Grenzach-Wyhlen Der Tod kam an Heiligabend

Helmut Bauckner
Manches deutet darauf hin, dass es sich bei diesem an einer Mauer des Grenzacher Friedhofs lehnenden Grabstein um den der verhafteten Jüdin handeln könnte. Foto: zVg/ Helmut Bauckner

Heiligabend 1942: Die Grenzacher machen sich bereit für die Christmette. So manche Familie ist in Sorge um die im Feld kämpfenden Soldaten oder in Trauer um gefallene Familienangehörige. Aber trotz allem freut man sich wohl auf einen stimmungsvollen Gottesdienst und ahnt dabei nicht, welche Tragödie sich derweil an der grünen Grenze in der Nähe des Zollamts am Hörnli abspielt.

Von Helmut Bauckner

Grenzach-Wyhlen. Der Historiker Ulrich Tromm hat nach eingehenden Recherchen in deutschen und Schweizer Archiven den tragischen Fluchtversuch von Alex David Grüneberg und seiner Frau Frieda am 24. Dezember 1942 rekonstruiert. Das jüdische Ehepaar kam aus Berlin, wo sich ein Helfernetzwerk mit engen Kontakten ins Dreiländereck gebildet hatte. Mittels Vertrauenspersonen versuchte das Netzwerk, Fluchten in die Schweiz möglich zu machen, nachdem seit Oktober 1941 ein generelles Ausreiseverbot für Juden erlassen worden war – eine weitere Schikane der Nazis und eine Todesfalle für viele Juden.

Am 18. Dezember, so berichtet Frau Grüneberg nach ihrer Verhaftung im Vernehmungsprotokoll, begann ihre Flucht in einem Schnellzug nach Freiburg, wo man zunächst einmal bei ihr „unbekannten Privatleuten“ übernachtet hat. Weiter ging es mit Unterbrechungen nach Weil am Rhein und von hier aus eigenartigerweise zunächst nach Säckingen, wie sie ausgesagt hat. Über die Etappe Wyhlen ging es dann schließlich bis zur ehemaligen Bahnhaltestelle Grenzacher Horn, von wo aus man auf dem kürzesten Weg in die Schweiz gelangen wollte.

Verhaftete Frau erhängt sich am Heizkörper

Während die Aussage von Frau Grüneberg der verhaftenden deutschen Behörde gemacht wurde, berichtet Alexander Grüneberg der Schweizer Behörde Folgendes: „In der Nacht vom 24. Dezember überschritten wir die Grenze beim Hirtenweg (Hörnli). Da wir zu schwer bepackt waren, stürzten wir auf Schweizer Boden hin. Beim Aufstehen bemerkte ich nicht, dass meine Frau wieder auf deutschen Boden zurückgekehrt war, um eine verlorene Handtasche zu suchen. Bei dieser Gelegenheit kehrte die Wache wieder zurück und verhaftete sie, so dass wir uns nicht mehr sehen konnten.“

Stammt der Grabstein von Frieda Grüneberg?

Grüneberg wird seine Frau nie wieder sehen. Sie hat sich doch im Untersuchungsraum des Zollamts am Heizkörper mit zusammengeknüpften Taschentüchern erhängt. Ihr Protokoll endete übrigens mit dem Zusatz: „Frau Grüneberg hat die Unterschrift des Protokolls verweigert mit der Begründung, sie lasse sich lieber totschießen.“

Als Siegfried Schätzle aus Grenzach den Artikel von Ulrich Tromm im Jahresheft 2016 des Vereins für Heimatgeschichte las, stellten sich ihm zwei Fragen: Wo ist Frau Grüneberg beerdigt, und welche Rolle spielten eventuell seine Großtante Lucia Schaub und ihr Cousin Xaver Beck, dem als Grenzwächter die Fluchtmöglichkeiten im Bereich Hörnle sehr wohl bekannt waren?

Dass beide als Fluchthelfer tätig waren, war Schätzle bekannt, denn sie wurden deswegen im Juli 1944 in das Lörracher Gefängnis eingeliefert. Bei einem Gang über den Grenzacher Friedhof fiel Schätzle ein Grabstein auf, der – wie abgestellt – an einer Mauer lehnt. Auch wenn der Name nicht korrekt geschrieben ist, so besteht für ihn kein Zweifel, dass er vom Grab der Friederike (Frieda) Grün(e)berg stammt, findet sich doch im Gemeindearchiv eine Notiz über das Grab von „Friederike Grünberg“. Wer allerdings den Stein hat fertigen lassen und wann er aufgestellt wurde, bleibt nach wie vor im Dunkeln.

Der Verein für Heimatgeschichte hat nun angeregt, dass man diese Grabstätte würdig gestaltet. Bürgermeister Tobias Benz ist bereits informiert und würde eine kleine Tafel, die auf das tragische Geschehen in der Weihnachtsnacht 1942 erinnern soll, begrüßen.

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