Grenzach-Wyhlen Ein Lehrer unterrichtete 300 Schüler

Helmut Bauckner

Als Friedrich Kuhn im Jahr 1945 im Auftrag der französischen Militärverwaltung das Amt eines Schulrats übertragen bekam, trat er ein schweres Erbe an. Nicht von ungefähr hatte man ihn dafür vorgesehen, war er doch politisch völlig unbelastet und bekannt als streitbar und standhaft.

Von Helmut Bauckner

Grenzach-Wyhlen. Im Auftrag der Militärverwaltung musste Kuhn monatlich sogenannte Stimmungs- und Rechenschaftsberichte an die französische Behörde schicken. Sie sollten, so lautete der ausdrückliche Wunsch der Franzosen, kritisch und in rückhaltloser Offenheit die Lebensbedingungen der Menschen beleuchten – auch was Fehlentscheidungen der französischen Militärregierung betrifft. So zeichnen diese Stimmungs- und Rechenschaftsberichte ein schonungsloses und authentisches Bild der Nachkriegszeit in der französischen Zone.

Besser in der Masse als überhaupt kein Unterricht

Da ist die Rede davon, dass Lehrer bis zu 100 Schüler zu unterrichten hatten. In Grenzach war sogar eine Zeit lang ein Lehrer für 300 Schülerinnen und Schüler verantwortlich. Da mancherorts seit eineinhalb Jahren gar kein Unterricht mehr stattgefunden hatte, war all das besser als gar nichts. Bedingt war der Lehrermangel unter anderem dadurch, dass die Lehrerschaft erst entnazifiziert werden musste.

Lassen wir Friedrich Kuhn mit seinem Stimmungsbericht vom November 1946 zu Wort kommen, er trägt das Datum 25. November. Blicken wir also 75 Jahre zurück.

Kinder hatten oftmals keine Schuhe

Auf Grund seiner guten Kontakte nach Basel war es möglich, dass Mitarbeiter der sogenannten „Deutschlandhilfe Basel“ Lörracher Schulen besuchen konnten. Man war tief betroffen, so Kuhn, über das schlechte Aussehen der Kinder und plante deshalb für das Frühjahr eine Schülerspeisung. Dass manche Kinder überhaupt nicht zur Schule kamen, lag unter anderem auch daran, dass sie keine Schuhe hatten. So manches Kind kam mit Pantoffeln oder „Finken“ zum Unterricht.

Ein Grenzacher Schüler berichtet davon, dass es ihn glücklich gemacht hat, dank einer Birsfelder Hilfsaktion ein Paar Holzschuhe bekommen zu haben, die zwar sehr unbequem waren, aber zusammen mit den von der Oma aus alten Wollresten gestrickten Socken die Füße warm und trocken hielten.

Schulbücher aus Basel waren nicht gestattet

In Basel und Umgebung sammelte man Kinderschuhe, aber auch Schreibtafeln, Griffel und Bleistifte für die deutschen Kinder. Leider durften die in Basel gesammelten Schulbücher und Fibeln nicht verwendet werden, obwohl größter Bedarf bestand und diese Bücher wohl kaum nationalsozialistische Ideen verbreitet hätten.

Katastrophale Kartoffelernte

Größte Sorge bereitete jedoch die Ernährungslage, denn die Kartoffelernte 1946 war sehr schlecht und eine Einfuhr aus der amerikanischen Zone Nordbadens und Württembergs, wo es genügend Kartoffeln gab, war nicht erlaubt. Nur 25 Pfund pro Kopf konnten für den ganzen Winter verteilt werden – bisher ging man von 150 Pfund pro Person aus. Es gilt dabei zu bedenken, dass die Kartoffel eine zentrale Bedeutung für die Ernährung hatte, denn 250 Gramm Brot konnten den Mangel nicht ausgleichen.

Der Verlust der Ostgebiete, das Fehlen von Dünger, geeignetem Saatgut und landwirtschaftlichen Maschinen und der Bevölkerungszuwachs von 10 bis 15 Millionen Flüchtlingen hatte die Situation kräftig verschärft. Die Versorgung mit Fleisch außerhalb der Städte stockte vollkommen, da Großvieh nur noch in größeren Städten geschlachtet werden durfte und deshalb die Versorgungsberechtigten der kleineren und größeren Landorte überhaupt kein Fleisch erhielten.

Wer Hühner hatte, musste Eier abliefern

Und hatte man zur Eigenversorgung einige Hühner, so musste deren Zahl gemeldet werden. Daraus wurde die voraussichtliche Eierausbeute und die entsprechende Abgabeverpflichtung errechnet. Und wehe, man hielt sich nicht daran, wie man dem „Strafzettel“ für Franz Braun aus Grenzach entnehmen kann.

Kleinkinder, so weiß Kuhn zu berichten, die nicht von ihren Müttern gestillt werden konnten, waren unweigerlich dem Tod verfallen. Es gab Tage, da in Lörrach nicht genügend Särge vorhanden waren und man deshalb solche aus Säckingen leihen musste. Auch der Freiburger Erzbischof, so lesen wir in einem Tagebuch einer Kriegerwitwe, beklagte in einer Predigt, dass jedes dritte Kind dem Tode geweiht sei.

1947 verschärfte sich die Lage weiter, und erst 1948 brachte die Währungsreform Entspannung. Bewundernswert, wie diese geschundene Generation Kraft für einen neuen Anfang gefunden hat!

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