Grenzach-Wyhlen Drei Kehrtwenden, die DNA und das Long-Zimmermann-Syndrom

Tim Nagengast
Hat noch viel vor: Manfred Mutter, letzter Sprecher des aufgelösten Zukunftsforums Grenzach-Wyhlen. Foto: Tim Nagengast

Grenzach-Wyhlen. Das Zukunftsforum Grenzach-Wyhlen ist Geschichte. Die zuletzt als Verein eingetragene Bürgerinitiative  löst sich auf. Im Gespräch mit unserem Redakteur Tim Nagengast blickt Sprecher Manfred Mutter auf die turbulenten Anfänge vor zehn  Jahren zurück, zieht  Bilanz und erläutert seine Zukunftspläne. Zur jüngst aufgeflammten Kritik an seiner Person nimmt der in Wyhlen lebende emeritierte Chemieprofessor ebenfalls Stellung.

Die Junisonne scheint durch die Glasfront des Wohnzimmers des Anwesens im ehemaligen Steinbruch am Wyhlener Neuweg. Ein großer Naturteich im Garten am Fuße der Felswand lockt Libellen an. Ein stattliches Exemplar flattert gerade an der Glasfront des Wohnzimmers vorbei, als Manfred Mutter dem am Wohnzimmertisch sitzenden Gast aus der Redaktion grünen Tee und Himbeertörtli serviert. Mutter – modern geschnittenes weißes Hemd mit blauen Applikationen, Jeans und blaue Slipper – ist aufgeräumter Stimmung. Die Gesprächsatmosphäre ist locker.

Frage: Herr Mutter, wie kam es vor etwa zehn Jahren zur Gründung der Bürgerinitiative Zukunftsforum?

Es war ein Prozess, der mit Protest-Leserbriefen in den örtlichen Zeitungen begann. Denn zuvor war durchgesickert, dass auf dem BASF-Areal in Grenzach ein Sondermüll-Entsorger (die Firma Zimmermann aus Gütersloh, d. Red.) angesiedelt werden sollte. Diese Leserbriefe bildeten bald die Grundlage für die Gründung einer Bürgerinitiative.

Frage: Hatten Sie diese Leserbriefe verfasst?

Nein, erst später. Die ersten Autoren waren die BI-Gründungsmitglieder Markus John, Doris und Klaus Elsässer sowie Siegfried und Elisabeth Müller. Ihre Leserbriefe haben mich sehr angesprochen.

Frage: Sie wohnten damals noch nicht lange hier...

Richtig. Meine Frau und ich waren gerade frisch nach Wyhlen gezogen. Als aufmerksamer Zeitungsleser verfolgte ich das Geschehen vor Ort aber von Anfang an sehr genau.

Frage: Und wie ging es weiter?

Die genannten Leserbriefschreiber haben dann eine Versammlung im Gasthaus „Drei König“ initiiert. Da bin ich aus Interesse hingegangen, habe zugehört und mich dann als Chemieprofessor zu Wort gemeldet. Zuvor war ich auf dem Rathaus und habe mich in die ausliegenden Ansiedlungspläne des Sondermüllentsorgers Zimmermann vertieft.

Frage: Und das gemeinsame Ziel war schnell klar?

Richtig. Die Verhinderung der Ansiedlung der Firma Zimmermann mithilfe einer Bürgerinitiative. Beim Blick in die Runde hat mich sofort die Vielfalt angesprochen. Allerlei Fachleute – aus Chemie und Medizin – Künstler, Lehrer, Rentner, Alte und Junge! Und vor allem auch Gemeinderäte – darunter auch der inzwischen leider verstorbene Günter Holl –, die ein wichtiges Bindeglied zwischen BI und politischer Gemeinde darstellten! Da waren sehr interessante Menschen zusammengekommen und ich wollte mitmachen. Und zwar an vorderer Stelle.

Frage: Das Zukunftsforum hat aber von Anfang an auch polarisiert. Es kam zu öffentlichen wie nichtöffentlichen Debatten, Protesten, persönlichen Schuldzuweisungen und Unterstellungen. Der Dorffrieden schien eine Zeit lang ziemlich wackelig geworden zu sein. Sind nicht auch Ihnen, Herr Mutter, damals die Autoreifen plattgestochen worden?

Oh ja, aber darauf möchte ich nicht mehr eingehen. Ja, es war am Anfang ziemlich turbulent, aber das legte sich auch wieder. Schauen Sie, was wir erreicht haben! Ihre Zeitung titelte im Mai 2016 „Firma Zimmermann kommt nicht“. Damit war ein wichtiges Ziel unserer Initiative erreicht.

Frage: Was wäre denn so schlimm daran gewesen, wenn BASF auf einem Teil ihrer nicht mehr benötigten Flächen einen Sondermüllentsorger angesiedelt hätte?

