Fußball Viel Dusel bei Achterbahnfahrt

Wird von seinen Jungs fast ganz alleine im Regen stehen gelassen: Bundestrainer Joachim Löw kommt mit seinem Team nach einer schwachen Leistung gerade so ins Achtelfinale der EM. Foto: Christian Charisius/dpa Foto: Die Oberbadische

Puuhhhhhh! Das war knapp. Mit Hängen und Würgen hat Deutschland ein 2:2 gegen Ungarn erreicht und damit das Ticket für das EM-Achtelfinale gelöst. Was für ein Krampf. Schön war es nun wirklich nicht. Aber am Ende schlägt Rang zwei dieser Hammergruppe F zu Buche. Die DFB-Elf stand vor dem Aus, dann netzte der eingewechselte Leon Goretzka ein.

Lörrach. Es war das große Zittern. Wieder war es alles andere als schön, was die Deutschen da auf den nassen Rasen des Münchener Stadions brachten. Die Ungarn erwiesen sich als harter Brocken. Immerhin. Der Wille stimmte bei den Jungs von Bundestrainer Jogi Löw. Wie haben unsere Fußballkenner dieses Spiel erlebt? Wie groß war die Freude nach dem Schlusspfiff? Unser Sportredakteur Mirko Bähr hat sich umgehört.

Perseus Knab (langjähriger Sportchef des Verbandsligisten SV Weil): „Was für eine Achterbahnfahrt. Damit hatten wohl die wenigsten gerechnet. Und ich sicher auch nicht“, macht Knab deutlich. „Dass die Ungarn in Führung gegangen sind, war Gift für unser Spiel. Und Petrus war dann auch nicht auf unserer Seite. Das Wetter war prädestiniert für eine Abwehrschlacht.“

Es sei keine Inspiration im deutschen Spiel gewesen, von der gegen Portugal so auftrumpfenden Offensivabteilung sei nichts mehr zu sehen gewesen. „Leroy Sané erwischte einen rabenschwarzen Tag und hatte sowohl offensiv als auch defensiv nichts zu bieten.“ Positiv überrascht habe ihn Jamal Musiala. „Besser kann man es in zehn Minuten Spielzeit nicht machen.“ Und auch Goretzka habe nach seiner Einwechslung einen guten Job erledigt. „Er ist nun sicher ein Kandidat für die Startelf.“

Knab freut sich über das Weiterkommen. Auch wegen Joachim Löw. Der Bundestrainer hätte einen solchen Abgang sicherlich nicht verdient gehabt.

Marina Schulz (Jugendtrainerin sowie langjährige Funktionärin beim FC Hauingen und im Fußballbezirk): „Ich freue mich sehr über den Einzug in die K.o.-Runde. Aber die Elf von Jogi Löw hat wirklich viel Dusel gehabt“, meint Schulz. Bei einem solchen Spiel ab der elften Minute einem Rückstand hinterherhecheln zu müssen, mit dem Wissen, dass einem ein Ausgleichstreffer reiche, sei schon sehr bitter.

„Den Jungs fehlte die Bewegung. Niemand suchte die Räume, kaum Einfälle waren zu sehen.“ Mit ein paar Doppelpässen wären sie hinter die Abwehr gekommen. „Der Ball wurde aber viel zu oft vor dem gegnerischen Strafraum verloren, weil der ein oder andere Spieler alleine durch vier Ungarn laufen wollte oder einen Fehlpass spielte.“

Die Ungarn hätten diesen Sieg viel mehr als die deutsche Elf gewollt. Zumindest habe es so ausgesehen. „Es ist enorm wichtig, sich auf dem Platz gegenseitig zu stärken und zu pushen.“

Dass die Konzentration nach einem wichtigen Ausgleichstreffer für einen Moment nicht mehr vorhanden ist, das ist bei Amateurfußball zu verkraften, aber nicht bei einer Europameisterschaft“, findet Schulz deutliche Worte. Ein Gegentor und somit ein erneuter Rückstand nach einem Anstoß innerhalb von nur wenigen Sekunden nach dem Ausgleich zu erhalten, ist nicht akzeptabel.“

Und, stellt Schulz vor dem Achtelfinale fest: „Wenn die DFB-Elf bei diesem Turnier ins Finale möchte, muss sie noch eine Schippe drauf legen. „Als Strafe und Motivation zugleich sollten die Spieler das Match gegen Ungarn nochmals anschauen. Mit England habe Deutschland wieder einen motivierten Gegner. „Ich bin gespannt, ob auswärts im Wembleystadion mehr Ehrgeiz zu sehen ist.“

