Fußball „Sie hat mir Knoten in die Knie gelaufen“

Schuhe binden, und ab die Post: Mittelfeldspielerin Martina Linder im Trikot des TuS BinzenFotos: zVg Foto: Die Oberbadische

50 Jahre Frauenfußball: Am 31. Oktober 1970 hat der Bundestag des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB) in Travemünde das Verbot nach 15 Jahren aufgehoben. Den angeschlossenen Vereinen war es untersagt, Frauenabteilungen zu gründen oder Sportstätten zur Verfügung zu stellen.

Eimeldingen/Binzen. Die Begründung im Jahr 1955: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ Dennoch ließen sich die Frauen nicht unterkriegen. Dafür wurden sie lange Zeit belächelt, teilweise sogar beleidigt. In Travemünde dann die Wende. Der DFB erlaubte den Frauenfußball wieder offiziell.

In der Saison 1990/1991 wurde die Bundesliga aus der Taufe gehoben. 20 Mannschaften, aufgeteilt in eine Nord- und eine Süd-Gruppe, machten mit. Darunter auch der TuS Binzen als Vertreter Südbadens. Mit dabei Martina Linder aus Eimeldingen. Wie sie bereits in frühen Jahren den Bolzplatz unsicher, später bei Grümpelturnieren auf sich aufmerksam machte, und wie ein Dorfklub plötzlich den FC Bayern München zu Gast hatte, darüber spricht sie mit unserem Sportredakteur Mirko Bähr.

Frage: Fußball statt Puppen: Was ist da bloß schiefgelaufen, Frau Linder?

Das weiß ich auch nicht. Mit Puppen konnte ich noch nie etwas anfangen. Ich wollte schon immer kicken. Aber bis ich auf dem Bolzplatz hinter der Wollbacher Schule mitmachen durfte, musste ich erst einige Kerle in den Schwitzkasten nehmen. Damit habe ich mir dann den nötigen Respekt verschafft. Wie alle Neuen, die mitkicken wollten, musste ich erst einmal ins Tor. Ich glaube, ich war das einzige Mädchen.

Frage: Sie hielten nichts von typischen Mädchensachen?

Viele Mädels malen gerne, spielen Prinzessin oder wünschen sich ein Pferd. Ich wollte mit Jungs spielen, ich bin auf Bäume geklettert, auf Dächern balanciert oder eben auf dem Bolzplatz gewesen. Es war klar, dass dort nach der Schule rumgebolzt wird. Irgendwann haben die Jungs gemerkt, dass ich ja auch bolzen kann.

Frage: Sie sind eine waschechte Straßenkickerin?

So kann man das wohl nennen. Wir haben gerne auf das Scheunentor der Nachbarn geschossen. Das hat immer richtig gedätscht. Nach zwei Stunden beschwerte sich die Nachbarin. Wir mussten aufhören und bei uns im Hof weiter kicken. Aber unser Tor war nur halb so gut. Deshalb sind wir nach einer halben Stunde wieder rüber.

Frage: Irgendwann wurde der TuS Binzen auf Sie aufmerksam?

Mein Vater hat mich immer zu Grümpelturnieren mitgenommen. Wenn ein Spieler ausgefallen ist, durfte ich mitkicken. Ich habe gerne gedribbelt, den einen oder anderen Kerl umkurvt.

Frage: Das hat den Herren der Schöpfung nicht so in den Kram gepasst, oder?

Klar. Die waren nicht so erfreut darüber. Aber sie waren nicht unfair oder so. Das eine oder andere Mal hatte ich jedoch ein blaues Schienbein, weil ich doch etwas unsanft getroffen wurde. Der eine oder andere konstatierte dann schon, dass ich ja nicht nur geradeaus laufen könnte. Das hat auch Binzens Trainer Gerhard Böhringer so gesehen. Er hat mich angesprochen und gefragt, ob ich nicht nach Binzen kommen möchte. Ich habe gar nicht gewusst, dass es überhaupt Damenfußball im Verein gibt. Am 26. Juni 1980 bin ich als 15-Jährige dem TuS beigetreten.

Frage: Fußball war ein reiner Männersport, oder?

Frauen und Mädchen haben, wenn sie überhaupt mal gekickt haben, an Grümpelturnieren teilgenommen. Da stand der Plausch im Vordergrund. Da traten die Teams mit Kappen, Schal und Nachthemd an. Das hat Spaß gemacht, aber ich habe gemerkt, dass ich es ambitionierter haben wollte.

Frage: Beim TuS Binzen gab es eine Damenmannschaft.

