Grenzach-Wyhlen Die Durchsichtigkeit des Raumes

 Foto: Willi Vogl

Grenzach-Wyhlen - Schade, dass zur Veranstaltung anlässlich des 80. Geburtstags des Filmemachers und Regisseurs Hellmuth Costard so wenige Besucher in die katholische Kirche St. Michael kamen. Der unermüdlich für das künstlerische Erbe Costards engagierte Ulrich Kaiser bot mit einer Mischung aus Musik und Filmen eine denkwürdige Hommage an den 2000 verstorbenen Filmemacher.

Kultur ist kein Luxus

„Kultur ist kein Luxus, den wir uns entweder leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert”, zitierte Bürgermeister Tobias Benz den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker bei seinem Grußwort. Diese Aussage mag zwar zunächst nur auf die Opferrolle der Kunstszene im derzeitigen Lockdown gemünzt sein, lässt sich aber genauso gut auf die gegen den Strich gebürstete Filmästhetik Costards übertragen.

Costard trat mit seiner Produktion gegen „den Schwachsinn der etablierten Filmindustrie“ an und stieß damit jene Filmliebhaber vor den Kopf, die den Wert eines Filmes vordergründig vom Abgleich mit genreabhängigen Kriterien abhängig machen.

Dadaistische Mischung

Der im Mittelpunkt des Abends stehende Film „Echtzeit“ ist keinem bestimmten Genre zuzuordnen und bietet dem Betrachter in seiner dadaistischen Mischung aus wissenschaftlichen Gesprächsdokumenten, poetischen Lebens- und Beziehungsbetrachtungen, aktuellen Fernsehmeldungen, einer kunsthistorischen Schlossführung und surrealen Szenen weder einen roten Faden, noch verfolgt er eine wie auch immer orientierte Spannungskurve. Vielmehr verweist er den Betrachter auf seine eigene Fantasie und die Fähigkeit, in der heterogenen Szenenfolge ein eigenes Muster zu finden.

Der Echtzeitbegriff spielt vor allem in der Computerwelt eine bestimmende Rolle, und so überträgt Costard eine immer wiederkehrende Landschaftsanimation in Farbkacheln auch auf gespielte Szenen der Protagonisten Ruth und Georg sowie auf die dokumentierten Gesprächsszenen mit Wissenschaftlern wie Konrad Zuse, dem Erfinder des ersten funktionsfähigen Computers. Dabei lenkt die Verfremdung durch grobe runde Pixel besonders auf irritierende Aussagen wie die von Georg, die Alles oder Nichts bedeuten können: „Spürst du nicht die Durchsichtigkeit des Raumes? Wir sind ein augenblicklicher Zustand des Programms.“

In Anlehnung an Rosa Luxenburgs Freiheitsbegriff möchte man sagen: Die Freiheit der Kunst ist immer die Freiheit der anderen Kunst. Um eine Haltung zu der einen oder anderen Kunstäußerung zu entwickeln und damit das eigene geistige Überleben zu sichern, muss man jedoch die Möglichkeit haben, Kunst in seiner Vielfalt wahrzunehmen und dazu auch willens sein.

Musikalische Beiträge

Von Franz Winzentsen, einem Kollegen und Freund von Costard, wurde der Kurzfilm „Völkerwanderung – Ein Missverständnis“ gezeigt. Die dokumentarische Bilderfolge mit Szenen zum Ersten Weltkrieg wurde von naiv anmutenden Kommentaren aus dem Off als Völkerwanderung bezeichnet und mutierte damit ins Groteske. Hier wurden Soldaten, die sich mit erhobenen Händen ergaben als „Menschen, die einen Gottesdienst abhalten“, und die mit Sandsäcken befestigten Schützengräben als „Bauwerke zur Goldsuche“ beschrieben. Angesichts der vielen Toten fragte die Stimme am Ende: „Warum glaubt man Gold immer bei den Anderen suchen zu müssen?“

Analog zur dadaistischen Filmästhetik Costards gestaltete sich die Programmdramaturgie des über drei Stunden währenden Abends. Musikalische Beiträge gab es etwa mit der Organistin Ekaterina Kofanova und ihrer im sprechenden Duktus interpretierten Tokkata c-Moll von Johann Sebastian Bach. Ebenso trugen Consuelo Giulianelli (Harfe) und Maurizio Grandinetti (Gitarre) zu klingenden Kontrasten bei. Dabei stach besonders Ralph Towners „Duende“ in agiler Melancholie hervor.

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