Jörg Steinebrunner (Ex-Jugend-Nationalspieler und langjähriger Profi-Trainer in Asien): „Diese Leistung war genau das Gegenteil vom Portugal-Spiel. Keine Kompaktheit, und auch die Leidenschaft hat gefehlt.“ Man habe vielmehr den Eindruck gehabt, dass die deutschen Kicker meinten, dass es irgendwie schon mit dem Weiterkommen klappen werde. „Einige haben sehr enttäuscht. Sie haben ihre Qualität nicht auf den Platz gebracht und auch die Bereitschaft, hart gegen den Ball zu arbeiten und nach Ballverlust nachzusetzen, vermissen lassen.“

Musiala war der einzige Lichtblick. „Der Junge hat mit Übersicht, guter Technik und mit Leidenschaft gespielt, und er hat nicht umsonst das 2:2 vorbereitet“, findet Steinebrunner.

Gegen England müsse nun eine deutliche Leistungssteigerung kommen. „Sonst wird es ganz, ganz schwer.“

Ralf Brombacher (Ex-Fußballer und Obmann der Schiedsrichter des Verbandes): „Es hing am seidenen Faden. Unverständlich, wie man nach so einem guten Spiel so ein mühsames Rumgewürge zustande bringt. Unglaublich“, blickt Brombacher nur ungern auf das Ungarn-Match zurück.

Er glaube nicht, dass die Mannschaft diese Aufgabe zu locker angegangen sei. „Aber ich habe das Gefühl, die Jungs sind viel zu ideenlos. Es scheint, als haben sie keinen Plan und verfügen über keine Mittel, um Mannschaften, die tief stehen und mit zwei Abwehrketten agieren, ins Wanken zu bringen.“ Diese Ideenlosigkeit müsse sich auch Löw ankreiden lassen. „Gegen solche Gegner müssen wir immer zittern.“

Am Ende sei aber der Einzug ins Achtelfinale geschafft worden. „Wenn uns einer vor der EM gesagt hätte, dass wir in dieser Gruppe Zweiter werden, hätten wir das sofort unterschrieben“, erklärt Brombacher. Darum gelte es jetzt nach so einem schlechten Spiel den Mund abzuputzen. „Jetzt steht die K.o.-Runde auf dem Programm.“ Die Deutschen sollten nach vorne schauen. „England wird nicht einfach, aber es gibt bei einer EM keine einfachen Gegner.“

Wichtig sei nun, dass Löw an der Personalschraube drehe. „Sané war eine große Enttäuschung. Sein Eckball, der weit ins Aus fliegt, war symptomatisch für seine Leistung. Er hat wie ein Fremdkörper gewirkt, irgendwie lustlos“, hält Brombacher fest. Auch Ilkay Gündogans Zeit in der Nationalmannschaft sei abgelaufen. „Jetzt muss er Goretzka bringen“, fordert Brombacher. Und Robin Gosens? „Es wird halt wieder einmal klar, dass man nach einem guten Spiel noch lange kein Weltklasse-Linksverteidiger ist. Er hatte gegen Ungarn keine einzige gute Aktion.“

Bernd Seifert (langjähriger Spieler und Trainer bei Vereinen im Bezirk): „Es war ein glückliches Weiterkommen. Respekt an Ungarn. Man hat deutlich gesehen, dass, wenn man gegen diese Mannschaft nicht früh in Führung geht, man im weiteren Verlauf ein schweres Spiel vor der Brust hat“, sagt Seifert. Der Wille bei der deutschen Elf sei sicher vorhanden gewesen, aber die Gier, die Körpersprache, hätten total gefehlt.

„Die Außenbahnen wurden zugestellt, dann war da nur noch Hilflosigkeit zu sehen. Unsere Offensive war nicht vorhanden, Kein Umschaltspiel, kein Tempo“, lässt er kein gutes Haar. Nun hoffe er, dass auch Löw gesehen habe, das Goretzka dringend gebraucht werde. „Erschreckend für mich war, das fast die ganze Elf blass blieb.“

Seifert: „Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Am Dienstag wird es wieder ein komplett anderes Spiel geben, da England die klassische Viererkette spielt. Da wird es mehr Platz für uns geben, den es dann auszunutzen gilt. Mehr Temperament wünsche ich mir im übrigen auch von Jogi an der Linie.“ Vielleicht wäre es nun auch angebracht, Joshua Kimmich und Goretzka ins Mittelfeld zu stellen.

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