Schon seit 1975. Zusammen mit Schliengen und dem VfR Rheinfelden war das eine echte Ausnahme bei uns in der Region. Es gab eine Damenliga. Wir mussten nach Freiburg, nach Titisee-Neustadt oder bis nach Stockach fahren. Wir hatten zweimal die Woche Training. Teddy Böhringer war unser Coach, wir waren so 13, 14 Spielerinnen.

Frage: Da durfte aber niemand ausfallen.

Das ist immer wieder mal passiert. Ich weiß noch, wir sind einmal in den Schwarzwald gefahren, waren zu siebt oder zu acht, weil drei Mädels an eine Konfirmation mussten. Wir haben dem Schiri und dem Gegner erzählt, dass noch drei Teammitglieder kommen würden, aber wohl im Stau steckten. Uns war klar, dass niemand mehr kommt. Aber wir wollten kicken. Der Schiri meinte immer wieder, wenn sich eine von uns verletzen würde oder Rot sehe, müsse er das Spiel abpfeifen, weil wir dann zu wenig wären. Das passierte aber nicht. Wir haben nur 0:3 verloren, doch die Zuschauer der Heimmannschaft waren auf unserer Seite. Wir haben gekämpft und gerackert.

Frage: Apropos Zuschauer. Da gab es bestimmt auch Leute, die dumme Kommentare rausgelassen haben.

Wir Frauen sind oft belächelt worden. So manch einer hatte eine dumme Klappe. Die Sache mit dem Trikottausch wurde immer wieder rausposaunt. Wir haben nur müde den Kopf geschüttelt und nicht groß rumdiskutiert. Das bringt nichts. Wir wollten die Antwort auf dem Platz geben und haben weitergekickt. Uns hat das einfach viel Spaß gemacht. Wir wollten alle kicken, einfach nur kicken. Ob das nun die Liesel Lenz war, die im Tor stand, oder Rita Prick, Gaby Drephal oder Susi Kunimünch. Wir wollten Fußball spielen und vielleicht auch besser werden. Anfangs haben wir oft verloren, sind immer knapp am Abstieg vorbeigeschrammt.

Frage: Dann wurde es besser?

Wir haben trainiert und gemerkt, dass wir uns immer besser anstellten. Irgendwann sind wir Meister geworden. Und da jeder Landesverband seinen Titelträger zur K.o.-Runde um die Deutsche Meisterschaft geschickt hat, bekamen wir es plötzlich in Runde eins mit Hamburg-Harburg zu tun. Das war im Jahr 1986. Das Hinspiel ging im hohen Norden über die Bühne. Und wir haben gewonnen, genauso wie das Rückspiel zuhause in Binzen. Somit standen wir in Runde zwei und mussten dann gegen Saarbrücken den Kürzeren ziehen.

Frage: 1990 wurde die Bundesliga eingeführt. Und der TuS Binzen spielte plötzlich im Konzert der Großen mit.

Wir wurden in der Saison 1989/90 Erste in der Damenliga. Jeder Meister eines Landesverbandes machte mit. Es gab eine Nord- und Südgruppe. Wir mussten uns an die Statuten der Bundesliga halten. Das hieß zum Beispiel, dass wir den Platz in Binzen erst einmal verbreitern mussten, um überhaupt die Mindestmaße zu erreichen. Sonst hätten wir ja gar nicht mitkicken dürfen. Der damalige Bürgermeister Uli May ging auf Sponsorensuche. Es wurde Geld eingesammelt, so dass wir uns einen Bus für die Auswärtsfahrten leisten konnten. Geld für die Spielerinnen gab es keines. Wir haben gekickt, weil es Spaß gemacht hat.

Frage: Sie selbst hatten eigentlich schon ihr Karriereende verkündet.

Das stimmt. Eine schwere Arthrose war der Grund. Ich hatte starke Schmerzen. Mein Arzt sagte mir, dass ich, wenn ich damit kein Geld verdiene, unbedingt aufhören solle. Also hängte ich die Kickschuhe mit nur 25 Jahren an den Nagel. Dann aber saß ich vor dem Start in die Bundesliga-Saison in Böhringers Küche und ließ mich überreden. Ich wollte die Mannschaft auch nicht im Stich lassen. Damit ich irgendwie mithalten konnte, ging ich dreimal die Woche auch noch schwimmen und radfahren. Nach den Spielen war es kaum auszuhalten. Ich habe Moorkissen in unserem Backofen heiß gemacht und auf die schmerzenden Stellen gelegt. Mein Mann fand das alles gar nicht lustig. Bis zum Ende der Vorrunde habe ich es versucht, dann ging es nicht mehr. Die Schmerzen waren einfach zu groß.

Frage: Erinnern Sie sich noch an das erste Bundesliga-Spiel?

