Grenzach-Wyhlen „Mitzuhelfen war eine große Ehre“

Grenzach-Wyhlen - Wenn heute Abend auf dem Wyhlener Mühlenrain und morgen, Sonntag, auf dem Grenzacher Rettenacker wieder die Flammen gen Himmel züngeln, wird das vermutlich älteste noch immer gelebte Brauchtum unserer Gegend zu neuem Leben erweckt: das Fasnachts- oder Scheibenfeuer. Was hinter diesem Brauch steckt und welche persönlichen Erinnerungen Erhard Richter damit verbindet, hat unserer Redakteur Tim Nagengast bei einer Tasse Tee mit dem Heimatforscher erfahren.

Herr Dr. Richter, bereits Julius Caesar schreibt in seinem Werk „De Bello Gallico“ („Der gallische Krieg“) über eine besondere Beziehung der Germanen zum Feuer. Dieses werde wie ein Gott verehrt, heißt es.

Richtig. In der Mythologie vieler Kulturen spielt das Feuer eine große Rolle, es wurde kultisch verehrt. In der germanischen Mythologie etwa heißt es, Loki habe den Göttern das Feuer geraubt und es den Menschen gebracht.

Und was haben die heutigen Fasnachts- oder Scheibenfeuer damit zu tun?

Der einst kultische, der heidnische Bezug dieses bis heute im alemannischen Siedlungsraum gepflegten Brauches ist unbestritten. Das Fasnachtsfeuer steht damit in einer Reihe mit der Gruppe der Frühlingsfeuer allgemein.

Aber bleiben wir beim Fasnachtsfeuer. Wo gibt es diese bis heute?

Grob gesagt: im Alemannenland, also im Allgäu, in Vorarlberg, in der Deutschschweiz, im Elsass und im Südschwarzwald, aber besonders im Markgräflerland und im Breisgau.

Aber kultische Bezüge sehe ich selbst eigentlich keine mehr. Zwar geht mancherorts auf dem Holzstoß noch eine „Hexe“ oder eine „Frau Fasnacht“ in Flammen auf, aber sonst hat man halt Spaß, trifft sich am „Füür“, schlägt Scheiben und pflegt die Geselligkeit.

Aber früher wurden diese Feuer oftmals in feierlicher Andacht entfacht. Noch heute wird in einigen Schweizer Kantonen beim Anzünden des Feuers der Rosenkranz oder das Vaterunser gebetet. In einigen Orten wird zum Beispiel die erste Scheibe zu Ehren der Dreifaltigkeit oder der Muttergottes geschlagen.

Und warum brennen die meisten Fasnachtsfeuer auf den Höhen und nicht im Tal?

Auch diese Tatsache deutet auf einen kultischen Hintergrund hin, wahrscheinlich auf einen Abwehrzauber als Vater des Gedankens. Man glaubte, durch den Schein des Feuers die schädlichen Dämonen der Finsternis von der jungen Aussaat vertreiben zu können. Und damit die Flammen möglichst weit über das Land strahlten und ihre Wirkung gegen die Dämonen entfalteten, zündete man die Feuer auf den Höhen an.

Und das Scheibenschlagen?

Das hängt unmittelbar damit zusammen. Man schlug das Feuer weiter hinaus, um große Teile der Flur erreichen zu können. Der kultische Hintergrund wird hier besonders in den Scheiben-Sprüchen greifbar, denn die ältesten bis heute bekannten Sprüche enthalten Fruchtbarkeitsformeln für die Flur. Diesen Flurzauber hat man dann aber auch auf Dinge oder Menschen ausgeweitet. Noch heute werden für manche Menschen „Ehrenscheiben“ geschlagen. Oder auch für die eigene Liebste.

„Schiibi, Schiibo!

Wäm soll de Schiibe go?“

Genau! Sie erkennen hier schon, dass die Scheibe beziehungsweise das „Füürrädli“ jemandem gewidmet werden soll.

Ja, aber nicht immer zum Positiven. Bei uns hieß es zum Beispiel: „Schiibi, Schiibo! Wäm soll de Schiibe go? De Schiibe, de soll suure, im Lehrer an si’ Schnuure.“ Wenn ich das mal so direkt sagen darf, obwohl Sie ja pensionierter Lehrer sind.

Ja, das kenne ich (lacht). Ich habe mit Scheibensprüchen auch so meine eigenen Erfahrungen gemacht!

