Grenzach-Wyhlen Mit „Raffle“ durchs Dorf

Grenzach-Wyhlen - Während sich die uns so vertraute Weihnachtserzählung lediglich beim Evangelisten Lukas findet, ist die Passionsgeschichte in allen vier Evangelien nachzulesen.

Dieses zentrale Ereignis ist eben im Gegensatz zum Weihnachtstermin historisch festzumachen, da es dem jüdischen Pessachfest zuzuordnen ist. Wie sehr dieses Ereignis nicht nur liturgisch, sondern auch in der sogenannten Volksfrömmigkeit Bedeutung hat, zeigen die zahlreichen Bräuche der Karwoche, die den Gläubigen das Geschehen greifbar machen sollen.

Eindrucksvolle Bräuche auch in der Heimat

Am eindrucksstärksten sind wohl die Bräuche der „semana santa“ in Andalusien. Aber auch bei uns, vor allem im Alpenraum, gibt es zahlreiche originelle und beliebte Bräuche. Denken wir nur an den Palmesel und vor allem das Palmenaufstellen, das bei uns immer noch lebendig ist. Und wenn nach dem Gloria der Gründonnerstagsmesse die Glocken bis zum Ostergottesdienst verstummen, hatten früher hölzerne Rasseln deren Funktion übernommen und eine Holzklapper die Glöckchen der Ministranten ersetzt. Der Volksmund sprach davon, dass die Glocken nach Rom fliegen würden, um an Ostern feierlich wieder zurückzukehren.

Wie sah nun solch eine Rassel, oder wie man in Wyhlen sagte, „Raffle“ aus? Glücklicherweise hat der leidenschaftliche Heimatkundler Ewald Kaiser zwei solcher Rasseln vom Kirchturm St. Georg in Obhut genommen.

Dass der deutsch/schweizerische Schriftsteller Jakob Schaffner (1875-1944) genau diese Raffeln 1922 in seinem lesenswerten autobiografischen Roman „Johannes“ beschrieben hat, verleiht ihnen besondere Würde.

Jakob Schaffners katholische Mutter stammte nämlich aus der Bergstraße in Wyhlen, sein Vater war Baselbieter und demnach evangelisch. Als der Vater verstorben und seine Mutter ohne ihn nach Amerika ausgewandert war, brachte man den achtjährigen evangelischen Buben zu seinen katholischen Großeltern nach Wyhlen.

So lernte er ganz selbstverständlich die bunte Welt der Katholiken kennen, schließlich war der heißgeliebte Großvater nicht nur Schermuser, sondern auch Mesner in der Himmelspforte. Und was für die damalige Zeit sicher ganz außergewöhnlich war, der kleine Jakob durfte sogar in St. Georg ministrieren. Ein Jahr lang hat dieses Glück gedauert, bevor ihn sein Basler Vormund, ein strenger evangelischer Pfarrer, in Beuggen, in der pietistisch geführten sogenannten „Anstalt“ angemeldet hat.

Das „schönste Jahr seines Lebens“, wie es Schaffner selbst nennt, ging jäh zu Ende. In seinem Roman „Johannes“ hat er in den ersten Kapiteln diesem Jahr in Wyhlen ein anrührendes und lesenswertes Denkmal gesetzt. Die „Karfreitagsraffle“ und seine Empfindungen beschreibt er wie folgt: „Zu den hohen Zeiten ertönte statt der Glocken die Rassel, ein Holzkasten, den man vor die Kirche stellte und in welchem ein starker Mann ein Speichenrad drehte; das klapperte innen misstönig und zornig gegen den Kasten und erzeugte ein Geräusch, das man durchs ganze Dorf hörte. Es war etwas kanaanitisch Heidnisches an dem Lärm; es klang darin alle angeborene Gottlosigkeit des menschlichen Herzens auf, und ich war traurig und unruhig, solange die Rassel zum Gottesdienst rief.

Jakob Schaffner schrieb über Wyhlener Kindheit

Aber in der Osterfrühe donnerten wie klingende, melodische Frühlingsgewitter alle Glockenstuben wieder hell auf. Ein Freudenschrei und Blitz der Erneuerung fuhr selig zuckend das Rheintal hinunter, schlug ein und zündete lachend. Die Hertener Glocken waren die ersten; sie hatten es frisch von den Nollingern, dass der Herr wieder erstanden sei….“

Das Kapitel über das glückliche Jahr bei seinen Großeltern beendet er mit dem Satz: „In der Freude sind wir alle mehr katholisch.“

Eine kleine Sandsteintafel am großväterlichen Haus in der Bergstraße erinnert an Jakob Schaffner, dessen literarisches Werk leider in Vergessenheit geraten ist, wohl geschuldet seiner großen Nähe zum Nationalsozialismus. Schaffner und seine Frau kamen bei einem Angriff auf Straßburg 1944 ums Leben.

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