Klar. Wir mussten zum FSV Frankfurt und haben uns ein 0:5 abgeholt. Da spielte eine gewisse Katja Bornschein mit. Die war ziemlich bekannt, war dann Nationalspielerin und wurde Europameisterin 1991. Sie war meine Gegenspielerin und hat mir so einige Knoten in die Knie gelaufen.

Frage: Da gibt es doch die eine oder andere Anekdote?

Natürlich. Unser Coach Teddy Böhringer hatte keinen A-Schein. Aber nur Übungsleiter mit entsprechender Lizenz durften in der Bundesliga an der Linie stehen. Franz-Josef Stilkenbäumer, der die erste Männer-Mannschaft des TuS coachte, hatte einen A-Schein. So trugen wir also seinen Namen auf den Spielberichtsbogen ein. An der Linie coachte aber weiterhin Böhringer. Nach dem Spiel in Frankfurt kam ein Reporter auf das Feld gelaufen und rief nach Herrn Stilkenbäumer. Teddy hat das erst gar nicht realisiert.

Frage: Noch heute wird von der riesigen Zuschauerkulisse bei den TuS-Heimspielen geschwärmt.

Das war der Hammer. Im ersten Heimspiel ging es gegen Bayern München. Mehr als 1500 Zuschauer wollten dabei sein. Ein tolles Erlebnis. Die Leute im Dorf sind dem Bayern-Bus hinterhergerannt. Da war ein Auflauf. Ein echter Höhepunkt, auch wenn wir 2:0 verloren haben.

Frage: Der Erfolg des TuS war eher bescheiden.

Wir hatten schlicht und einfach die schwächste Mannschaft. Da muss man ehrlich sein. Es wäre so schön gewesen, wenn wir die besten Spielerinnen der Region hätten zusammenbringen können. Ich denke da unter anderem an Nicole Fischer von den Sportfreunden Schliengen, die damals hier die Stürmerin schlechthin war. Aber es hat nicht geklappt. Niemand wollte nach Binzen. Das Konkurrenzdenken war zu groß. Eigentlich ganz schön bekloppt, wenn man heute zurückblickt.

Frage: Es ging wieder runter.

Wir haben nur zwei der 18 Spiele für uns entscheiden können. Gegen den VfL Ulm/Neu-Ulm und gegen Sindelfingen gewannen wir 3:0. Drei weitere Unentschieden kamen dazu. Wir wurden mit neun Punkten Letzter in unserer Gruppe. Die anderen Klubs waren viel stärker. Wir waren ein kleiner Dorfverein, der dieses Abenteuer Bundesliga in Angriff genommen hatte.

Frage: Schauen Sie gerne Frauenfußball?

Ja. Die Mädels spielen einen tollen Fußball. Es ist alles nicht so athletisch und schnell wie bei den Männern, aber das darf und soll man ja auch nicht immer vergleichen. Die Bayern oder auch die Wolfsburgerinnen spielen sauberen, gepflegten Fußball. Bei uns früher war das alles langsamer. Wir waren weder athletisch noch technisch so ausgebildet worden, wie das heute der Fall ist. Dafür war alles unbefangener, viel familiärer. Einfach anders. Damals, als wir in der K.o.-Runde in Hamburg antraten, haben wir am Tag vor dem Spiel mit den Gastgeberinnen eine Führung durch die Hansestadt gemacht, eine Brauerei und natürlich die Reeperbahn besichtigt.

Frage: Wie finden Sie, dass der DFB das 50-jährige Jubiläum des Frauenfußballs so in den Blickpunkt stellt?

Ich finde es gut. Es ist notwendig, Öffentlichkeit herzustellen. Es gibt immer weniger Mädchen, die kicken. Häufig bringen die Vereine keine Teams mehr zusammen. Oftmals scheitert es nicht an interessierten Mädels, sondern an den Eltern. Die mögen es nicht, wenn die Kleine dreckig wird und die Klamotten schmutzig macht. Die sind der Meinung, Fußball sei nur etwas für Jungs. Das war damals Käse und ist es heute noch.

Frage: Besteht noch Kontakt zu den früheren Teamkolleginnen?

Natürlich. Am 23. Oktober wollten wir uns eigentlich wieder treffen. Gaby Drephal organisiert das alles. Zweimal im Jahr kommen wir zusammen. Heidi Miss reist dann aus Berlin an. Es wird viel gequatscht. Aber nicht nur über unsere gemeinsame Vergangenheit.

Zur Person: Martina Linder ist 55 Jahre alt, großer Fußball-Fan und drückt dem SC Freiburg beide Daumen. Sie und ihr Mann „Spezi“ Linder waren jahrzehntelang treibende Kräfte beim TuS Binzen. Die Mutter eines erwachsenen Sohnes spielt Trompete im Musikverein Wollbach und wandert gerne.

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