Grenzach-Wyhlen Den Dingen einen Mehr-Wert geben

Sonja Eisele in ihrem Arbeitszimmer zwischen Babywiege und „Visionboard“. Auf dieser Schautafel plant sie ihre Berufs- und Lebensziele in kleinen und großen Schritten. Foto: Willi Vogl

Grenzach-Wyhlen - Gibt es nicht bereits genügend Börsen, in denen man alltägliche Dinge, persönliche Preziosen, aber auch Dienstleistungen unterschiedlichster Art tauschen oder verschenken kann? Die in Wyhlen lebende Sonja Eisele hat hier nicht das passende Format gefunden und daher zusammen mit weiteren fünf Mitstreitern aus dem süddeutschen Raum die Online-Börse „Mehr-Wert-Deutschland“ gegründet.

Die studierte Verlagskauffrau war kurzzeitig als Mediendienstleisterin tätig und ist aktuell in Elternzeit. Ihr derzeitiges Masterstudium Wirtschaftspsychologie lasse sich passgenau mit ihrer Start-up-Konzeption verbinden, berichtet die 28-Jährige im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Willi Vogl.

Frage: Frau Eisele, wie würden Sie sich selber bezeichnen? Was machen Sie eigentlich?

Als kreative Initiantin für ein nachhaltiges Start-up. In der Aktion Mehr-Wert koordiniere ich die einzelnen Aktivitäten. Allerdings ist mein Hauptjob aktuell die Elternzeit.

Frage: Worum geht es im Projekt Mehr-Wert?

Das Ganze ist eine freche Aktion. Der Mehrwert soll aus bestehenden Ressourcen kreiert werden. Wir möchten neben den Plattformen, die es per App schon gibt, eine Plattform schaffen, um Tauschen und Verschenken attraktiver zu machen. Wir wollen dabei in den Bereich Sharing-Economy gehen. Hier gibt es noch eine Menge Aufklärungsarbeit zu leisten nach dem Motto: „Hey, Leute, ihr müsst nicht alles neu kaufen, sondern könnt aussortierte, funktionierende Dinge von euren Nachbarn weiter nutzen.“

Frage: Wer ist „wir“?

Die Idee stammt von mir, jedoch gibt es eine Reihe von Mitstreitern. Den Kern bilden fünf Personen, die das Projekt kontinuierlich weiterentwickeln.

Frage: „Nachhaltigkeit“, „Klimaschutz“ oder „Schonung der Ressourcen“ rückte in den vergangenen Jahren zunehmend ins Bewusstsein. Was ist Ihr Leitgedanke im Zusammenhang mit der neuen Tausch- und Schenkbörse?

Übergeordnete Orientierung für unser Handeln bietet der „Earth-Overshoot-Day“, der Weltüberlastungstag, der Tag im Jahr, an dem die Ressourcen des jeweiligen Jahres aufgebraucht sind beziehungsweise bis zu dem die Ressourcen erneuerbar wären. Letztes Jahr war dieser Tag der 22. August. Dieser Tag rückt jedes Jahr immer weiter vor und sollte sich doch wenigstens am Jahresende befinden.

Indem wir uns gegenseitig beschenken oder tauschen, vermeiden wir effektiv Müll, fördern die Nachbarschaftshilfe und unterstützen vielleicht auch den lokalen und regionalen wirtschaftlichen Stand. Dabei wollen wir auch darauf achten, dass Sharing-Economy nicht zu sehr kapitalistischen Grundsätzen folgt, also weg vom Wachstumsdenken, das sich allzu einseitig am Bruttoinlandsprodukt orientiert.

Hier gibt es bereits Bemühungen wie etwa die der Suchmaschine Ecosia, die Spendengelder für weltweite Baumpflanzungen generiert. Noch sind wir regional aufgestellt, es gibt Kontakte mit dem Familienzentrum Rheinfelden und FairNetzt Lörrach, und in Tübingen sind ebenfalls ein paar Mitstreiterinnen unterwegs. Eine nationale oder internationale Ausweitung wäre schön.

Frage: Was ist bis jetzt gelaufen?

Am Samstag, 6. Februar, fand über www.mehr-wert- deutschland.de unser Online-Flohmarkt statt. Da konnte man tauschen, verschenken oder etwas zu einem Kleinstbetrag auch verkaufen. Wenn sich die Interessenten einig waren, konnte dies auch zum persönlichen Kontakt führen.  Deshalb begleiteten wir das Ganze auch mit einem Zoom-Call.

Nach Corona würden wir das Format jedoch eher auf einen „echten“ Flohmarkt übertragen. Weitere wichtige Verbreitungskanäle sind www.instagram.com/mehr_wert_ deutschland, www.facebook. com/mehrwertdach und natürlich unser eigener Blog www.mehr-wert- deutschland.de. Wir nutzten das, was es bereits gibt, und sind hier als Mehr-Wert vertreten.

Frage: Was hat denn dagegen gesprochen, sich einfach nur in eine der bereits bestehenden Börsen einzuklinken?

Die haben wir teilweise ausgetestet. Allerdings erhalten wir etwa bei Ebay-Kleinanzeigen zu wenig Rückmeldungen. Sie haben aktuell schon noch einen stärker kommerziellen Fokus und eine etwas andere Klientel. Gern beziehen wir jedoch alle Tauschbörsen mit vergleichbaren Zielen mit ein.

Wir wollen unser Angebot und unsere Kommunikation so ausrichten, dass Schenken und Tauschen einfach und alltagstauglich wird. Das Grundproblem ist derzeit, dass unser Ansatz noch zu unbekannt ist beziehungsweise zu teuer oder zu kompliziert erscheint.

Frage: Was steht nun an?

Unser zweites großes Projekt ist eine für Nutzer kostenfreie Tausch-Applikation. Das Crowdfunding dafür läuft am 1. März an. Wir wollen unsere App so aufbauen, dass man beispielsweise in der Bahn von Lörrach nach Basel Informationen zu Tausch- und Schenkwilligen erhält, um etwa auf dem Nachhauseweg von der Arbeit den Gegenstand einzutauschen, den man schon lange sucht. So könnte eine Kontaktaufnahme zum ressourcenschonenden Besitzerwechsel eines Fahrrads führen und in einem zweiten Leben zum greifbaren Mehrwert für den neuen Nutzer. Zu diesem Thema erstelle ich derzeit auch meine Master-Thesis an der Diploma Hochschule.

Frage: Allein uneigennützig wird das Projekt nicht funktionieren. Wie wollen Sie eine tragfähige Balance zwischen altruistischem Fokus und notwendiger Gewinnabsicht erreichen?

Ich glaube, wenn man die richtigen Angebote macht, einfach verfügbar und praktisch, werden sich auch genügend Mitmachwillige finden. So kann ich mir vorstellen, ein Mittelding zwischen dem altruistischen Couch-Surfing und einem eher kommerziellem Bed-and-Breakfast anzubieten. Im besten Fall sollen die Leute, die bei Mehr-Wert mitmachen, davon leben können. Dies sollte über freiwillige Beiträge der Nutzer, aber auch durch Spenden ähnlich wie bei Wikipedia funktionieren.

Weitere Informationen: www.mehr-wert-deutschland.de

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