Angesichts der geplanten Dimensionen der Anlage wären wir zum Sondermüllzentrum Süddeutschlands geworden. Es wären, je nachdem, bis zu 80 Lastwagenladungen mit gefährlichen Sonderabfällen durch unsere Gemeinde gefahren – pro Tag, wohlgemerkt! Zum Glück war das Thema dann nach einigen durchaus anstrengenden Jahren mit mehreren sachlichen Erkundigungen am Hauptsitz in Gütersloh vom Tisch. Die Kehrtwende in der politischen Gemeinde war erreicht. Der Gemeinderat nahm uns ernst, ließ sich auf die fachliche Aufklärung seitens unserer BI ein und erkannte, welche langfristigen Nachteile für die zukünftige Entwicklung des Gesamtareals entstanden wären.

Frage: Die Folge war der Erlass einer Veränderungssperre für das BASF-Areal.

Das war wichtig. Damit war Zeit gewonnen. 2016 kam dann die Absage von Zimmermann. Nicht nur wir waren sehr glücklich darüber. Die Kehrtwende – aus Sicht der politischen Gemeinde – war erreicht. Eine von dreien.

Frage: Welche Kehrtwenden meinen Sie?

Parallel zum Thema Zimmermann kam die Frage nach dem unterschiedlichen Umgang mit der Bodenaltlast Keßlergrube auf. Roche wollte ausheben, BASF umspunden. Diese beiden Themen überlappten sich. Aufgrund der Erfahrung mit dem Thema Zimmermann trauten wir als Zukunftsforum den Argumenten der BASF einfach nicht mehr. Selbst heute spüre ich dies noch, wenn ich mit manchen Menschen über BASF spreche. Dieses Misstrauen wirkt bei einigen noch immer nach. Ich nenne es das „Long-Zimmermann-Syndrom“.

Frage: BASF gab sich beim Thema Keßlergrube zunächst eher zugeknöpft.

Der vielleicht nachhaltigste Aspekt der Zimmermann-Affäre war die Gründung des Vereins „Chemie und Pharma am Hochrhein“, der zum Ziel hat, die Kommunikation zwischen Industrie und Bevölkerung zu verbessern. Alle Unternehmen haben dies inzwischen in vorbildlicher Weise umgesetzt. Die neue Transparenz schafft Vertrauen. Dies zeigte sich für die Experten des Zukunftsforums daran, dass, nachdem die Ergebnisse des Totalaushubs von Roche sichtbar waren, die Bereitschaft aller Beteiligten – auch des Landratsamts – entstand, den Sanierungsbedarf in einer Neubewertung gemeinsam mit der Gemeinde zu diskutieren. Darin bestände aus unserer Sicht auch heute noch die Chance, die Umspundungspläne der BASF in Frage zu stellen.

Frage: Das ist das Stichwort! Sie selbst haben Ihre eigene Kehrtwende vollzogen und sind von der Forderung eines Totalaushubs abgerückt. Warum?

Es würde in keinem ökologischen, aber auch in keinem wirtschaftlichen Verhältnis stehen, zu 98 Prozent nicht- oder wenig belastete Erde aus dem doppelt so großen BASF-Teil der Keßlergrube auszuheben und zur Entsorgung nach Norddeutschland oder Belgien zu schaffen. Die entsprechenden Zahlen liegen öffentlich vor. Wiederholte Bohrungen haben ergeben, dass der meiste Dreck im Boden im Baufeld-Mitte des Roche-Perimeters lag. Und diese Stoffe sind mittlerweile geborgen und entsorgt. Damit ergibt sich der im Prinzip erfreuliche Befund, dass die Schadstoffmenge auch im benachbarten BASF-Perimeter signifikant abgenommen hat. Da nach Sachlage sowohl ein Totalaushub als auch eine Umspundung nicht verhältnismäßig sind, ergab sich unsere Forderung nach einer Neubewertung des Sanierungsumfangs. Das Klage-Thema hat sich inzwischen leider vom sachlichen zum rein juristischen Problem gewandelt, sodass die Urteile zur Klagebefugnis – bekanntlich beginnt die BASF zeitnah mit der gerichtlich genehmigten Umspundung und schafft damit irreversible Fakten – keinerlei Relevanz besitzen. Es wäre deshalb an der Zeit, die neue Faktenlage anzuerkennen und die Klage zurückzuziehen. Dies haben Peter Donath und ich seit dem Vorliegen der Ergebnisse von Roche in Leserbriefen darzustellen versucht, faktenbasiert und völlig ideologiefrei. Wir als Zukunftsforum sind somit auch ein Umfaller und haben eine Kehrtwende vollzogen ( lacht).

Frage: Manche Mitglieder des Zukunftsforums sind darüber keineswegs glücklich. Es ist von Alleingängen des Duos Mutter/Donath die Rede. Ihre Leserbriefe und Vorstöße seien nicht abgesprochen gewesen und damit überhaupt nicht repräsentativ für das Zukunftsforum als Ganzes, ist zu hören.