Bitte erzählen Sie!

Naja, das war wohl 1946 oder 1947. Da war ich mit meiner Jugendfreundin Anneliese auf dem Mühlenrain in Wyhlen am Fasnachtsfeuer.

Sie freiwillig in Wyhlen? Als Grenzacher?

Allerdings (lacht). Anneliese stammte ja von dort. Dass ich als Grenzacher Bursche dort war, sorgte aber für ziemliches Aufsehen. Man schlug dann sogar eine Scheibe, die „im Erhard un im Annelies“ – also uns beiden – „gehen“ sollte. Die Wyhlener wollten uns damals wohl verloben ( lacht). Und übrigens: Am Folgetag stand ich mit vollem Namen in der Zeitung, weil es wirklich außergewöhnlich war, dass ein Grenzacher nach Wyhlen ans Feuer kam!

Unglaublich...

Doch, so war das.

Haben Sie denn selbst mal bei einem Fasnachtsfeuer mitgeholfen?

Aber sicher! So etwas war eine große Ehre! Schon ab 1935 – da war ich acht Jahre alt – bin ich mit meinem Bruder und einem Freund durch Grenzach gezogen, um bei den Bauern nach Holz fürs „Füür“ zu fragen.

Und die waren freigebig?

Ja, wir Buben wussten schon, welche Bauern das ganze Jahr über immer ein wenig Feuerholz für uns beiseite gelegt hatten. Und im Wald haben wir auch noch etwas nehmen dürfen. Mein Vater war ja Forstwart. Der hat uns dann direkt im Wald gezeigt, was wir verwenden durften.

Sie hatten aber mal einen Unfall. Sind Sie vom Holzstoß gefallen?

Nein, nein, ich habe eine glühende Scheibe ins Gesicht bekommen. Man wollte ja sein „Füürrädli“ möglichst weit schlagen. Also hat derjenige, der vor mir stand, mit seinem Stecken samt glühender Scheibe richtig weit ausgeholt. Und ich bekam die Scheibe an die linke Backe, ganz nah am Auge übrigens, und der Abend war für mich gelaufen. Ich hatte jahrelang eine sichtbare Narbe davon. Wenige Jahre später gab es aber dann ohnehin keine Fasnachtsfeuer mehr...

Wieso das? In der NS-Zeit wurden doch sämtliche Bräuche gefördert, die irgendwie auch nur entfernt etwas mit dem germanischen Ahnenerbe zu tun zu haben schienen.

Natürlich, zwischen 1933 und 1939 wurde dies sehr gefördert, aber dann begann ja der Krieg. Da wären die Fasnachtsfeuer für gegnerische Flugzeuge eine gute Zielscheibe gewesen. Gleich nach Kriegsende lebte der schöne Brauch der Fasnachtsfeuer aber sofort wieder auf.

Gibt es denn historische Aufzeichnungen, wann in Grenzach und Wyhlen erstmals Fasnachtsfeuer entzündet worden sind?

Nein, denn dieser Brauch geht ja, wie zu Beginn geschildert, auf heidnische Ursprünge zurück. Die erste urkundliche Erwähnung eines solchen Feuers stammt aus dem Jahr 1090 und bezieht sich auf das Kloster Lorsch.

Haben die Mönche etwa heidnische Riten praktiziert?

Nein, ganz profan: In der genannten Urkunde steht, dass ein Nebengebäude des Lorscher Klosters niedergebrannt sei. Der Grund: unvorsichtiges Scheibenschlagen.

Herr Dr. Richter, herzlichen Dank für diese interessanten und auch sehr persönlichen Ausführungen.

Zur Person: Erhard Richter

Erhard Richter, geboren 1927 in Grenzach, ist ein profunder Kenner der regionalen Heimatgeschichte. 1957 promovierte er mit einer Dissertation über die Flurnamen von Wyhlen und Grenzach, diese erschien 1962 als Buch. Der Pädagoge wurde 1969 Leiter des neugegründeten Progymnasiums Grenzach, das 1972 zum Vollgymnasium aufgestockt wurde. Richter ist Entdecker der Grenzacher Römervilla und war Vorsitzender der Burgfestspiele Rötteln. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes und etlicher weiterer Auszeichnungen ist Ehrenbürger der Gemeinde Grenzach-Wyhlen.

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