Grenzach-Wyhlen Der lange Weg zum Kompromiss

Die Oberbadische, 12.10.2017 00:02 Uhr

Von Tim Nagengast

In die Rollen von Gemeinderäten, Verwaltungsmitgliedern und Vertretern verschiedener Interessengruppen schlüpfen diese Woche die Achtklässler von Lise-Meitner-Gymnasium (LMG) und Realschule. Sie nehmen am kommunalpolitischen Planspiel „Stuttingen“ der Landeszentrale für politische Bildung teil.

Fotostrecke 2 Fotos

Grenzach-Wyhlen. Vorschläge sammeln, Positionen finden und vertreten, sich mit Argumenten anderer auseinandersetzen, diese gegeneinander abwägen und am Schluss einen mehrheitsfähigen Kompromiss finden, steht im Mittelpunkt des Planspiels. „Stuttingen“ fungiert dabei als fiktive Stadt von mittlerer Größe.

Für die Gemeinde Grenzach-Wyhlen ist die Planspielteilnahme der Achtklässler der Auftakt für eine intensivere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen am politischen Geschehen in der Kommune.

Als unsere Zeitung gestern die Pressekonferenz sowie die Gemeinderatssitzung der Achtklässler des LMG verfolgt, sind unschwer Parallelen zu Grenzach-Wyhlen zu erkennen. Behandelt werden Themen wie die Verkehrsberuhigung des Zentrums inklusive Verlegung einer Bushaltestelle sowie Probleme mit lärmenden Jugendlichen und Verschmutzungen im Park. Hier ist die Bürgerinitiative „Alt-Bewahrt“ auf den Plan getreten und fordert, den Park seniorengerecht auszustatten und zu erweitern. Das Thema Bushaltestellenverlegung spaltet überdies die Bevölkerung in mehrere Lager. Und dies wirkt sich bis in den Stuttinger Gemeinderat aus. Keine leichte Aufgabe also für Bürgermeisterin Vivien Goritic alias „Heike Müller“, die Ratsfraktionen von „PSD“, „DFP“, „CKV“ und „ÖPP“ zu einem Kompromiss zu führen.

Da jeder Schüler ein eigenes Personenprofil bekommen hat, spricht man sich im am Ratstisch förmlich mit „Sie“ an und lässt den eigenen fiktiven Hintergrund immer wieder durchblitzen, wenn es beispielsweise um die Frage geht, ob Problem-Jugendliche gleich mit einer saftigen Geldstrafe, oder lieber erst einmal mit mahnenden Worten zur Räson zu bringen seien.

Auch die Frage nach dem Umgang mit dem Verkehr im zu beruhigenden Stuttinger Stadtzentrum und die damit verbundene Frage des Platzes für die Bushaltestelle locken die Fraktionen hinter dem Ofen hervor. Zumal auch Vertreter von Jugendrat und Bürgerinitiative an der Sitzung teilnehmen und dazu angehört werden.

Abgestimmt wird nach Vorstellung der einzelnen Positionen und nach intensiver Aussprache dann auf Antrag geheim. Die Verwaltung zählt jeweils die Stimmen aus; herauskommen jeweils klare Mehrheitsbeschlüsse.

Im Zuhörerbereich des Stuttinger Gemeinderat sitzt – neben Schulleiter Frank Schührer – Walter Schwarz. Mit großem Interesse verfolgt der Grenzach-Wyhlener CDU-Fraktionssprecher (und frühere Konrektor des LMG) die ernsthaft und sicher geführte Ratsdebatte sowie den argumentativen Austausch der Achtklässler. „Erstaunlich, toll! Auch, wie die Schüler in ihre Rollen schlüpfen. Ich bin angenehm überrascht“, lobt Schwarz.

Und in der Tat: Das, was hier in Stuttingen passiert, ist Alltag im Gemeinderats- und Verwaltungsgeschäft. Der Weg zum tragfähigen Kompromiss ist manchmal langwierig, erfordert Biss und gute Überzeugungskraft. All dies üben die Achtklässler mit Begeisterung. Und nebenbei bemerkt: Wirklich alle sind aktiv dabei. Niemand macht Faxen oder stört den förmlichen Verlauf der Ratsdebatte.

„Mich erinnert das hier ein wenig an die Fragen, die im Zuge der Neuen Mitte Wyhlen noch auf uns zukommen werden“, sagt Walter Schwarz, der den Schülern nach Ende der Sitzung noch für einige Fragen zur Verfügung steht. Das Team der Landeszentrale für politische Bildung hält sich derweil dezent im Hintergrund und greift nur moderierend ein. Ansonsten ist die Gemeinderatssitzung der Achtklässler ein erstaunlich realitätsnaher Selbstläufer.

n Ab dem heutigen Donnerstag nehmen die achten Klassen der Realschule Grenzach-Wyhlen am Planspiel „Stuttingen“ teil.

 
          0