie ist das zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Das ist ein echt banales Beispiel. Da gibt es bestimmt viel wichtigere, bei denen man sich dann die Frage stellt oder stellen sollte, ob man da auf dem richtigen Weg unterwegs ist. Schuldzuweisungen zu machen und mit dem Finger nun auf andere zu zeigen, das sind die üblichen Reflexe einer reichen Welt.

Frage: Wie lief Ihr Geburtstag denn ab?

Das war ein sehr schlichter Tag. Das Telefon stand aber nicht still. Das hat mich gefreut. Am Morgen habe ich beim Bäcker einen Nuss- und Quarkzopf geholt und bin zur Arbeit gefahren. Abends habe ich dann etwas Leckeres gekocht. Spontanbesuche auf ein Glas Wein gab es keine. Leider. Dieser soziale Kontakt fehlt mir. Sich mit Kollegen und Freunden zusammenzusetzen, ist nicht drin. Eine Videotelefonie kann das nicht 1:1 ersetzen. Ich glaube, diese Distanz kann zu einer großen Belastung für die Menschen werden.

Frage: Gehen Ihnen die Einschränkungen zu weit?

Generell gesagt bin ich schon der Ansicht, dass wir bisher großes Glück hatten, dass uns die Pandemie nicht so hart getroffen hat. Das liegt sicherlich auch daran, dass die deutsche Regierung gut und angemessen reagiert hat. Natürlich kann man nicht alles richtig machen, schon gar nicht allen.

Frage: Erste Lockerungen gibt es bereits. Weitere sollen folgen. Wie finden Sie das?

Ab und an habe ich den Eindruck, dass bei diesem schönen Wetter so mancher Zeitgenosse schon vergessen hat, wo wir vor einigen Wochen standen. Das sollte man bei allen Diskussionen nicht vergessen. Klar tun mir der Handel und die Gastronomie leid bei all den Einschränkungen. Da geht es um Existenzen. Und ich verstehe auch, dass sich so manche Unternehmen ungerecht behandelt fühlen und sich zurecht fragen: Warum darf der öffnen und ich nicht? Aber soweit ich es verstehe, geht es bei allen Einschränkungen darum, Kontakte so gering wie möglich zu halten, und dass nicht Herden durch die Innenstädte galoppieren. Das ist ein schwieriger Abwägungsprozess.

Frage: Geht es Ihnen zu forsch?

Teilweise schon. Vor allem empfinde ich das so, wenn die Voraussetzungen noch gar nicht gegeben sind und solche Maßnahmen unvorbereitet in Kraft treten. Ich bin schon der Auffassung, dass man lieber auf Nummer sicher gehen sollte. Das Schlimmste wäre doch, wenn wir, wie viele Virologen warnen, wieder alles runterfahren müssten. Der Virus, das muss man deutlich sagen, ist nicht verschwunden. Und dieser ist auch für Virologen Neuland. Sie sagen ja selbst, dass sie immer weiter dazu lernen. Ich höre ihnen gerne zu. Aber derzeit äußern sich auch viele Menschen dazu, auch viele, die keine Ahnung haben. Manchmal kommt es mir vor, dass es früher 80 Millionen Bundestrainer gab und jetzt 80 Millionen Virologen.

Frage: Mit großem Schrecken schauen Sie regelmäßig nach Italien, oder?

Ich stehe im täglichen Kontakt mit meinen Eltern, meinem Bruder und Verwandten. Und im Vergleich zu Italien haben wir auch in den vergangenen Wochen ein freies Leben führen können. Jetzt dürfen die Italiener wieder spazieren gehen. Das war wochenlang verboten. 500 Meter vor die Tür, um mit dem Hund Gassi zu gehen, oder in den nächsten Supermarkt, mehr war nicht erlaubt. Ich schaue deshalb auch immer, wie es anderen Nationen geht. Und was die Konsequenzen sind, wenn es explodiert. Wir haben hier viel Disziplin geübt, das ist richtig. Aber beim Anblick der vielen Militärlaster, die die Leichen in Bergamo abtransportierten, ist mein Blick sehr geschärft worden. Da muss ich schon den Kopf schütteln, wenn sich der eine oder andere wieder aus der Verschwörungsecke hervor traut und erklären will, wer so alles was mit uns veranstalten will. Das ist schon bedenklich. Ich weiß, wie viele Menschen auch in Italien unter diesem Virus extrem leiden, so dass ich den Unmut hier nicht immer ganz nachvollziehen kann. Wichtig ist, dass wir aus den Geschehnissen im Nachgang lernen und Fehler vermeiden.

