Unter der Regie der Volkshochschule hat in der vergangenen Woche der erste „richtige“ Deutschkurs für Asylbewerber begonnen. 21 Bewohner der Wyhlener Gemeinschaftsunterkunft (GU) nehmen daran teil. Unsere Zeitung hat den Unterricht gestern besucht. Von Tim Nagengast Grenzach-Wyhlen. „Der Tisch, der Stuhl, das Regal, das Telefon, die Kaffeemaschine.“ Sandro Fritsche paukt mit seinen Schützlingen gerade Begriffe aus dem deutschen Büroalltag. Der 28-jährige Student – modisch kurz gestutzter Vollbart, Gelfrisur – nutzt seine Semesterferien, um diesen ersten „ersten“ Deutschkurs für Asylbewerber in der Doppelgemeinde zu leiten. Ihm zur Seite steht Ammar Alsaabi. Der junge Syrer ist seit elf Monaten in Deutschland und spricht die hiesige Sprache bereits gut genug, um zu übersetzen, wenn die Schüler ihrem Lehrer nicht folgen können. Zur Not helfen auch ein paar Brocken Englisch weiter, das die meisten hier im Raum des Wyhlener Familienzentrums einigermaßen verstehen. Homogene Gruppe mit „Lernerfahrung“ Die Stimmung ist ruhig und gelassen. Die 16 Männer und fünf Frauen – die meisten junge Erwachsene aus Syrien, einige wenige aus dem Irak – brüten konzentriert über ihrem Lehrmaterial. Das Lesen deutscher Begriffe klappt hier und da schon ganz passabel – und auch der Umgang mit der lateinischen Schrift. „Die meisten haben sie schon in der Schule gelernt“, sagt VHS-Leiter Henning Kurz, der gemeinsam mit VHS-Sprachenkoordinatorin Melanie Penninggers, die den Kurs organisiert hat, durch die Reihen geht und den Asylbewerbern über die Schultern schaut. Penninggers: „Keiner ist abgesprungen. Keiner fehlt. Und keiner kommt zu spät. Sie sind voll dabei.“ Notfalls behilft man sich mit Englisch weiter Zwei junge Frauen lesen derweil einen deutschen Dialog vor, wie man ihn aus dem Büroalltag kennt. „Guten Tag, mein Name ist Frau Herzberg. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen"", tönt es von einem Tisch. Man spürt, die Gruppe ist ziemlich homogen. Denn die Kursteilnehmer wurden bewusst ausgewählt. Alle haben aus ihrer Heimat bereits Lernerfahrung und sind auf einem ähnlichen Level, weiß Kurz. Der Besuch der Presse und der VHS-Vertreter sorgt für neugierige Blicke. Immer wieder linst der eine oder andere kurz herüber, wenn ein Foto gemacht wird oder man mit ihm ins Lehrbuch blickt. Ansonsten wird hochkonzentriert gearbeitet. Von morgens bis abends. Fünf Wochen lang gibt es hier alltagstaugliches Deutsch „pur“. Einhundert Unterrichtsstunden. Etwas lockerer geht es stets am Freitag zu, wenn eine Exkursion ansteht – heute beispielsweise der Vitra-Campus mit Museum in Weil am Rhein. Bei derlei Ausflügen sollen die jungen Asylbewerber den deutschen Alltag, die hiesigen Gepflogenheiten sowie die Kultur kennenlernen. Und ganz nebenbei ihre ersten Sprachkenntnisse praktisch anwenden. Plötzlich schnellt ein Finger in die Höhe. „Bitte, hier“, sagt ein Anfangzwanziger in die Stille, „bitte.“ Fritsche schaut, deutet aufs Papier, erklärt etwas. Langsam und deutlich. Alsaabi übersetzt auf Arabisch. Dann klappt’s. Unterstützt wird Fritsche bei seiner Tätigkeit zeitweise von ehrenamtlichen Lernbegleitern aus den Reihen des Helferkreises „Amiko“. Dort engagiert sich der junge Mann aus Grenzach übrigens selbst. „Wir haben quasi das Kursteam aus dem Helferkreis rekrutiert“, freut sich VHS-Leiter Kurz. Dennoch: „100 Stunden Deutsch, das ist wahnsinnig wenig“, findet er. Der Deutsche Volkshochschulverband (DVV) betrachte diese niedrigschwelligen Kurse mit dem Namen „Einstieg Deutsch“ nämlich als eine „Überbrückung“ bis zum Beginn der sogenannten Integrationskurse. Fragezeichen hinter Integrationskursen Ob es solche auch an der VHS Grenzach-Wyhlen geben wird" Henning Kurz zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht. Überall werde auf Sicht gefahren, sagt er. Zudem sei der bürokratische Aufwand, bis man solche Kurse überhaupt anbieten dürfe, ganz enorm. Und die Durchführung dann ohnehin. Den Aufwand schätzt der VHS-Leiter auf das Hundertfache eines normalen Volkshochschulkurses. Finanziert wird der Kurs „Einstieg Deutsch“ über Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Die Integrationskurse hingegen bezahlt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Um einen solchen Kurs auch für Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive aus der Doppelgemeinde anbieten zu können, hat die VHS beim Bamf einen entsprechenden Antrag gestellt. „Aber ob wir wirklich einen durchführen dürfen, hängt von der Kategorisierung ab, also davon, wie der Landkreis insgesamt mit Integrationskursen ausgestattet ist“, hält Kurz fest. Also alles offen. Sandro Fritsche hebt ein Lehrbuch in die Höhe, deutet auf Gegenstände aus dem Büroalltag und liest die Begriffe vor. Dabei betont er besonders die Artikel der Substantive – wenn schon, denn schon. Ammar Alsaabi steht derweil an einem Tisch und erklärt einem konzentriert dreinblickenden Fünfergrüppchen auch ein paar Begriffe. Dann sagt jemand „Pause!“ – ein Wort, das offenbar alle schon verstehen. Ein junger Mann geht vor die Tür, eine Zigarette rauchen, zwei Männer und Frauen diskutieren leise an einem Tisch. Ihre Hände huschen übers Papier. „Der Stuhl“, sagt einer und deutet auf das passende Bildchen. Was sie nicht wissen: Neben der Exkursion nach Weil am Rhein hat ihr Kursleiter heute noch eine Überraschung für sie. Aber diese wollte er partout nicht verraten. Auch nicht auf Deutsch.

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