Das stimmt einfach nicht. Zunächst waren wir als Experten doch vorgesehen, uns mit den komplexen Details auseinanderzusetzen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen! Mit dem Kernteam war immer alles abgesprochen, und wir hatten zu jeder Zeit dessen Unterstützung. Wir waren dagegen sehr enttäuscht, dass, außer von Günter Holl, keinerlei Rückfragen zur sachlichen Begründung unserer Analysen seitens der politischen Gemeinde kamen. Und dass wir keine öffentliche Sitzung veranstalten konnten, ist auf die Beschränkungen durch die Coronapandemie zurückzuführen.

Frage: Trotzdem gibt es teils deutliche Kritik an Ihrer Person.

Ja, das weiß ich, aber man muss doch dazu fähig sein, sich hinzustellen und zu sagen: Leute, es gibt neue Zahlen, Fakten, Erkenntnisse und Daten. Wir müssen die Situation komplett neu bewerten. Ohne Ideologie! Nur auf Grundlage offiziell verfügbarer Daten. Das ist doch immer auch die DNA unserer BI gewesen: diese Sachbezogenheit, diese Ideologiefreiheit.

Frage: Nicht jeder will das so mittragen. Ist dieser Zwist mit ein Grund für die Auflösung des Zukunftsforums?

Nein (schüttelt den Kopf). Es war einfach an der Zeit, nach neuen Wegen zu suchen, denn eine dritte Kehrtwende haben wir ja auch geschafft.

Frage: Welche?

Die Frage nach der Gestaltung der Neuen Mitte Wyhlens, die schnell weite Kreise gezogen hat und nicht zuletzt durch Mitwirkung einiger Mitstreiter zur Gründung des Bürgervereins geführt hat. Auch hier ließen Bürgermeister und Gemeinderat mit sich reden, nahmen uns als BI und unsere Ideen ernst, ließen sie in die Neugestaltungspläne einfließen. Diese Offenheit für Ideen aus der Bürgerschaft und die Kommunikationsbereitschaft ist einfach toll und beispielhaft für den Umgang miteinander in Grenzach-Wyhlen. Mein Kompliment gilt hier insbesondere unserem Bürgermeister Benz!

Frage: Wenn Sie so viel Erfolg haben, warum hören Sie überhaupt auf?

Weil es Zeit dazu ist. Einige große Ziele zur zukunftsoffenen Gestaltung unserer Gemeinde sind erreicht. Andere – ich nenne beispielhaft den neuen Bürgerverein – sind angetreten, sich einzubringen. Oder schauen Sie das Jugendparlament an! Da sind richtig aktive, gute junge Leute dabei.

Frage: Ihren Vorstoß, dass das Jugendparlament das Zukunftsforum quasi beerben könnte, hat das Gremium aber negativ beschieden...

Ja, das stimmt. Eigene Projekte, Schule, Studium, Ausbildung machen ein zeitraubendes Engagement für junge Menschen schwierig. Aber die Frage nach einer Nachfolge wird sich in Zukunft vielleicht noch ergeben.

Frage: Und jetzt? Gehen Sie mit 79 Jahren endgültig in den Ruhestand?

(Lacht) Von wegen! Ich bleibe auf jeden Fall ein engagierter Bürger. Nach dem Thema „Verhinderungen“ (Zimmermann, Keßlergrube, Überbauung der Neuen Mitte Wyhlen, d. Red.) möchte ich jetzt mal etwas Kreatives, sozusagen „Nicht-Verhinderndes“ machen.

Frage: Und das wäre?

Ich möchte eine Kinder-Uni gründen. So etwas gibt es in allen Universitätsstädten, beispielsweise in Basel, Konstanz und Tübingen. Ein Kollege von mir, Informatikprofessor aus Basel, hat eine solche Kinder-Uni vor 13 Jahren erstmals in ländlicher Umgebung, in Bad Säckingen, gegründet. Eine tolle Sache! Ein Riesenerfolg! Die ist immer im Nu ausgebucht. So eine Einrichtung wünsche ich mir für Grenzach-Wyhlen.

Frage: Das höre ich jetzt zum ersten Mal.

Kein Wunder, bisher habe ich nur erste Kontakte mit meinem Kollegen in Bad Säckingen geknüpft.

Frage: Haben Sie denn Erfahrung mit so etwas?

Durch meine Lehrtätigkeit weiß ich, wie wichtig es ist, junge Menschen schon früh für wissenschaftliche Fragen zu begeistern.

Frage: Aber Chemie für Kinder ist halt doch etwas anderes...

An der Kinder-Uni unterrichten Professoren aus den verschiedensten Fachrichtungen in kindgerechter Form. Ziel ist es, Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren neugierig zu machen. Die Kinder-Uni Grenzach-Wyhlen wird ein Thema werden. Lassen Sie sich überraschen!

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