Frage: Der Schwenk hinüber zum Sport ist nun schwierig. Aber auch der Fußballsport hat mit der Corona-Pandemie schwer zu kämpfen?

Der Amateurfußball spielt in der Gesamtbetrachtung der Krise sicherlich eine eher kleine Rolle. Aber der Fußball beziehungsweise der Sport im Allgemeinen sind wichtig für das gesellschaftliche Leben. Genauso wie Musikkonzerte, Kino oder Theater. Das fehlt alles. Das bringt psychologische Probleme mit sich. Ein anderes Thema ist die häusliche Gewalt. Unser normales Leben pausiert. Alles wird für die Gesundheit untergeordnet. Experimente sind da meiner Meinung nach tabu. Denn wenn diese schief gehen, haben wir nicht Geld, sondern Menschenleben verloren.

Frage: Fehlt Ihnen der Fußball?

Klar. Mir fehlen der Rasen, das Team, der Wettkampf und das Training. Es ist krass. Zu Beginn der Pause hatte es sich so angefühlt wie nach einem regulären Ende der Saison. Das ist jetzt aber längst nicht mehr so. Die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Pause sind wohl gering. Das ist sehr schade, gerade aus unserer Sicht.

Frage: Der FC Wittlingen war auf dem besten Weg zur Meisterschaft...

Ich sage es mal so: Wir hätten gerne die 13 Spiele gemacht. Der Start aus der Winterpause war ja geglückt. Der FC Erzingen und der FC Zell hatten verloren, und wir besiegten Efringen mit 3:0. Das war ein schwerer Brocken. Aber meine Mannschaft hat die beste Saisonleistung gezeigt. Das zeigt, dass die Jungs unbedingt wollten. Noch immer sind sie fleißig, scharren mit den Hufen, fragen immer wieder, ob wir neue Infos haben.

Frage: Wir wollen es nicht verschreien. Aber die Bezirksliga könnte eine Art Albtraum-Liga für Sie werden.

Das wollen wir nicht hoffen. Aber es scheint, dass Bezirksliga und „Tizi“ schlechtes Karma aufweisen. Mit einer Top-Mannschaft, der Weiler Reserve nämlich, holten wir den Titel, durften dann aber nicht aufsteigen, weil die Erste in die Landesliga runterkam. Im Jahr darauf gab es keine Relegation. Als Zweiter wären wir wieder direkt hoch. Und wieder wurde es nichts, weil die Weiler Erste in der Landesliga hängen blieb. Und jetzt? Wobei, soweit ist es noch nicht, zumal Waldshut die Stärke besitzt, alle restlichen Spiele erfolgreich zu gestalten. Beim FC Wittlingen bin ich im vierten Jahr. Erst wurden wir Sechster, dann Dritter, dann nochmals Dritter und Bezirkspokalsieger. Wir haben uns kontinuierlich entwickelt, fleißig am Kader gebastelt. Da steckt mehr als ein paar Monate Arbeit drin.

Frage: Was glauben Sie, wann geht es weiter? Geht es überhaupt weiter?

Zu Beginn der Pandemie war ich dafür, die Saison abzubrechen, egal, wie dann die Regelungen auch aussehen. Meine Meinung hat sich aber etwas geändert. Denn: Kann jemand ein Datum nennen, wann wir die neue Saison anfangen können? Impfstoffe soll es im Laufe des kommenden Jahres geben. Ein Medikament eventuell früher. Bis dahin wäre es wohl besser, man friert die laufende Runde ein, ehe man eine Entscheidung trifft, obwohl wichtige Grundlagen fehlen. Ich würde dafür plädieren, die Saison 19/20 bis in den Sommer 2021 zu nehmen. Bis dahin sollten wir doch die restlichen Partien absolvieren können. Dann gäbe es Aufsteiger und Emotionen. Wir treten die neue Saison einfach in die Tonne. Das tut keinem weh. Wir nehmen uns die Zeit. Etwas Neues anzufangen, macht doch keinen Sinn, wenn der Zeitpunkt der neuen Spielzeit noch in den Sternen steht.

Frage: Was halten Sie eigentlich davon, die Bundesliga wieder beginnen zu lassen?

Da bin ich hin und her gerissen. Die Deutsche Fußball-Liga hat wohl ein gutes Konzept hingelegt, aber wie sieht es mit den Ressourcen aus, um ausreichend Tests durchzuführen? Der breiten Bevölkerung wird eine gewisse Disziplin auferlegt, Gastronomen gehen pleite, und auf der anderen Seite wird gekickt. Das fühlt sich irgendwie falsch an. Andererseits bietet die Bundesliga eine gewisse Abwechslung. Ich sehe einen Bundesligastart eher kritisch.

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