Grenzach-Wyhlen Tiefer Blick in die Ortsgeschichte

Rolf Reißmann
Axel Huettner zeigte den Zuhörern die Vielfalt der Schriften in den handgeschriebenen Büchern auf. Foto: Rolf Reißmann

Kirchenbücher werden in der evangelischen Gemeinde Grenzach seit 1599 geführt. Allen Widrigkeiten der Geschichte zum Trotz sind diese Schriftwerke bis heute erhalten geblieben und nahezu lückenlos geführt. Als Pfarrer i.R. Axel Huettner in der evangelischen Dorfkirche einen Vortrag über seine umfassenden Untersuchungen an den Kirchenbüchern hielt, erfuhren die 25 Besucher eine Fülle hochinteressanter Details.

Von Rolf Reißmann

Grenzach-Wyhlen. Das älteste Buch mit Eintragungen aus der Kirchengemeinde stammt zwar bereits von 1546, doch war dies noch kein Kirchenbuch im Sinne der Definition. In den Grenzacher Büchern ab dem Jahr 1599 wurden dann alle Geburten, Taufen, Eheschließungen und Todesfälle festgehalten. Viele Pfarrer beließen es jedoch nicht bei den nüchternen Eintragungen, sondern fügten mitunter umfangreiche Bemerkungen an, sodass mit der Führung dieser Register auch ein Bild der damaligen sozialen Umstände gezeichnet wurde. „Es finden sich Bemerkungen zu Witterung und Ernte, zu Krankheiten und auch zur Lebensweise der Dorfbewohner“, erklärte Huettner.

„Tintenfraß“ macht manche Seite unlesbar

„Leider schrieben nicht alle Pfarrer sauber und gewissenhaft, deshalb können wir heute einige Einträge nicht mehr lesen.“ Der Zustand der Kirchenbücher hängt auch von den verwendeten Tinten ab. Vielfach fertigten die Schreiber ihre Tinten selbst. Überwiegend sind sie haltbar, aber es gibt auch einige Bücher, in denen „Tintenfraß“ eintrat, das heißt: Die Tinte zersetzte wegen Übersäuerung das Papier; dann sind Vorder- und Rückseiten nicht mehr lesbar.

In den deutschen Ländern wurden Kirchenbücher bis zur Gründung des Kaiserreiches von den Kirchengemeinden geführt. Sie erfüllten damit die Aufgabe des Personenstandswesens. Als staatliche Aufgabe wurde dies erst nach 1870 eingerichtet – in einigen Ländern sofort nach Reichsgründung, in andern zog sich dieser Prozess bis etwa 1875/76 hin.

Ein anderer Teil des Festhaltens von Ereignissen und Daten waren die Kirchenzensurprotokolle. Das sind die Nachweise der Kirchengerichte, die hier aus den Jahren 1744 bis etwa 1850 vorhanden sind. In diesen Unterlagen hielten die Kirchengerichte, zu denen Pfarrer, Vogt Geschworene – also Vorgänger der späteren Kirchengemeinderäte – und etliche andere verpflichtete Personen gehörten, ihre Erkenntnisse fest.

„Übelhauser“ und uneheliche Geburten

Wie Huettner erläuterte, wurden da vor allem Lebensweisen dokumentiert, also ob Personen der Sauflust verfallen waren, ob sie sogenannte Übelhauser, also Unfrieden stiftende Mitbewohner, waren oder ob es uneheliche Geburten gab. Väter wurden schon damals peinlich genau gesucht, denn standen sie nicht fest, mussten die Gemeinden die Kosten für die Kinder tragen. In anderen Büchern wurden Memorabilia, also Denkwürdigkeiten festgehalten. So ist aufgeschrieben, dass 1731 die erste Orgel in Betrieb genommen wurde.

Huettner stieß auf die alten Grenzacher Kirchenbücher, als er die Vakanzvertretung nach dem Ausscheiden von Alfred Klassen übernahm. Auf dem Boden des Pfarrhauses fand er die 23 Bücher. Einige waren in so schlechtem Zustand, dass sie neu gebunden werden mussten. Dafür brachte der Verein für Heimatgeschichte das Geld auf, schließlich sind die daraus gewonnenen Erkenntnisse wichtige Details der Ortsgeschichte. Nach Instandsetzung der Bücher durch einen Rheinfelder Buchbindermeister befinden sie sich nun in einem Zustand, der die weitere Erhaltung für viele Jahrzehnte sichern soll.

Weitere Informationen: Ausführlich wird über die Kirchenbücher auch im neuen Jahresheft des Vereins für Heimatgeschichte zu lesen sein, welches im Herbst erscheinen soll.

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